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Kultur

Mehr als vier Leisten

Nicht nur Gemälde, auch Rahmen können auf Auktionen horrende Summen erzielen. Weltweit gibt es nur eine Handvoll von historischen Rahmenhändlern- und Restauratoren. Einer der wichtigsten lebt und arbeitet in Berlin.

Der Meister der Rahmen Olaf Lemke in seiner Wohung Foto: dw-Aygül Cizmecioglu Mai 2010, Deutschland

Der Meister der Rahmen Olaf Lemke

Der Duft von frisch gebrühtem Tee und Palisanderholz durchströmt das kleine Atelier in Berlin. An den Wänden hängen Dutzende Haken, in den Regalen liegen kleine Tuben mit Leim und Kunstbände. Ab und zu schiebt Olaf Lemke seine Brille nach oben, blickt konzentriert auf die Kostbarkeit in seinen Händen – ein zarter Rundrahmen aus dem 17. Jahrhundert.

"Man darf nicht so starkl mit dem Pinsel aufdrücken, das würde nur das Gold verletzten.", sagt der 74jährige. Sanft trägt er eine spezielle Lauge auf die dunklen Blütenornamente auf. Schicht für Schicht löst er damit die hässliche Bronzeschicht, die sie Jahrzehnte lang bedeckte. Als die ursprüngliche Vergoldung darunter zu leuchten beginnt, huscht ein Lächeln über Olaf Lemkes Gesicht.

Geduldig wie ein Archäologe

Olaf Lemke bei der Arbeit Foto: dw-Aygül Cizmecioglu

Akribische Detailarbeit

„Ich hätte gerne Archäologie studiert, aber mit dem Freilegen von Rahmen mache ich ja etwas ähnliches", gesteht er. Für ihn ist Geduld das wichtigste in seinem Job. Und die hat Olaf Lemke: „Es kann manchmal Monate, ja sogar Jahre dauern, bis ein Rahmen fertig ist." Der elegante Herr mit dem lichten Haar ist einer der ganz wenigen Rahmenrestauratoren weltweit – und einer der besten. Fast 2000 antike Rahmen – von der Renaissance bis zum Barock, hütet er seinem kleinen Laden. Kostbare Unikate, bis zu 40.000 Euro teuer. Schwere Gipsfassungen, Industrieware ab dem 19. Jahrhundert interessieren ihn nicht.

Untrennbare Einheit

Olaf Lemke weiß, dass edle Rahmen und Bilder über Jahrhunderte hinweg eine untrennbare Einheit waren. Je höher die Qualität des Rahmens, desto höher war auch die Qualität des Bildinhalts. "Wenn man zurückgeht ins 15. und 16. Jahrhundert", so der passionierte Restaurator „war der Maler mit dem Rahmenmacher ebenbürtig. Die Maße mussten auf den Millimeter stimmen." Oft wurden Bilder sogar erst nach der Rahmung zu Ende gemalt.

Die Siegel und kleinen Notizen auf der Rückseite der Fassung geben heute Aufschluss darüber, was sich einst darin befand. Mit einem Spezialmikroskop versucht Olaf Lemke die Zeichen zu entziffern. Ein Kreuz oder die Farben rot oder blau sind untrügliche Indizien dafür, dass die Kirche der Auftraggeber war, also eine Madonna oder eine Heiligendarstellung darin steckte.

Fürstliche Ignoranz

Diese Einheit löst sich ab dem 18. Jahrhundert auf. Die Fürstentümer begannen nach ihrem Zeitgeschmack zu rahmen. Manchmal aus purer Notwendigkeit, wie bei August dem Dritten, dem Sohn von August dem Starken. „Seine Leidenschaft war, die größte Gemäldesammlung der Welt in Dresden zusammenzutragen", so Olaf Lemke. „Um sie dicht hängen zu können, hat er jedes Bild neu rahmen lassen." Die Bilder hingen bis neun Meter hoch an den Wänden.

„Er hat tatsächlich einen Dürer in einen Rokoko-Rahmen gesteckt", empört sich Olaf Lemke. „Die Kunsthistoriker können heute davon nicht mehr runter und müssen jetzt immer so weiterrahmen. Da sind furchtbare Zerstörungen entstanden, die nicht mehr gut zu machen sind." Fast so etwas wie Wut ergreift den sonst sanftmütigen älteren Herrn, wenn er davon erzählt. Ohne ein Gespür für Kunst brauche man einen Rahmen gar nicht erst in die Hand nehmen.

Restaurieren statt Kopieren

Vor rund 60 Jahren machte Olaf Lemke in Berlin eine Lehre als Vergolder. Dochh das solide Handwerk war ihm nicht genug. Er ging nach London, lernte das perfekte Kopieren von historischen Rahmen und ihre Einordnung. „Ich war so wissensdurstig, dass ich sogar am Wochenende in die Museen ging und die Rahmen samt Bildern abzeichnete", gesteht er. „Ich habe immer gesagt, wenn ein Bild zu mir ins Geschäft kommt, muss ich sofort wissen, was es ist. Ich muss auf der gleichen Höhe sein, wie der Kunde."

Und genau dieses Wissen zeichnet heute Olaf Lemkes Arbeit aus. Längst hat er das Kopieren aufgegeben. Auch weil er weiß, dass eine gute Kopie unglaublich zeitaufwändig ist und perfekt gemacht nur zwanzig Prozent weniger kostet als das Original.

Suche nach der perfekten Größe

Dafür geht er lieber auf die Suche nach den wahren Rahmenschätzen, etwa in Trödelläden in Spanien oder Frankreich. Manchmal muss er ziemlich lange suchen. Denn Olaf Lemke schneidet, anders als viele seiner Kollegen, Rahmen nicht zu. „Sie würden ein Cézanne-Gemälde ja auch nicht nach Bedarf verkleinern" sagt er mit einem spöttischen Unterton.

Das heißt, die Größe von Bild und Rahmen müssen bei ihm perfekt stimmen. „Eine Zeichnung in Aquarell kann man immer mit einem Passepartout versehen, um die Differenz auszugleichen", so Olaf Lemke. „Aber bei einem Ölbild geht das nicht." Eine Einlage würde immer etwas abdecken. „Und sei es nur ein Stück vom Haaransatz oder vom Finger an der Aussenseite des Bildes." Und das sei ein absoluter Kardinalsfehler in der Rahmenwelt."

Picasso in Gold

Olaf Lemke in seinem Atelier Foto: dw Aygül Cizmecioglu

Dem Auge des Restaurators entgeht nichts

Schließlich rahmt Olaf Lemke millionenschwere Kunstwerke – von van Gogh bis Dali. Zu seinen Kunden gehören seit Jahrzehnten Künstler wie Georg Baselitz und die wichtigsten Kunstsammler der Welt. Doch an einen erinnert sich Olaf Lemke ganz besonders. „Heinz Berggruen hatte die `Dora Maar´ von Picasso in Paris ersteigert und von einem Kollegen in einen Goldrahmen aus dem 18. Jahrhundert stecken lassen", erzählt er.

„Aber Gold zu Picasso ist unmöglich. Dieser Maler braucht die Aufwertung von außen durch Gold gar nicht." Also bot Olaf Lemke dem verzweifelten Kunstsammler eine Alternative aus Spanien an. „`Dora Maar´ trägt auf dem Bild einen wunderschönen Schal um den Hals und die Farben spiegelten sich in der Marmorierung des Rahmens wider", erzählt Olaf Lemke voller Stolz. „Das ist so die schönste Lösung, die man finden kann."

Pure Schönheit

Für alle, die Rahmen eher als schnödes Beiwerk von Kunst betrachten, hat Olaf Lemke noch eine Überraschung über seinem Atelier. Eine riesige Altbauwohnung nur für Rahmen. Sie hängen in- und übereinander, sortiert nach Jahrhunderten. Kostbarkeiten aus Perlmutt, Gold und Ebenholz. Eckig, oval, mit aufwendig verschnörkelten und klassisch strengen Formen, matt und glänzend. Und die Rahmen sind leer, ganz ohne Bilder. „Hier lenkt nichts von ihrer Schönheit ab", meint Olaf Lemke und lächelt süffisant.

Autorin: Aygül Cizmecioglu

Redaktion: Günther Birkenstock