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Medienentwicklung

Medien International Spezial: Was sagen Ranglisten wirklich über Medienfreiheit?

Ranglisten zur weltweiten Medienfreiheit finden jedes Jahr große Beachtung. Doch wie werden sie erhoben, wie richtig interpretiert? Hierzu diskutierten Journalisten und Medienexperten im ARD-Hauptstadtstudio.

DW Akademie Veranstaltung Medien International Spezial

Transparent und repräsentativ? Diskussion zu Ranglisten mit Laura Schneider, Bahaeddin Güngör, Christian Mihr und Ute Welty (v.l.n.r.)

Wenn Presseausweise vom Staat ausgestellt werden und ein Anruf des Regierungschefs in der Chefredaktion reicht, um einen kritischen Journalisten zu entlassen, dann ist es um die Medienfreiheit schlecht bestellt. Diese gängige Praxis schilderte Bahaeddin Güngör, Leiter der Türkisch-Redaktion der Deutschen Welle, während der Podiumsdiskussion von DW Akademie und ARD-Hauptstadtstudio. "In der Türkei sitzen mehr Journalisten im Gefängnis als in Iran und China zusammen. Reporter werden wie Terroristen behandelt."

Die aktuelle Rangliste von Reporter ohne Grenzen spiegelt das wider: Hier landete die Türkei auf Platz 154 von 180 bewerteten Ländern - hinter Tschad, Kolumbien oder Irak. Doch wie entstehen solche Ranglisten, wie objektiv sind sie?

Wenig Transparenz

Laura Schneider, Autorin Media Freedom Indices (Foto: Jens V. Müller).

Laura Schneider, Autorin "Media Freedom Indices"

Die DW Akademie-Projektmanagerin Laura Schneider analysierte und verglich für eine Studie fünf Organisationen, die Ranglisten zu Medienfreiheit veröffentlichen. Als sie hierzu Vorgehensweisen recherchierte, wurde sie negativ überrascht: "Was wird eigentlich wie gemessen? Keine der Organisationen ist hier ausreichend transparent. So wird nicht einmal erklärt, welche Definition von Medienfreiheit zu Grunde liegt." Eine transparente Erhebung sei umso wichtiger, wenn beispielsweise in vielen Ländern nur ein bis zwei Personen die Fragebögen von Reporter ohne Grenzen ausfüllten, die über den Platz auf der Rangliste entscheiden. Damit stehe die NGO, die auf ihrer Webseite ausdrücklich mit Transparenz werbe, eher für das Gegenteil - zumindest was die Nachvollziehbarkeit der Erhebungen angehe, betonte Laura Schneider.

Unterschiedliche Rankings, unterschiedliche Plätze

Christian Mihr, Geschäftsführer Reporter ohne Grenzen, und Ute Welty, Moderation (Foto: Jens V. Müller).

Christian Mihr, Geschäftsführer Reporter ohne Grenzen, und Ute Welty, Moderation

"Ich bin auch oft schockiert, dass Journalisten die Ranglisten nicht kritisch hinterfragen", sagte Christian Mihr, Geschäftsführer von Reporter ohne Grenzen. Und er gab zu: Die Rangliste habe Schwachpunkte, der Fragebogen sei in der Organisationskultur historisch gewachsen, auch seien noch nicht alle Sprachen erfasst. In der Regel würden bei der Erhebung zur Pressefreiheit Partnerorganisationen und Korrespondenten in den jeweiligen Ländern befragt. Die Besonderheit liege bei Reporter ohne Grenzen darauf, dass der Faktor Gewalt sehr hoch bewertet werde, was mit der traditionell starken Solidarität der Organisation mit Journalisten in Kriegs- und Krisengebieten zusammenhänge.

Doch können solche Parameter die Ranglisten so stark beeinflussen, dass manche Länder auf den Listen unterschiedlicher Organisationen komplett andere Plätze einnehmen? Ja, sie können. Während Deutschland beispielsweise auf der Rangliste von Reporter ohne Grenzen auf Platz 14 liegt, landete es bei der US-amerikanischen Organisation Freedom House einige Plätze weiter hinten. Der Grund: Der Einfluss des Staates wird bei Freedom House stärker bewertet, die Gewalt-Indizes weniger.

Als Laura Schneider die Pressefreiheit-Rankings miteinander verglich, unterschieden sich die Plätze teils um bis zu 70 Stellen. Ein Zeichen für sie, dass die Ranglisten höchstens einen Trend darstellen, im Detail aber mangelhaft seien: "Die Listen sind PR-Tools, um öffentlichkeitswirksam auf Missstände hinzuweisen." Für die US-amerikanische Nichtregierungsorganisation Freedom House wurde sie im Zuge ihrer Studie gar selbst angefragt, mehrere Länder zu bewerten. "Ich sollte alle deutschsprachigen Länder einschätzen: Deutschland, Österreich, die Schweiz, Liechtenstein." Weitere Länder wie beispielsweise kleinere afrikanische Staaten seien teilweise von Praktikanten in den USA per Internet-Recherche bewertet worden.

Ranglisten als Mittel zum Zweck?

DW Akademie Veranstaltung Medien International Spezial (Foto: Jens V. Müller).

Rege Diskussion im ARD-Hauptstadtstudio

Die anschließende rege Diskussion mit dem Publikum zeigte, dass die Veranstaltung offensichtlich einen Nerv getroffen hatte. Die Journalistin Gemma Pörzgen, Vorstandsmitglied von Reporter ohne Grenzen, sagte, dass Ranglisten natürlich dazu da seien, um die Öffentlichkeit auf die tägliche Arbeit der NGO aufmerksam zu machen. Dazu gehöre vor allen Dingen, Journalisten in Not zu helfen und Aufmerksamkeit auf politischer Ebene zu schaffen. Christian Mihr betonte, dass es inzwischen auch häufig darum gehe, nicht nur Journalisten, sondern auch Blogger oder Social-Media-User zu schützen. Reporter ohne Grenze setze sich daher nicht nur für die Presse- sondern allgemein für die Informationsfreiheit ein.

Den Missständen in der Türkei helfen die Ranglisten nur bedingt. "Manche Politiker brüsten sich sogar mit den schlechten Plätzen, auf denen die Türkei regelmäßig landet", sagte Bahaeddin Güngör. Dennoch: Die Ziele, für die Organisationen wie Reporter ohne Grenzen kämpfen, sind dringender denn je. "Viele Journalisten in der Türkei zensieren sich selbst, um ihren Job nicht zu verlieren, sie müssen oftmals ja eine Familie ernähren." Wenn mit den Ranglisten tatsächlich mehr Druck auf die Politik ausgeübt werden könnte, sei bereits ein wichtiges Ziel hin zu mehr Medienfreiheit erreicht.

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01_02_2012 Themenbild für Newsletter Ansprechpartner für weitere Verwendungszwecke: Sabrina.Tost@dw-world.de

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