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Kultur

"Meeting the Odyssey": Auf den Spuren Homers ins Flüchtlingscamp auf Lesbos

Das europäische Theaterprojekt "Meeting the Odyssey" tourt per Segelschiff durch die griechische Ägäis. Auf der Insel Lesbos gingen sie an Land - und setzten ein Zeichen für Flüchtlinge.

"Wir machen hier hohe Politik", lacht Matilda von Weissenberg. Nicht so wie UN- Generalsekretär Ban Ki-Moon, der gerade in einem Flüchtlingslager auf Lesbos war. Aber ebenso wichtig, davon ist sie überzeugt. Die finnische Tour- Managerin hat im letzten Moment doch noch erreicht, dass die Theaterleute das Flüchtlingscamp "Kara Tepe" besuchen dürfen. Seit zwei Tagen liegt das europäische Theaterschiff "Hoppet" im Hafen von Lesbos, und noch immer sind die Auftrittsorte nicht klar. Auch letztes Jahr in Italien sei es nicht einfach gewesen, sagt sie. Aber die Abschluss-Tour durch Griechenland sei von der Organisation her noch chaotischer. Seit zwei Sommern ist das Theaterprojekt "Meeting the Odyssey" auf Fahrt durch Europa. An Bord sind Schauspieler aus insgesamt acht Ländern. In jedem Hafen, den sie anfahren, geben sie Workshops und präsentieren wechselndene Aufführungen angelehnt an Homers "Odyssee".

Segel setzen für Flüchtlinge

Das Theaterschiff Hoppet auf See (Foto: Ernie Li)

Das Theaterschiff "Hoppet" auf See

Anfangs sei es vor allem um die ökonomische Krise in Europa und das Nord-Süd-Gefälle gegangen, erklärt der italienische Regisseur Michele Losi, einer der Initiatoren des EU-geförderten Theatermarathons. Doch jetzt, wo Europa auseinanderzufallen droht, mit Grenzzäunen und Nationalismen, sei das Projekt deutlich politischer geworden, sagt er. Dass sie in Griechenland nicht nur, aber auch mit Flüchtlingen arbeiten wollten, war ziemlich schnell klar. Zumindest theoretisch. Doch wie kommt man mit den Menschen in Kontakt, ohne zu aufdringlich zu sein? Wie kann man ihnen erklären, dass es abends ein Theaterstück im Camp zu sehen gibt? Darf fotografiert werden?

Improvisationen mit Kindern im Flüchtlingslager Kara Tepe

Die zehn Schauspieler im Flüchtlingscamp Kara Tepe sind etwas unsicher. Doch während sie noch auf Anweisungen der Lagerleitung warten, ergeben sich in der "offenen Spielzone" des Camps erste Kontakte zu einigen Kindern. Die Flöten, die die Theaterleute dabei haben, finden sie besonders spannend. Einer der Jungen, der kurz vorher ziemlich aggressiv auf einen anderen losgegangen war, hat sich in die Fotokamera von Ernie Li verliebt. Die Dokumentarfilmerin, die das Projekt von Anfang an begleitet hat, ist begeistert von seinen Schnappschüssen.

Flöten-Improvisation mit Kindern im Flüchtlingslager Kara Tepe. (Foto: DW/ A.Kasiske)

Flöten-Improvisation im Flüchtlingslager Kara Tepe

Mehr als ein Kulturprojekt

"Wir sind mit dem Projekt jetzt in der Realität angekommen", meint Ernie Li. Anfangs war es für sie wie ein "utopisches Kultur-Festival". Sie ist extra aus China gekommen, um die Theaterreise auf eigene Kosten zu dokumentieren. Letztes Jahr ist die Truppe in einer Arbeitergegend aufgetreten, vor Publikum, das noch nie etwas mit Theater zu tun hatte, und hat auch dort Workshops gegeben. Schon damals habe sie sich gefragt, ob diese Menschen nicht etwas anderes als Theater bräuchten. Doch die Reaktionen waren durchweg positiv. Ein junges Mädchen beispielsweise, die Tochter eines Fischers, war damals so begeistert, dass sie jeden Tag geholfen habe, die kostenlosen Tickets für die Aufführung zu verteilen. Jetzt ist Ernie Li gespannt, wie die Flüchtlinge auf die Aufführung reagieren. Die finnische Schauspielerin Maria Ahlrath vom Theater Viirus ist etwas nervös. Sie hat Angst, dass die Kinder auf die Bühne rennen, dass es chaotisch wird. Und sie fragt sich, ob überhaupt Zuschauer kommen.

"Memories of Life" im Flüchtlingscamp Kara Tepe

Abends ist es dann soweit. Dank der guten Werbung des "Nachwuchsfotografen", der die Aufführung überall auf Arabisch angekündigt hat, ist fast das halbe Camp gekommen. "Memories of Life" erzählt vom alt werden, von Erinnerungen und deren Verlust. Es wird es unruhig, die Kinder laufen rum, auch auf der Bühne, aber zum Glück gibt es viel Musik und Körpereinsatz im Stück. Das kommt an, immer wieder gibt es Szenenapplaus.

"In unserem Land gab keinen Ort für Spiele, für Träume, für Theater, auch nicht in den Camps", erzählt Mohamed in perfektem Englisch. Der Anfang Zwanzigjährige kommt aus Syrien. Er nimmt an einem der Workshops teil, die die beiden italienischen Regisseure Gian Carlo und Lino Losi anbieten. Fünf Tage lang Theaterübungen, Improvisationen, kleine Rituale zur Gruppenbildung auf der offenen Bühne in der Burg von Mytilini. Ein Stock wird zum Einsatzstab für Pantomimisches, für persönliche Erzählungen, für Lieder. Einige Jungs finden das anfangs peinlich, doch alle sind wiedergekommen. Und sogar ein paar Mädchen aus Eritrea. Die Gruppe hat sich einen Namen gegeben: Dragonteam. Der Funke ist übergesprungen, einige wollen weitermachen, wenn das Theaterschiff Lesbos am Dienstag wieder verlässt.

Theaterworkshop mit Flüchtlingen in der Burg von Lesbos (Foto: DW/ A. Kasiske)

Theaterworkshop in der Burg von Mytilini

Theaterträume gegen Grenzen

"Wir können mit Theater nicht die Welt retten", resümiert die Tour- Managerin Matilda. "Vielleicht können wir den Menschen, die ihre Hoffnung verloren haben, etwas davon wiedergeben, Träume, ein Ziel." Einer der jungen Geflüchteten möchte Schauspieler werden. Ein Traum? Vielleicht erreicht er sein Ziel. Das Theaterschiff "Hoppet" wird Ende Juli seinen letzten Hafen in Ikaria ansteuern. Trotz aller Schwierigkeiten - das Projekt hat sich gelohnt, sagt Ernie Li. Sie habe so viele Freunde seitdem, quer durch Europa. Und die werden wohl bleiben, auch wenn Europa noch mehr auseinander fällt.

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