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Sport

Mehr als ein Sieg für Kittel

Aus scheinbar aussichtsloser Position sprintet Marcel Kittel zu seinem zehnten Tour-de-France-Etappensieg. Noch mehr als sein Erfolg bewegt ihn aber die gewaltige Zuschauer-Kulisse beim Deutschland-Gastspiel der Tour.

Kurz hinter der Ziellinie sackt er zusammen. Marcel Kittel, ein Hüne mit ungewöhnlich breiten Schultern für einen Radprofi, sitzt zusammengekauert auf dem Bordstein. Der Kopf gesenkt, die Hände vor dem Gesicht, der Körper bebend vor Emotion. Schluchzend sitzt er dort für eine Weile, umringt von Kamerateams und Menschen, die seinen Namen rufen. Doch Marcel Kittel hört sie nicht, seine Gefühlswelt spielt gerade verrückt.

"Das ist ein sehr emotionaler Moment", sagt er ein paar Minuten später, als er sich wieder etwas gefasst hat. "Ich lasse es mir nicht immer anmerken, aber mich bewegt das", so Kittel, der damit aber gar nicht unbedingt seinen überlegenen Sprintsieg auf der zweiten Etappe der Tour de France in Lüttich meint, sondern etwas anderes: "Trotz des schlechten Wetters all die Leute dort zu sehen, das war für mich der größte Erfolg, noch wichtiger als der Etappensieg."

Kittel würdigt damit die gewaltige Zuschauerkulisse am Streckenrand. Nicht einmal die Optimisten im deutschen Radsport hatten bei diesem Schmuddelwetter solche Zuschauermassen erwartet. In vielen Städten bildeten sie ein dichtes Spalier für das Peloton der Tour und klatschten frenetisch Beifall - eine Atmosphäre, die Marcel Kittel überwältigte. "Es war eine großartige Erfahrung, durch Düsseldorf und Deutschland zu fahren. Es waren so viele Menschen da draußen. Das hat niemand erwartet. Es macht mich stolz, dass mein Sport in meinem Heimatland wieder respektiert wird."

"Diesen Tag werde ich nie vergessen"

Dass dies für den 29-jährigen Sprintstar keine Selbstverständlichkeit ist, erzählt viel über die Beziehung zwischen Deutschland und dem Radsport. Die Dopingenthüllungen rund um die deutschen Teams T-Mobile und Gerolsteiner haben viel Misstrauen hinterlassen. Eine neue Generation um Kittel sowie Tony Martin, André Greipel oder John Degenkolb musste daher neben sportlichen Leistungen jahrelang Überzeugungsarbeit leisten.

"Es gab Zeiten, da haben die Zuschauer Epo-Spritzen hoch gehalten und anderen Mist", erinnert sich Quickstep-Profi Kittel im Ziel in Lüttich an eine gar nicht so ferne Vergangenheit. "Ich denke, die Leute haben verstanden, dass dieser Sport schwere Zeiten durchlebt hat und dass wir viel getan haben, um das zu ändern. Für mich als deutschen Fahrer ist das ein einmaliger Moment heute. Diesen Tag werde ich nie vergessen."

Radsport Tour de France Tag 2 Zuschauer-Kulisse (picture-alliance/Belga/D. Waem)

1,3 Millionen Zuschauer, sagt die Stadt Düsseldorf, haben das Tour-Spektakel dort gesehen

In der Tat könnte dieses Wochenende einen Wendepunkt für den deutschen Radsport bedeuten, dem zudem mit Kittels Sieg ein sportliches Happy End glückte. Nach der Enttäuschung bei Tony Martin, der das Gelbe Trikot beim Zeitfahren am Vortag knapp verpasste, erfüllte Sprintspezialist Kittel die Erwartungen. Dabei sah es in der etwas chaotischen Sprintvorbereitung auf dem letzten Kilometer lange gar nicht nach einem Sieg für den Deutschen aus.

Sein blauer Sprintzug hatte ihn verloren, doch plötzlich tauchte Kittel wieder auf der rechten Fahrbahnseite auf, nutzte den Windschatten des früh angetretenen Italieners Sonny Colbrelli und sprintete mit einer Radlänge Vorsprung vor Arnaud Démare (Frankreich) und dem deutschen Rivalen André Greipel zum Sieg. Marcel Kittel war übrigens der erste Profi, der auf einem Rad mit Scheibenbremsen - einer im Peloton umstrittenen Technik - eine Tour-Etappe gewann.

Grün ist wohl nur eine Momentaufnahme

"Ja, ja, ja", schrie Kittel im Ziel seine Freude heraus, während sein Anfahrer Matteo Trentin bereits den Sieg DW-Interview analysierte. "Er ist wirklich ein einzigartiger Sprinter. Er kann gewaltige Wattzahlen treten und auch aus unmöglichen Situationen gewinnen." Mit seinem Sieg katapultierte sich Kittel nicht nur in der Gesamtwertung auf Platz drei (mit sechs Sekunden Rückstand auf den Führenden Geraint Thomas), sondern auch ins Grüne Trikot. Seine Chancen, dies auch in Paris noch zu tragen, schätzt Kittel jedoch als äußerst gering ein.

"Natürlich werde ich darum kämpfen. Aber die einzige Chance für einen reinen Sprinter, das Grüne Trikot zu gewinnen, ist, dass Peter Sagan krank wird", so Kittel, der daran erinnerte, dass in den Vorjahren auch vier Etappensiege nie für das grüne Trikot ausreichten. "Die ASO muss entscheiden, welchen Fahrertyp sie für das Grüne Trikot haben möchte. Momentan bevorzugt es Allrounder gegenüber Sprintern." Kittel wird so wohl erneut den Fokus auf Tagessiege im Flachland legen. Angesichts seiner momentanen Sprintstärke eine aussichtsreiche Strategie.

 

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