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Journalismus

Medienproblem: Herkunft von Straftätern

In anderen Ländern ist es fast selbstverständlich, in Deutschland aber umstritten: Sollen Journalisten die Herkunft von Straftätern nennen? Eine Debatte mit aktuellen Entwicklungen.

Der Tatverdächtige ist ein "Deutscher OHNE Migrationshintergrund". Das schrieb die Polizei Mannheim auf Twitter, nachdem ein Mann mit seinem Auto in der Heidelberger Innenstadt in eine Menschenmenge gefahren war. Damit reagierte die Polizei auf Gerüchte über die Herkunft des Mannes in sozialen Medien und den Vorwurf, dass seine Herkunft absichtlich verschwiegen wurde. 

Dahinter steckt eine größere Debatte, die deutsche Medien schon seit längerer Zeit und immer wieder umtreibt: Soll die Herkunft eines Straftäters genannt werden oder nicht? "Wieso ist es denn für das Verständnis eines Kiosk-Überfalls notwendig zu wissen, dass es sich um einen Serben, um einen Türken oder um einen "Frankfurter Ureinwohner" handelt?", fragt Nikolaus Jackob, Geschäftsführer des Instituts für Publizistik in Mainz.

Eigentlich ist es in Deutschland nicht üblich, dass in so einem Fall die Herkunft des Täters genannt wird. Doch mittlerweile geht der Trend dahin, dass die Nationalität in der Kriminalitätsberichterstattung eine immer größere Rolle spielt.

Als Schlüsselereignis dafür gilt die "Kölner Silvesternacht", in der zum Jahreswechsel 2015/16 massenhaft Frauen bestohlen und sexuell belästigt wurden. Zeugen beschrieben die Täter als "arabisch oder nordafrikanisch aussehend". Danach gab es viel Kritik an der Berichterstattung: Die Herkunft der Täter sei absichtlich verschwiegen worden. Die meisten deutschen Medien hatten darüber anfangs wirklich nicht berichtet - wegen ethischer Richtlinien.

Übergriffe auf der Domplatte bei der Kölner Silvesternacht (Foto: picture-alliance/dpa/M. Boehm)

Nach der Kölner Silvesternacht gab es viel Kritik an der Berichterstattung deutscher Medien

Presserat passt Richtlinie an

Dieser öffentliche Druck wirkte sich auf die Berichterstattung aus. Einer vor Kurzem erschienenen Studie der Universität München zufolge haben Zeitungen nach der Silvesternacht über Wochen hinweg die Herkunft von Straftätern sehr viel häufiger genannt als zuvor. Gleichzeitig gibt es aber für diesen Zeitraum in Kriminalstatistiken keinen starken Anstieg ausländischer Täter.

Diesen aktuell andauernden Trend erkennt auch Nikolaus Jackob. Jüngst änderte nun auch der Presserat die Richtlinie zur Berichterstattung über Straftaten. Sie ist jetzt etwas lockerer als vorher: ein "öffentliches Interesse" reicht demnach aus, um die Nennung der "Zugehörigkeit zu ethnischen, religiösen oder anderen Minderheiten" zu rechtfertigen. Vorher sollte es einen konkreten Sachbezug geben - also wenn es zum Beispiel explizit um die italienische Mafia geht.

Die meisten Redaktionen in Deutschland richten sich nach dem Pressekodex des Presserates, einem Selbstkontrollorgan, das Journalisten nach der NS-Zeit eingeführt hatten. Hier heißt es, dass die Erwähnung der Täterherkunft Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könne. Indem die Herkunft nur in Ausnahmefällen oder gar nicht genannt wird, soll ein Generalverdacht gegenüber bestimmten ethnischen oder religiösen Gruppen vermieden werden.

Der Kommunikationswissenschaftler Nikolaus Jackob von der Universität Mainz

Nikolaus Jackob forscht unter anderem zum Thema Glaubwürdigkeit und Vertrauen

Es hat mit dem historischen Erbe der NS-Zeit zu tun, dass es in Deutschland einen sehr vorsichtigen Umgang mit dem Thema Nationalität gibt - so auch bei der Berichterstattung über Straftäter. In den lang etablierten journalistischen Kulturen wie den USA oder Großbritannien sei das anders, so Jackob. Dort würde man viel härter mit manchen Themen umgehen - wie beispielsweise bei der Berichterstattung über Prominente oder Straftäter.

Abwägen ist gefragt

"Was passiert eigentlich, wenn man uns permanent vorwirft, wir verheimlichen etwas? Ist da der Schaden nicht noch größer?". Das sind laut Nikolaus Jackob Fragen, die sich deutsche Journalisten vermehrt stellen würden. Dabei wird dann abgewogen, ob man nun bei diesen Vorwürfen nachgibt oder seine bisherigen Prinzipien aufrechterhalte, was mittlerweile eben etwas nachzulassen scheint. So will man vielleicht auch den Leuten entgegenkommen, die durch "Lügenpresse"-Schreie auf sich aufmerksam machen. Das sehen aber auch viele Journalisten kritisch.

Der private Fernsehsender n-tv entscheidet nach journalistisch ethischen Kriterien von Fall zu Fall. "Dies geschieht immer vor dem Hintergrund, dass wir unseren Zuschauern ein möglichst umfassendes Bild liefern und sie nicht bevormunden möchten", heißt es von Chefredakteurin Sonja Schwetje der DW. Das öffentlich-rechtliche Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) nennt die Herkunft von Straftätern nur dann, wenn es für die Schilderung des Tatgeschehens relevant sei  - was eine komplexe Abwägungsfrage sei.

Ein Extrembeispiel hingegen ist die Sächsische Zeitung. Sie nennt seit Juli vergangenen Jahres in ihrer Berichterstattung über Straftaten immer die Herkunft der Täter. Ein Auslöser dafür war eine Umfrage unter den Lesern der Zeitung, die der Kommunikationswissenschaftler Lutz Hagen durchgeführt hat. Dabei kam Hagen zufolge heraus, dass fast die Hälfte der Befragten glaubte, die Herkunft von Straftätern werde nicht genannt, weil dies eine "Anordnung von oben in Zeiten der Flüchtlingskrise" sei.

Zeitungscover - Focus (Focus)

Dieses "Focus"-Cover nach der Kölner Silvesternacht hielten Kritiker für sexistisch und rassistisch

Außerdem wurde die Kriminalität von Ausländern im Vergleich zur Statistik stark überschätzt. Nun soll wahrscheinlich in einem Jahr noch einmal eine Umfrage durchgeführt werden. Hagens Hypothese ist, dass eine repräsentative Berichterstattung über die Herkunft der Täter eher dazu führe, dass die Leser die Kriminalität von Ausländern besser einschätzen könnten.

Auch wenn eine in dieser Hinsicht transparentere Berichterstattung dem Leser ein realitätsnahes Bild vermittelt, kann das auch negative Folgen haben. "Je nach vorhandenen Haltungen und Routinen einzelner Journalisten können vermehrt mehr oder weniger stereotype und zum Teil diskriminierende Aussagen auftreten", mahnt Georg Ruhrmann gegenüber der DW. Er forscht schon seit mehr als zwanzig Jahren zum Thema Migranten und Medien. Diskriminierende Aussagen sprächen vor allem Rezipienten an, die autoritäre, islamfeindliche und rassistische Einstellungen aufwiesen.

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