Medienkritik: Berichte über antisemitische Parolen übertrieben | Aktuell Deutschland | DW | 20.12.2017
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Antisemitismus bei Demonstrationen

Medienkritik: Berichte über antisemitische Parolen übertrieben

Anti-israelische und antisemitische Ausrufe bei Demos in Berlin haben eine Welle der Entrüstung ausgelöst. Doch der Spruch "Tod den Juden" soll nicht in dem Ausmaß skandiert worden sein, wie Medien zuerst berichteten.

Eine Menge Menschen vor dem Brandenburger Tor mit palästinensischen und türkischen Fahnen (Foto: Getty Images)

Pro-palästinensische Demonstration am 8. Dezember in Berlin

Zahlreiche deutsche Medien berichteten in den vergangenen Tagen, dass bei pro-palästinensischen Demonstrationen vor dem Brandenburger Tor der Spruch "Tod den Juden" gerufen worden sei. Dabei suggerieren die Berichte, dass die Rufe als Sprechchöre teils langanhaltend von einer breiteren Masse stammten. 

Auch die Deutsche Welle schrieb am 15. Dezember gestützt auf eine Passage des Berichts des Evangelischen Pressedienstes (epd): "Bei Kundgebungen in Berlin hatten vor kurzem in Deutschland lebende Palästinenser und Türken ihrem Zorn über die Anerkennung Jerusalems als israelische Hauptstadt durch die USA freien Lauf gelassen. Dabei wurde aus der Menge heraus in Sprechchören 'Tod den Juden' skandiert."

Fehler in der Redaktion

Nach Recherchen des medienjournalistischen Portals "Übermedien" stimmen die Angaben so nicht. Dem Portal zufolge stammen die Informationen ursprünglich aus Berichten der "Berliner Zeitung" und des "Berliner Kurier", deren Redaktionen zusammengehören. Beim "Berliner Kurier" hieß es: "Doch ausgerechnet am Brandenburger Tor (…) skandierten (…) fast 1500 hasserfüllte Menschen auf einer pro-palästinensischen Demonstration 'Tod den Juden'."

Wie "Übermedien" durch Nachfrage bei der Redaktion herausfand, hat der Journalist vor Ort seine Beobachtung an die Redaktion durchgegeben, die daraus den Artikel verfasste. Der Ruf kam seinen Angaben zufolge nach dem Ende der Kundgebung von einer kleinen Gruppe - "so fünf oder sechs Leute". Die Endversion des Artikels habe der Journalist nicht gekannt. Beide Medien haben inzwischen den Übermittlungsfehler in ihren Angeboten vermerkt.

Deutschland Proteste gegen US-Entscheidung zu Jerusalem in Berlin (Reuters/F. Bensch)

Wiederholt wurde gegen die Entscheidung der USA demonstriert, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen

Die Nachforschungen des Medienportals stützen sich zusätzlich auf Aussagen einer israelischen Journalistin und eines Demonstrationsteilnehmers, die beide sagen, diesen Spruch nicht gehört zu haben. Die Polizei habe zwar Sprüche wie "Kindermörder Israel" und "Zionisten gleich Faschisten" protokolliert, aber nicht "Tod den Juden", zitiert der Bericht einen Pressesprecher der Berliner Polizei. Außerdem sichtete "Übermedien" Videomaterial von verschiedenen Quellen, das bei der entsprechenden Demonstration aufgenommen wurde.

"Wachsender Antisemitismus in Deutschland"

Im ZDF-"Morgenmagazin" äußerte sich unterdessen der Präsident des Thüringer Verfassungsschutzes und frühere Generalsekretär des Zentralrats der Juden, Stephan Kramer: Die Angst bei Juden sei "berechtigterweise" gewachsen, denn es gebe einen wachsenden Antisemitismus in Deutschland. Das bestätigen Untersuchungen. Kramer forderte konkrete Schritte. Gegen Antisemitismus zu sein, "reicht einfach nicht mehr aus". Es müsse jetzt tatsächlich gehandelt werden. "Wir müssen uns im Klaren sein, dass wir es mit einer Verrohung in der Gesellschaft zu tun haben", sagte Kramer.

ust/stu (uebermedien.de, berliner-kurier.de, afp, kna)

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