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Israel

Mehr als eine Zeitschrift

Seit 1932 wird in Tel Aviv das einzige hebräisch-deutsche Blatt der Welt gemacht. Chefredakteur ist heute ein stolzer Israeli. Früher wollte er nichts von Deutschland wissen. Doch er entdeckte seine Familiengeschichte.

"Wir wollten damals keine Geschichten über Deutschland  hören. Wir wollten stolze Israelis sein, wir wollten unsere Bedeutung zeigen", sagt Micha Limor. Wir, das waren die Kinder der Jeckes - der deutschen Juden, die auf der Flucht vor den Nationalsozialisten nach Israel emigriert waren. Heute sind die meisten dieser Kinder im Rentenalter. So wie Micha Limor selbst. 1938 geboren, könnte er es sich nach einer Top-Karriere als Fernsehjournalist eigentlich etwas gemütlicher machen. Aber Limor, der als junger Mann nichts von Deutschland wissen wollte, hat sich für ein zweites Berufsleben entschieden: Seit 2004 ist er Chefredakteur der weltweit einzigen hebräisch-deutschen Zeitschrift, die heute noch existiert.

Unter dem Namen "Mitteilungsblatt" erschien vor 80 Jahren die erste Ausgabe. Gemacht für die Neueinwanderer, die der Verfolgung im Nazi-Reich nach Palästina entkommen waren und dort nach Orientierung suchten. Mit Tipps für den Neustart und Werbung für Schiffspassagen. Mit Anzeigen von Betrieben, die "ehemals in Berlin", nun in Tel Aviv ansässig waren. Oder mit Kinoreklame für "Schneewittchen und die sieben Zwerge": ein erschreckendes Nebeneinander von Abgrund und Alltag. Doch bald wurde aus dem Blatt ein intellektuelles Organ mit hochkarätigen Autoren wie Arnold Zweig, Max Brod oder Schalom Ben-Chorin.

Historische Ausgaben des MB Yakinton mit Hinweisen zur Ankunft in Palästina (Foto: DW/Aya Bach)

Ratgeber-Charakter: die Anfänge des "Mitteilungsblatts"

Aus der Nische geholt

Doch im Lauf der Jahrzehnte starben die Leser der ersten Generation, das Blatt wurde nahezu bedeutungslos und stand schon kurz vor dem Aus. Selbst Micha Limor, Journalist und Jecke, erfuhr erst von der Existenz des "Mitteilungsblatts", als seine Mutter ins Altersheim kam: Dort lagen die Hefte aus: "Ungefähr zehn Seiten, acht auf Deutsch, zwei auf Ivrit, keine Bilder, man musste sparen. Sehr eng geschrieben, ein hohes intellektuelles, akademisches Niveau. Da dachte ich, das lesen gerade mal die, die es geschrieben haben und vielleicht noch zehn Leute mehr. Und so war es."

Micha Limor holte das Blatt aus der Einwanderer-Nische heraus - mit einer wichtigen Akzentverschiebung: "Ich wollte, dass es einen hebräischen Namen bekommt, dass es ein israelisches Magazin ist, kein deutsches! Und dass es hauptsächlich in Ivrit geschrieben wird, ohne den deutschen Teil zu verlieren". Vom heutigen Titel "MB Yakinton" erinnern nur die beiden Initialen noch an das "Mitteilungsblatt". Und in "Yakinton", dem hebräischen Wort für Hyazinthe, klingt noch etwas mit, sagt Micha Limor: Der Wortanfang erinnert an "Jeckes", und "iton" bedeutet Zeitung.

"Ich habe nie meinen Vater interviewt"

Konferenz im Raum der Redaktion des MB Yakinton im August 2012 (Foto: Eli Majus)

Redaktionskonferenz in Tel Aviv

Heute ist es ein zweisprachiges Magazin für Kultur, Gesellschaft und Politik mit 4500 Abonnenten, davon 500, meist akademische Einrichtungen, in Deutschland. Die Autoren – Professoren, Journalisten, Schriftsteller – schreiben ehrenamtlich. Ihre Themen betreffen nicht nur Belange der Jeckes: Die soziale Schieflage in Israel und die Proteste dagegen gehören ins Blatt so wie die Debatte über Günter Grass und sein umstrittenes Israel-Gedicht. Oder auch kritische Worte zur Siedlungspolitik: Journalistische Unabhängigkeit und Meinungsvielfalt sind für Micha Limor unantastbare Grundsätze.

Es ist eine sehr persönliche Geschichte, die Micha Limor dazu brachte, sich dem hebräisch-deutschen Projekt zu widmen. "Ich war 45 Jahre lang Journalist, ich habe beinahe jeden interviewt vom Präsidenten bis zu den kleinen Leuten. Aber nie habe ich meinen Vater interviewt oder meine Mutter. Ich habe nie gefragt, wie er sich gefühlt hat als Emigrant in diesem Land. Ich habe mich nie dafür interessiert, was mit ihm in Deutschland war." Als der Vater starb, fand Limor an seinem Bett den "Spiegel", das Nachrichtenmagazin aus Hamburg: Die Verbundenheit mit dem Land, das ihn vertrieben und das er nie wieder betreten hatte, war tief – der Shoah zum Trotz.

AktuelleAusgaben des MB Yakinton (Foto: DW/Aya Bach)

Veritable Kulturzeitschrift: das MB Yakinton im Jahr 2012

Sprache der Täter

Doch Limor selbst näherte sich Deutschland erst, als er eine Zeit lang beim Bayerischen Fernsehen in München arbeitete. Er unternahm Ausflüge auf den Spuren des Vaters, traf sogar einen von dessen alten Bekannten: "Einen Deutschen, einen Christen. Der Mann schaut mich an und sagt, Adolf, was machst du hier? Adolf war der Name meines Vaters. Da habe ich zum ersten Mal gefühlt, dass das ein Teil von mir ist." Nicht ganz einfach, sich das einzugestehen – als Israeli, als Sohn deutscher Juden, die gezwungen waren, ihr Land zu verlassen. Und denen in Israel wie ein Makel anhaftete, selbst Deutsche zu sein.

Die Frage nach der Identität ließ ihn nicht mehr los: "Ich bin doch Israeli, ich bin hier geboren! Und doch habe ich solche Spuren", sagt er. "Das ist meine Geschichte, aber die gehört fast einer Viertelmillion Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben." Im Zentrum: die Kindheitserinnerung. "Diese Kindheit haben nur wir! Die Sprache ist natürlich ein Haupt-Parameter in einer Kultur. Also, wir haben schon etwas von dieser deutschen Kultur im Blut."

"In Deutschland fühle ich mich gut"

Porträt Micha Limor, Chefredakteur des MB Yakinton (Foto: DW/Aya Bach)

Micha Limor

So wurde das hebräisch-deutsche Blatt für Limor eine Herzensangelegenheit, die auch das Verhältnis zu Deutschland betrifft. Es drängt ihn geradezu, darüber zu sprechen: "Mehrere Jeckes der zweiten Generation wie ich sind nach Deutschland gereist. Der Autor Ruvik Rosenthal hat danach geschrieben, Entschuldigung, ich habe noch etwas zu sagen: In Deutschland fühle ich mich gut. Darauf habe ich gesagt: Weißt du was, auch ich!"

Kaum denkbar noch in den 1960er, 70er Jahren: "Wenn man damals einen Deutschen traf, der 60 Jahre alt war, wusste man nicht, ob er ein Täter, ein Nazi war. Heute haben sich neue Beziehungen zwischen den Nachkommen der zweiten, dritten Generation und den jungen Deutschen entwickelt. Sie sind heute Teil der kulturellen Erfahrung dieser Gesellschaft." Dazu gehören für Micha Limor auch Freundschaften, Business, akademische Zusammenarbeit: "Wir erforschen Deutschland inzwischen nicht mehr nur zum Thema Holocaust, sondern es geht uns um die deutsche Gesellschaft von heute. Das ist nicht mehr nur das Land unserer deutschen Eltern".

Und das MB Yakinton ist nicht mehr das Blatt der deutschen Einwanderer. Wie lang Limor noch Chefredakteur sein will? Eigentlich, fand er einmal, sollten es nur fünf Jahre sein, acht sind es bisher. Wer seine Geschichte gehört hat, der ahnt, dass Yakinton und Micha Limor noch länger verbunden sein werden. "Heute kennt die Zeitung jeder in Israel", sagt Limor, "Sie ist gewachsen, und wir sind stolz darauf."

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