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Europa

Mediale Schlacht um Deutungshoheit in Serbien

Der russische Staatssender Sputnik sendet seit kurzem auch in Serbien und füllt damit eine Lücke, die westliche Sender teilweise hinterlassen haben. Dabei stehen den Russen die Türen offen.

Screenshot Sputnik Website (Foto: rs.sputniknews.com)

Sputnik gibt es nun auch in serbischer Sprache

Der Krieg in der Ukraine? Es gibt keinerlei Beweise für eine russische Beteiligung. Die europäischen Sanktionen gegen Russland? Sie schaden der EU selbst und sind bloß auf das Diktat Washingtons zurückzuführen. Die Annexion der Krim? Eine glänzende Militäroperation, die in die Geschichte eingehen wird.

Diese und ähnliche offiziellen russischen Perspektiven erreichen seit Januar auch das Publikum in Serbien. Verbreitet werden sie über Sputnik - einem von Kreml finanzierten Sender für Online- und Radioberichterstattung. Für das kremlnahes TV-Programm ist der Flaggschiff-Sender RT zuständig. Sputnik sendet seine Botschaften in 30 verschiedenen Sprachen, zu denen nun auch Serbisch gehört. Der russische Sender baute prompt die Redaktion mit Dutzenden Journalisten und einem Korrespondentennetz in Belgrad auf. Neben dem modernen Internet-Auftritt in serbischer Sprache werden dreimal täglich 30 Minuten Radionachrichten produziert.

Sputnik ist in Serbien aber nicht die einzige Stimme Russlands: Die Moskauer Regierungszeitung Rossijskaja Gazeta hat schon länger eine serbische Ausgabe.

Serbische Sympathien für Russland

Der neu entdeckte Medienmarkt in Serbien sei im Kontext der aktuellen Spannungen zwischen Russland und dem Westen zu betrachten, meint Miloš Teodorović, Leiter des Belgrader Büros des amerikanischen Senders Radio Free Europe. "Moskau hat auch das Interesse, da präsent zu sein, wo es die Möglichkeit hat, sein Image zu verbessern und politischen Einfluss zu verstärken", meint er.

In Serbien stehen die Chancen dafür gut: Russland wird von vielen Serben als "orthodoxe Mutter" und auch als Hüterin des "serbischen Kosovo" empfunden. Denn die Veto-Macht Russland verhindert eine UN-Mitgliedschaft des Kosovo, der früheren Südprovinz Serbiens, die 2008 ihre Unabhängigkeit erklärte und heute von den meisten Ländern als Staat anerkannt wird. Jüngsten Umfragen zufolge hat die Mehrheit der Serben eine positive Haltung zu Russland, während nur etwa ein Drittel der Befragten Sympathien für die EU hegen - in einem Land, das seit 2012 den Status eines EU-Beitrittskandidaten hat. Deswegen gehen viele Beobachter davon aus, dass russische Medien in Serbien offene Türen vorfinden.

Putin in Belgrad 16.10.2014 Fans bei der Militärparade (Foto:ANDREJ ISAKOVIC/AFP/Getty Images)

Im Oktober war Wladimir Putin in Belgrad zu Gast

Dabei füllen sie eine Lücke, die westliche Auslandssender teilweise hinterlassen haben. 2011 stellte BBC sein serbisches Programm ein, andere Sender wie Voice of America investieren viel weniger in ihr serbisches Angebot als früher und werden dort kaum mehr wahrgenommen. Der Grund für das eingeschränkte westliche mediale Angebot sei die "deklarative pro-europäische" Politik Serbiens, so Miloš Teodorović. "Außenpolitisch ist Belgrad kooperativ, vor allem in den Beziehungen mit der früheren Südprovinz Kosovo. Das ist für die EU entscheidend."

Kein unabhängiger Journalismus?

Doch innenpolitisch würden die Machthaber in Belgrad verstärkt Zensur ausüben, meint Teodorović. Jüngst warf Premierminister Aleksandar Vučić einem Zentrum für investigativen Journalismus vor, es erhalte Gelder aus Brüssel, um die serbische Regierung zu untergraben. Und die Wochenzeitung Vreme, eine der wenigen, die es wagen, kritisch zu berichten, bezeichnete Vučić als "Tycoon-Zeitung". In dieser Atmosphäre seien westliche Medien wichtig, sagt Teodorović. "Der Bedarf nach Sendern wie Radio Free Europe oder der DW - die von den lokalen Politikern oder Wirtschaftsbossen völlig unabhängig sind – ist größer geworden."

Völlig unabhängig? Dragan Vučićević lässt das nicht gelten. Der Besitzer und Chefredakteur des auflagenstärksten regierungsfreundlichen Boulevardblattes Informer sagt stolz, seine Zeitung sei national eingestellt - und gegen einen EU-Beitritt Serbiens. Er vertritt die Meinung vieler Serben, wenn er mahnt, auch im Journalismus gelte die eiserne Regel: Wes Brot ich ess, des Lied ich sing. "So etwas wie völlig unabhängigen Journalismus gibt es nicht" - davon ist Vučićević überzeugt. Sein Blatt sei auch abhängig, sagt er offen: nämlich von den Anzeigen der Unternehmen.

"Heilige Fakten"

Die verantwortliche Redakteurin der serbischen Abteilung von Sputnik, Ljubinka Milinčić, lehnte zunächst ein Gespräch mit der DW ab - mit der Begründung, sie wolle nicht "als Illustration für die Texte anderer Journalisten dienen". Sie sagte nur knapp: "Die Eröffnung eines normalen Programms in Belgrad wird so wahrgenommen, als rollten die russischen Panzer auf dem Balkan."

Nach einer Anfrage an das Moskauer Pressebüro von Sputnik bekam die DW doch weitere Antworten von Ljubinka Milinčić per E-Mail. "Die von den westlichen Regierungen finanzierten Medien betrachten das Weltgeschehen dem Standpunkt der eigenen Regierung entsprechend", schreibt sie. "Wir versuchen, das Prinzip der journalistischen Profession zu respektieren: Die Meinung ist frei, aber Fakten sind heilig. Das Beispiel der Ukraine zeigt eindeutig, dass die westlichen Medien von diesem Prinzip nichts halten."

Radio Free Europe-Redakteur Teodorović widerspricht: Sein Sender stehe für demokratische Werte, Transparenz und Aufklärung. "Die Berichterstattung wird zum 'Propagandakrieg' zweier Seiten stilisiert, auch in Serbien. Doch ich glaube nicht, dass man unsere Mission mit der der russischen Medien überhaupt vergleichen kann."

Alle sind willkommen

Letztendlich solle das serbische Publikum eigenständig seine Schlüsse ziehen, meint der serbische Präsident Tomislav Nikolić. Anfang Februar empfing er die Journalisten von Sputnik in seiner Residenz und begrüßte ausdrücklich auch die Präsenz russischer Medien in Serbien. Er sei froh, dass "sowohl unsere europäischen als auch unsere russischen Freunde" jetzt aus Serbien berichten.

Der serbische Spagat zwischen Osten und Westen bekommt auch medial einen ironischen Beigeschmack. Sputnik mietet nämlich die Sendezeiten des Belgrader öffentlich-rechtlichen Senders Studio B - genauso wie Radio Free Europe.