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Deutschland

Medikamente machen die Umwelt krank

Flüsse, Seen und Grundwasser sind belastet durch Schwermetalle und Pestizide. Aber auch andere Stoffe machen Naturschützern seit einiger Zeit Sorge: In Wasserproben werden regelmäßig Reste von Arzneimitteln gefunden.

Mehrere Tonnen Arzneimittelwirkstoffe gelangen allein in Deutschland jeden Tag in die Umwelt - durch menschliche Ausscheidung, das Herunterspülen von alten Medikamenten in der Toilette und das Düngen der Felder mit Gülle.

In deutschen Gewässern finden sich Rückstände von Antibiotika, Schmerzmitteln, Blutdrucksenkern oder Wirkstoffen der Anti-Baby-Pille - auch im Trinkwasser. Dort allerdings in einer so geringen Konzentration, dass laut Umweltbundesamt keine Gefahr für den Menschen besteht. Für die Tier- und Pflanzenwelt haben die Arzneien in Flüssen und Seen aber durchaus Nebenwirkungen.

Hormone in Flüssen sind eine Gefahr für die Fische

Bekannt ist das Problem in Deutschland seit den 1990er Jahren. Damals untersuchte ein Forscher in Berlin Wasserproben und entdeckte zufällig Rückstände des Medikaments Clofibrin, das den Blutfett-Gehalt bei Menschen mit zu hohem Cholesterinspiegel senkt.

Das Umweltbundesamt (UBA) gab bald darauf ein Gutachten in Auftrag, dessen Ergebnisse 2010 veröffentlicht wurden. "Dabei hat man festgestellt, dass von 192 gesuchten Wirkstoffen 156 gefunden wurden", sagt Claudia Thierbach, die beim UBA für die Zulassung von Arzneimitteln zuständig ist.

In relativ hoher Konzentration - relativ im Vergleich zu anderen Arzneien - kommen ihren Angaben zufolge Röntgenkontrastmittel, Schmerzmittel und deren Abbauprodukte in Gewässern vor. Von ihnen seien mitunter mehr als ein Mikrogramm, also mehr als ein Millionstel Gramm, pro Liter zu finden, sagt Thierbach. Hormone kämen in geringeren Mengen vor, sie wirkten aber viel effektiver.

Regenbogenforelle im Wasser (Foto: picture alliance/WILDLIFE)

Hormonrückstände im Wasser beeinflussen die Entwicklung von Fischen

Beobachtet wird die Wirkung von Hormonen vor allem bei Fischen. Sie sind nicht von Geburt an männlich oder weiblich. Das Geschlecht bildet sich erst mit der Zeit aus. "Im Freiland wird beobachtet, dass es bei Hormonen im Gewässer mehr Weibchen als Männchen gibt, es also zunehmend zu einer Verweiblichung von Fischen kommt", sagt Thierbach. Bei einem Freilandversuch in Kanada sei schon mit einer geringen Menge eines Hormons fast die gesamte Population eingegangen.

Bei Pflanzen seien Wachstumsstörungen aufgrund von Tiermedikamenten, vor allem Antibiotika, zu beobachten. Die Pflanzen kämen damit über die Gülle in Kontakt, die auf den Feldern ausgegossen werde. Tiermedikamente könnten letztendlich auch in das Trinkwasser gelangen, sagt Thierbach.

BUND sieht einen zu sorglosen Umgang mit Medikamenten

Doch wer ist verantwortlich? Für den stellvertretenden Landesvorsitzenden des BUND in Bayern, Sebastian Schönauer, sind es in erster Linie die Pharmaindustrie und die Politik. "Die Gewässerverträglichkeit muss als oberstes Prinzip bei der Zulassung von Medikamenten gelten", sagt er und erklärt weiter: "Medikamente dürfen nicht zugelassen werden, wenn bei gleichem therapeutischen Nutzen ein Mittel mit einem geringeren Gewässerrisiko auf dem Markt ist, oder es muss die Zulassung entzogen werden, wenn es bei gleichem therapeutischen Nutzen ein Mittel mit geringerem Gewässerrisiko gibt."

Portrait von Sebastian Schönauer (Foto: Bund Naturschutz)

Sebastian Schönauer sieht bei dem Medikamenten-Problem die Politik in der Pflicht.

Schönauer wünscht sich außerdem eine Wiederauflage des Rücknahmesystems für Medikamente, das vor einigen Jahren aufgelöst wurde. "Wir wissen ja, dass 60 bis 70 Prozent der Arzneimittel im Ausguss oder im WC landen und mit der Wasserspülung weggespült werden, weil es keine Rücknahmeverpflichtung gibt." Und, fügt er hinzu, weil Höchstmengen bei Medikamenten verschrieben würden, die vom Patienten gar nicht verbraucht würden. Seiner Einschätzung nach wird insgesamt viel zu sorglos und verschwenderisch mit Medikamenten umgegangen.

Claudia Thierbach vom Umweltbundesamt sieht die Lösungsansätze indes eher bei der Abwasserwirtschaft. Aus ihrer Sicht könnte die Einführung zusätzlicher Reinigungsstufen bei Kläranlagen helfen: "Man muss dazu wissen, dass Medikamente teilweise sehr mobil sind, das heißt, sie werden im Klärschlamm nicht zurückgehalten. Es gibt aber Reinigungsstufen, die auch Medikamente und viele andere Spurenstoffe herausfiltern können." Aus Thierbachs Sicht bieten sich solche zusätzlichen Reinigungsstufen vor allem in Ballungsgebieten an. Schönauer hingegen glaubt, dass so ein Vorschlag vornehmlich dazu dient, die Verantwortung an die Abwasserwirtschaft abzuschieben.

EU-Kommission will drei Arzneien auf Schadstoffliste setzen

Luftaufnahme der Kläranlage Stavenhagen

Eine weitere Reinigungsstufe bei Kläranlagen als Lösung?

Mit Chemikalien in Gewässern beschäftigt sich seit einiger Zeit auch die EU-Kommission. Es gibt eine Liste mit bislang 33 Stoffen, die EU-weit überwacht und kontrolliert werden sollen. Nach einem Anfang des Jahres gemachten Vorschlag sollen weitere 15 dazukommen, darunter erstmals auch Arzneimittel.

Sowohl Thierbach als auch Schönauer sehen die Chancen auf eine Realisierung des Kommissionsvorschlags eher skeptisch. Schönauer begrüßt ihn grundsätzlich, befürchtet aber auch hier, dass die Umsetzung an der Abwasserwirtschaft hängenbleibt.

Thierbach vermutet folgende Vorbehalte: "Die Befürchtung ist, dass man Arzneimittel irgendwann verbietet, weil sie gefährlich für die Umwelt sind." Es gehe aber bei der Wasserrahmenrichtlinie nur darum, "dass man feststellt: Es gibt ein Problem im Gewässer, dagegen muss man vorgehen - und dass man sich dann fragt, wie das gemacht werden kann." Um Verbote gehe es nicht.

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