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Wissen & Umwelt

"Meere werden sich dramatisch ändern"

Wir brauchen die Meere. Für unser Klima und für unsere Nahrung. Aber weil mehr als 40 Prozent der Erdbevölkerung in Küstennähe lebt, richtet sie großen Schaden an, sagt Ozean- und Klimaforscher Martin Visbeck.

"Wenn die Menschen nicht besser mit den Meeren umgehen, werden sich die Ozeane dramatisch ändern", warnt Martin Visbeck bei der Vorstellung des vierten World Ocean Review (WOR) in Berlin. Auf 130 Seiten präsentieren mehr als 250 Wissenschaftler aus Kieler Instituten mit Schwerpunkten Klima- und Ozeanwandel ihr Forschungsprojekt "Ozean der Zukunft". Darin: Vorschläge zum nachhaltigen Umgang mit den Meeren. Immerhin bedeckt Wasser drei Viertel der Erdoberfläche.

Deutschland Ozeanograph Martin Visbeck

Martin Visbeck plädiert für eine einheitliche Meerespolitik

Der Mensch profitiert von Meeren und Küsten. Er nutzt sie als Transportweg, Lebensmittel- und Rohstofflieferant oder als Erholungsort. Durch Überfischung, das Einleiten von Giften und zu vielen Nährstoffen, durch Öl- und Gasbohrungen werde das sensible Ökosystem oft aus dem Gleichgewicht gebracht, so die Erkenntnis der Forscher. Auch der geplante Abbau von Erzen aus der Tiefsee und zunehmender Tourismus können sich negativ auswirken. Und nicht zuletzt liegen von den weltweit 20 Megastädten mit jeweils mehr als 10 Millionen Menschen 13 in Ozeannähe.

"Es geht letztendlich darum, die Ökologie, die Ökonomie und die Menschen in Einklang zu bringen", sagt Visbeck im Hinblick auf zukünftige Herausforderungen.

Großer Unterschied: starke und schwache Nachhaltigkeit

Konrad Ott, Professor für Philosophie und Ethik der Umwelt an der Uni Kiel, argumentiert, dass die Armutsbekämpfung in vielen Ländern höchste Priorität habe, "die Naturschutzdimension aber gerät ins Hintertreffen oder wird als westlicher Luxus betrachtet." Ott und weitere Mitverfasser des Reports plädieren für einen starken Nachhaltigkeitsbegriff, der sich auf die umfassende Erhaltung beziehungsweise die Renaturierung aller Bestände von Naturkapitalien fokussiert. "Starke Nachhaltigkeit lehnt Zerstörung der Mangrovenwälder ab, schwache Nachhaltigkeit könnte Umwandlung in Shrimpsfarmen und Touristikzentren akzeptieren", erklärt Ott. China ist nach Ansicht Otts ein Musterbeispiel für schwache Nachhaltigkeit. Das Land toleriere den Abbau von Naturkapital zum Aufbau von Infrastrukturen, Universitäten, Städten und intensiver Landwirtschaft.

Dänemark Maersk Mc-Kinney Moller Containerschiff

Containerschiffe - höher, breiter, tiefer?

"Schwache Nachhaltigkeit wird nicht funktionieren", behauptet Visbeck. Starke Nachhaltigkeit fordere hingegen etwa den Wiederaufbau übernutzter Fischbestände und den Schutz von Lebensräumen. Ein weiteres Problem sieht Visbeck in der uneinheitlichen Meerespolitik: "Weltweit befasst sich eine Vielzahl von Institutionen und Organisationen mit dem Schutz oder dem Nutzen der Meere und seiner Küsten", sagt der Forscher. In Europa beginne man, gemeinsame Regeln aufzustellen, aber es gebe keine Abstimmungen mit anderen Kontinenten. "Wir teilen aber einen Ozean."

In anderen Regionen wie in Asien nehme sich jeder, was er haben möchte, so Visbeck. Im dicht besiedelten Europa betreiben die Länder eine Art Raumplanung für ihre Küsten. Deutschland beispielsweise hat jeden Quadratmeter verplant - inklusive Windparks, Schutzgebieten, Wasserstraßen, Stromkabeln. Die Kieler Wissenschaftler vertreten die Ansicht, dass man weltweit Pläne machen muss, um Nutzungskonflikten entgegenzuwirken. Auch Schutzgebiete müssten Teil eines Plans sein.

Appell an die Zivilgesellschaft

"Die Politik muss die Vorgaben machen, doch auch die Zivilgesellschaft ist gefordert", findet Martin Visbeck von der Kieler Forscherinitiative. "Gegen Plastik und anderen Müll im Meer kann jeder seinen Beitrag leisten. Und wir Verbraucher sollten zum Beispiel nachhaltig gefangenen Fisch einfordern."

Plastikmüll am Strand

Strandgut Plastikmüll

Visbeck sieht in Deutschland durchaus einen Markt für zertifizierte Produkte - ähnlich wie beim Fleisch. In anderen Ländern sei das Bewusstsein für Umweltthemen weniger groß. Dort sei die Umwelt in erster Linie dafür da, bei der Hungerbekämpfung zu helfen. Solche Länder seien noch mehr in der Kurzfristigkeit verhaftet, sagt Visbeck. Ob sich dies ändern wird, ist ungewiss.