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Sport

Mehr als nur ein Dopingfall

Seit Donnerstag (22.10.2009) blickt die Sportwelt gebannt nach Lausanne, wo vor dem CAS der Fall der gesperrten Claudia Pechstein verhandelt wird. Das Urteil könnte gravierende Folgen für den Anti-Doping-Kampf haben.

Claudia Pechstein zieht Grimasse und streckt die Zunge raus (Foto: dpa)

Kämpferisch vor dem CAS-Urteil: Claudia Pechstein

Die Mehrkampf-Weltmeisterschaften im norwegischen Hamar im Februar diesen Jahres: Ausgerechnet vor ihrer Paradestrecke, den 5000 Metern, bricht Claudia Pechstein den Wettkampf überraschend ab – angeblich wegen einer plötzlichen Erkrankung. Später gibt sie an, dass der Eislaufverband ISU ihr dazu geraten hatte. Er soll ihr sogar nahegelegt haben, ihre Karriere sofort zu beenden, um so den Dopingverdacht gegen Pechstein zu vertuschen. Das, was sich wie ein mafiöser sportpolitischer Kuhhandel anhört, war der Auftakt für einen acht Monate langen Rechtsstreit zwischen Pechstein und dem Verband. Die ISU verwies auf verdächtig erhöhte Werte der jungen Blutkörperchen bei Pechstein. Pechsteins Verteidigung legte aufwändige Gegenanalysen vor und prangerte Verfahrensfehler an. Nun muss der Internationale Sportgerichtshof CAS entscheiden – und da dieser die Trainingssperre bereits aufhob, ist Pechsteins Manager Ralf Grengel überzeugt, dass seine Athletin schon bald auch wieder an Wettkämpfen teilnehmen wird: "Bei der deutschen Meisterschaft Ende Oktober wird Claudia Pechstein wieder auf dem Eis stehen."

Claudia Pechstein im Rennanzug (Foto: dpa)

Hat Claudia Pechstein über Jahre gedopt?

Die Pechstein-Verteidigung ist sich ihrer Sache sicher. Sie stützt sich dabei seit kurzem auch auf den australischen Doping-Forscher Robin Parisotto, der Veränderungen des Blutes bei Epo-Doping untersuchte. Laut Grengel gebe es neben den bei Pechstein auffälligen jungen Blutkörperchen in der Parisotto-Studie sechs weitere relevante Parameter, die im Falle der Eisschnellläuferin allesamt unauffällig seien. Die Vorgehensweise der ISU ist für den Pechstein-Manager juristisch unhaltbar. "Es sind Behauptungen aufgestellt worden, es sind Werte dargelegt worden, aber letztendlich ist die ISU bislang noch die vollständige Beweislage an Akten schuldig geblieben", bemängelt er. "Man kann kein Verfahren anstrengen in so einem sensiblen Bereich wie dem des Dopings und dann die Beweise dafür schuldig bleiben."

Schänzer: "Die indirekten Verfahren sind unverzichtbar"

Dopingexperte Wilhelm Schänzer (Foto: dpa)

Wilhelm Schänzer: hohe Abschreckung erreichen

Eine plausible Antwort, warum in ihrem Blut mehrfach eine erhöhte Zahl junger Blutkörperchen gemessen wurde, blieb allerdings auch Claudia Pechstein schuldig. Mit dem Fall Pechstein ist auch das Schicksal der indirekten Nachweisverfahren in der Dopingbekämpfung eng verbunden. Mittels der Analyse von Veränderungen im Blutprofil sollen Manipulationen aufgedeckt werden – auch wenn sie mit bislang nicht nachweisbaren Mitteln erfolgten. Für Professor Wilhelm Schänzer von der Deutschen Sporthochschule Köln ist dies ein entscheidender Schritt im Anti-Doping-Kampf. "Ich denke, die indirekten Verfahren sind unverzichtbar. Wir müssen damit arbeiten, um ein so genanntes Monitoring vornehmen zu können", sagt er. "Das heißt, wir können plötzlich auffällige Athleten weiter verfolgen. Man überprüft sie häufiger, man verunsichert sie letzten Endes und versucht somit natürlich auch, eine hohe Abschreckung zu erreichen."

Auf diese Abschreckung setzt auch die Nationale Anti Doping Agentur (NADA). Allerdings räumt NADA-Justiziarin Anja Berninger auch ein, dass das Pechstein-Urteil spürbare Konsequenzen für die Anwendung dieser neuen Abschreckung haben könnte: "Wenn es im Rahmen der Berufung dazu kommt, dass die Sperre aufgehoben wird, heißt das nicht, dass das das Ende aller Indizienprozesse ist". Allerdings sei es natürlich eine Rechtssprechung, auf die bei zukünftigen Entscheidungen zurückgegriffen werde. "Sie könnte die Hemmschwelle für die Verbände und Anti-Doping-Agenturen ein wenig nach oben versetzen, entsprechende Indizienprozesse zu führen."

Ende der Indizienprozesse oder Anklageflut?

Laborantin füllt Flüssigkeit in Reagenzglas (Foto: DW-TV)

Indirekte Nachweisverfahren sind aufwendig

Um den Indizienprozess gegen Pechstein nicht zu gefährden, hatte der Eisschnelllaufverband den Analyse-Zeitraum nachträglich von acht auf zwei Jahre verkürzt – was das Pechstein-Lager prompt als ein weiteres Indiz für die Hilflosigkeit des Verbandes deutete. Sollte die Sperre Pechsteins vom Sportgerichtshof in Lausanne kassiert werden, fürchtet Dopingforscher Fritz Sörgel negative Folgen für die Doping-Bekämpfung: "Ich habe mittlerweile schon etwas Bedenken, ob die Entscheidung angesichts der komplizierten Materie und des Aufeinandertreffen von hoher Wissenschaft und Kaffeesatz-Leserei nicht letztlich doch auch zugunsten von Frau Pechstein ausschlägt", sagt er. "Und das fände ich bedauerlich. Denn wenn dieser Fall positiv für Frau Pechstein ausgeht, es also zu einem Freispruch kommt, wird das folgenschwer für den gesamten Anti-Doping-Kampf seub – insbesondere die indirekten Methoden."

Skilangläufer hintereinander aufgereiht in der Loipe (Foto: AP)

FIS besitzt "schwarze Liste"- droht ein Doping-Beben?

Doch auch wenn der Eisschnelllaufverband den Prozess in Lausanne gewinnen sollte, könnte der Fall Pechstein erhebliche Konsequenzen haben. Es könnte zu einer Flut von weiteren Anklagen und Verurteilungen von Athleten führen, glaubt der Präsident des Ski-Weltverbandes FIS, Gian Franco Kasper. "Wir haben im Skiverband - wie wohl alle anderen Verbände auch - eine schwarze Liste mit Sportlern, bei denen wir aus Blutuntersuchungen wissen, dass Veränderungen stattgefunden haben", sagte Kasper. Bestätigt das Gericht Pechsteins Sperre, wäre ein Präzedenzfall geschaffen. Kasper verwies auf die bislang unabsehbaren juristischen Folgen des Indiziennachweises. "Wir haben gerade im Bezug auf Wachstumshormone große Verdachtsmomente, wissen aber genau, dass das vor Gericht nicht bestehen würde. Es gibt zwar einen Test, aber noch kein Gericht, das ihn für zulässig befunden hat."

Das Urteil des CAS dürfte somit nicht nur für Claudia Pechstein und die ISU eine richtungweisende Entscheidung sein. Auch für den Anti-Doping-Kampf steht viel auf dem Spiel.

Autor: Joscha Weber

Redaktion: Andreas Ziemons

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