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Alltagsdeutsch – Podcast

Mecklenburger Läuschen

Wer eine Deutschlandkarte betrachtet, findet im Nordosten die weite Ebene Mecklenburg-Vorpommerns. Wer dorthin reist, findet angeblich einen besonders dickköpfigen Menschenschlag und andere regionale Besonderheiten.

Sprecher:

Wir reisen in Deutschlands Norden, nach Mecklenburg-Vorpommern. Dort liegen die alten Ostseehäfen Rostock und Wismar – und dort liegt auch unser Ziel, die Stadt Güstrow, in der vor 150 Jahren der niederdeutsche Dialektdichter John Brinckmann angeblich nur Mecklenburger Läuschen und Dickköpp fand.

Sprecherin:

Mit diesen beiden Mecklenburger Spezialitäten wollen wir uns in den nächsten Minuten etwas genauer beschäftigen. Um Missverständnissen vorzubeugen, schicken wir voraus, dass die Mecklenburger Läuschen keineswegs die krabbelnden Bewohner der Mecklenburger Dickköpfe darstellen. Das Wort hat nämlich nicht das Geringste mit den ekelhaften Läusen zu tun. Es entstammt vielmehr der niederdeutschen Mundart und bedeutet soviel wie "Anekdote", "kleine pointierte Geschichte". Das klingt recht harmlos, doch steckt in den Mecklenburger Läuschen oft hintergründiger Witz und scharfer Sarkasmus. Fritz Reuter, der berühmteste aller niederdeutschen Poeten, bewies das schon 1853 mit seiner Sammlung "Läuschen und Rimels – Anekdoten und Verse", in der er unter anderem von der Erschaffung Mecklenburgs berichtet. Wir zitieren aus einer hochdeutschen Prosaübersetzung:

Zitat: Fritz Reuter, aus Läuschen und Rimels

"Als es unserem Herrgott einfiel, die Welt zu erschaffen, da fing er gleich mit Mecklenburg an. Und alles ist ja auch recht schön geworden – wenigstens im Großen und Ganzen. Das wird jeder bestätigen, der in Mecklenburg geboren ist."

Sprecherin:

Aus Mecklenburg, sogar aus Güstrow gebürtig ist unser heutiger Sprachzeuge. Er heißt Hans Schmitt-Günter, war bis zu seiner Pensionierung Nachrichtenredakteur an einer großen deutschen Rundfunkanstalt und hat sich auch als Verfasser von gereimten Läuschen hervorgetan. Heimatgedichte hat er ebenfalls geschrieben. Etwa dieses: "Heimweh nach Mecklenburg".

Hans Schmitt-Günter:

"Mecklenburg, das Land der Wälder / Mecklenburg, das Land der Seen! / Fruchtbar sind die weiten Felder, / Schön ist dieses Land, so schön! / Heimat nenn‘ ich diese Gegend, / wo man spricht in breitem Wort, / Das mich stets zutiefst anregend, / Bin ich auch an ander’m Ort. / Darum grüß‘ ich jetzt von ferne / Jede Stadt, dat lüttste Dörp. / Ach, ich wäre doch so gerne / Dort, daheim in Meckelbörg."

Sprecherin:

Ohne Zweifel, diese Verse sind sentimental, aber das gehört nun einmal zum Heimatgedicht. Dabei wirkt die Schilderung der landschaftlichen Reize Mecklenburgs nicht einmal übertrieben. Denn der Ostseestaat mit seinen ehemaligen Rittergütern und seinen immer noch zahlreichen Gestüten ist von der Industrie weitgehend verschont geblieben. Nur in einem Punkte wäre der Dichter zu korrigieren: Mecklenburg lässt sich kaum noch als das "Land der Wälder" feiern. Inzwischen hat nämlich auch hier das Waldsterben eingesetzt.

Hans Schmitt-Günter:

"In dieser Zeit hab' ich nicht in Mecklenburg leben können. Ich bin im Westen gewesen, damals durch die Kriegsläufe in den Westen getrieben worden und bin auch im Westen geblieben."

Sprecher:

Trotz dieser vielen Jahre im Westen ist bei unserem Gewährsmann der Mecklenburger Tonfall unverfälscht erhalten. Dazu mögen seine häufigen, auch während der DDR-Zeit gepflegten Heimatkontakte beigetragen haben. Die eigentliche Ursache aber ist die schwer zu überwindende Beharrlichkeit des niederdeutschen Akzents. "Der klebt wie Kleister", schrieb 1965 Ehm Welk, ein vielgelesener Romancier aus Mecklenburg-Vorpommern. Was macht diesen Akzent so charakteristisch? Hören wir doch noch einmal in unser Gedicht hinein!

Hans Schmitt-Günter:

"Heimat nenn‘ ich diese Gegend, / wo man spricht in breitem Wort, / Das mich stets zutiefst anregend, / Bin ich auch an ander’m Ort."

Sprecher:

Mit dem breiten Wort meint das Gedicht die schwere, gedehnte Artikulation der Mecklenburger, die – konservativ wie sie sind – den Übergang zum hochsprachlichen Rachen-r nicht mitgemacht haben, sondern beim altgermanisch rollenden Zungen-r geblieben sind. Dieser konservative Zug zeigt sich auch darin, dass im Mecklenburgischen viele angestammte Wörter weiterleben, die im Hochdeutschen längst ausgestorben sind. Eines davon, das Dialektwort lütt, begegnet uns in der Schlussstrophe des Gedichts.

Hans Schmitt-Günter:

"Darum grüß‘ ich jetzt von ferne / Jede Stadt, dat lüttste Dörp. / Ach, ich wäre doch so gerne / Dort, daheim in Meckelbörg."

Sprecher:

Lütt heißt "klein", das lüttste Dörp bedeutet also "das kleinste Dorf". In Mecklenburg, wie überall im Niederdeutschen, sind die Kinder schlechthin die Lütten, will sagen: die Kleinen. Wer in einer Kneipe einen Lütten bestellt, möchte etwas aus dem kleinen Schnapsglas, das darf dann ruhig "einen Berg haben", das heißt bis zum Überlaufen voll sein. Lütt und das englische "little" sind ein und dasselbe Wort. Hier lebt im Niederdeutschen gemeingermanisches Erbe weiter. Natürlich gibt es auch Eigentümlichkeiten, die das Mecklenburgische allen anderen niederdeutschen Dialektgruppen voraus hat. Wir erwähnen hier nur die Neigung, dunkle Vokale, die einem "r" vorausgehen, durch Umlaut aufzuhellen. So entsteht aus "Dorf" ein Dörp, aus "Mecklenburg" Meckelbörg.

Sprecherin:

Spätestens jetzt müssen wir uns dem sprichwörtlichen Dickkopf der Mecklenburger zuwenden. Der Ausdruck Dickkopf hat dabei nichts mit dem Schädelumfang oder der Hutgröße zu tun. Er bezeichnet vielmehr einen eigensinnigen, halsstarrigen Menschen, der sich so leicht nicht von einer liebgewordenen Meinung oder gar einer alten Gewohnheit abbringen lässt. Solche Dickköpfigkeit haben die Mecklenburger im Verlauf ihrer Geschichte schon oft bewiesen. Hier ein Paradebeispiel: 1835 wollte der Großherzog wissen, wie der Name seines Landes richtig laute: "Meklenburg" (mit langem "e" und nachfolgendem einfachen "k") oder "Mecklenburg" (mit "ck" nach voraufgehendem kurzen "e"). Ein sprachwissenschaftliches Gutachten entschied sich für die zweite Version. Von nun an schrieb sich der Landesname offiziell mit "ck". Die Mecklenburger aber setzten ihren Dickkopf auf und sprachen weiter ein langes "e". Sie drangen damit durch, auch gegen den Duden! Denn im eklatanten Widerspruch zu seinen eigenen Regeln, fordert dieses Wörterbuch bis heute "Mecklenburg" – langes "e" vor nachfolgendem "ck"! Unglaublich: Mecklenburgs Dickkopf hat gesiegt – und mit ihm das Alltagsdeutsch. Im niederdeutschen Dialekt allerdings ...

Hans Schmitt-Günter:

"Niederdeutsch ist kein Dialekt, Niederdeutsch ist eine Sprache!"

Sprecherin:

O weh, da haben wir in ein Wespennest gestochen ...

Sprecher:

... schlafende Hunde geweckt ...

Sprecherin:

... ein heißes Eisen angefasst!

Sprecher:

Diese Redewendungen stehen uns zur Verfügung, wenn wir ausdrücken wollen, dass ein kritischer Punkt erreicht ist, eine Angelegenheit heikel zu werden beginnt. Und heikel ist es, sich mit einem Mecklenburger auf die Diskussion darüber einzulassen, ob das Niederdeutsche nur eine Mundart unter vielen anderen oder eine eigene Sprache darstellt. Hier streiten sich noch die Gelehrten! Die Linguistik will eine Vielzahl von Bedingungen erfüllt sehen, ehe sie einem Idiom den Rang einer selbständigen Sprache zuerkennt. Ob Plattdeutsch – ein anderes Wort für Niederdeutsch – all diesen Ansprüchen gerecht wird, können wir nicht beurteilen. Zwei wichtige Voraussetzungen freilich sind gegeben: Das Plattdeutsche ist eine gängige Verkehrssprache – in Mecklenburg wird sie täglich von rund 70 Prozent der Landesbewohner verwendet – und Plattdeutsch ist ein überregional verbreitetes Idiom; erst durch die beiden Weltkriege wurde sein früher bis Ostpreußen reichendes Territorium beschnitten.

Hans Schmitt-Günter:

"Das Plattdeutsche an sich ist eine Sprache, die von Westfalen an bis Pommern gesprochen wurde. Es war die Sprache der Hanse! Die vornehmen Familien in Hamburg sprechen heute noch Platt, wenn auch s-pitz."

Sprecherin:

Die Hanse war ein mächtiger internationaler Kaufmannsbund, der bis in das 17. Jahrhundert hinein den Handel über die Nord- und Ostsee kontrollierte. Seine Hauptstützpunkte waren die deutschen Häfen Bremen, Hamburg, Lübeck und Rostock, die in ihrem Siegel noch heute stolz das Wort Hansestadt führen. Wer in einer Hansestadt geboren ist, nennt sich jedoch nicht Hansestädter, sondern Hanseat und betont damit seine Besonderheit. Das hochentwickelte hanseatische Selbstgefühl hat natürlich den Spott der anderen herausgefordert. So warfen beispielsweise einige niederdeutsche Nachbarn den Hamburgern vor, sie sprächen nur deswegen bestimmte Wörter anders aus, weil sie sich von ihrer Umgebung unterscheiden wollten. Gemeint sind vor allem die Wörter mit den Lautgruppen "st" und "sp", zum Beispiel "stolz" oder "spitz" ...

Hans Schmitt-Günter:

"S-p!! Nicht 'spitz'! Sondern s-p: 's-pitz'! Meine Mutter hatte ein Gedicht: 'Ein Student mit spitzem Stiebel / Stand auf einem spitzen Stein. / Stand und starrte stundenlang / In die Sterne wohl hinein.'"

Sprecher:

Dieser Vierzeiler ist nur einer von vielen deutschen Spottversen, die sich mit der "vornehmen" hanseatischen Aussprache befassen. Selbstverständlich waren es sprachgeschichtliche Gründe, nicht Hochnäsigkeit, die zu der s-pitzen Diktion übrigens nicht nur der Hamburger führten. Das ändert nichts daran, dass heute der "s-pitze S-tein" sofort mit Hamburg assoziiert wird. Ein berühmter Filmschauspieler, der Hamburger Hans Albers, trug zur Verfestigung dieses Vorurteils bei, wenn er in einem Evergreen sang:

Musik: Hans Albers, Nimm mich mit Kapitän

"Fröhlich spielten wir Maat und Stüermann

Rochen nachts im Bett noch nach Teer.

Wir heuerten im Waschfass an

Wollten hinaus aufs Meer."

Sprecherin:

Kehren wir zu den Mecklenburgern und ihren Läuschen zurück! Unser Güstrower Sprachzeuge beispielsweise hat eine Zeit lang seinen Lebensunterhalt mit der Abfassung von Läuschen verdient. Auch wenn sie damals schon anders hießen.

Hans Schmitt-Günter:

"Nach dem Krieg bin ich im Westen angefangen mit Gedichten, mit Gazetten-Lyrik, und habe dann mich mehr oder weniger zum Lokalredakteur raufgearbeitet."

Sprecher:

Das Fremdwort Gazette gebrauchen wir als ironische Bezeichnung für eine Tageszeitung. Gazetten-Lyrik heißen die gereimten Glossen – mecklenburgisch Läuschen –, die mehr oder weniger bissig zu Tagesereignissen Stellung nehmen. Mehr oder weniger ist eine nichtssagende aber sehr praktische Redensart, die dem jeweiligen Sprecher eine Denkpause von sechs Silben gestattet und zudem das, was folgt, nur unverbindlich gelten lässt. Wenn zum Beispiel Meteorologen sagen, das Wetter werde morgen mehr oder weniger schön, dann sollte man auf jeden Fall den Schirm mitnehmen; es könnte ja auch regnen. Jetzt aber wollen wir endlich Gazetten-Lyrik hören, ein Läuschen von unserem Gewährsmann! Hat er vielleicht etwas Aktuelles auf Lager? Ja?

Hans Schmitt-Günter:

"Es war einmal ein Elefant, / der was von Politik verstand. / Mit dem hab‘ ich mich unterhalten. / Wir sprachen lange von dem Alten / Und von dem Neuen, das nun bald / Die Erdenvölker soll beglücken / Und jeden Krieg im Keim ersticken. / Da sagte mir der Elefant, / Der was von Politik verstand: / Man nehme einen schweren Stein / Und schlage alles kurz und klein. / Und wenn dann nichts mehr zu zerstören, / Wird endlich Ruh‘ und Fried‘ einkehren./ So sprach zu mir der Elefant, / Der was von Politik verstand. - / Ich glaube, dieses Wesen ist / zum Mindesten ein Optimist."


Fragen zum Text:

Was bedeutet das niederdeutsche Wort Dörp?

1. Dorf

2. Töpfe

3. Depp

Welche dieser Städte war keine Hansestadt?

1. Rostock

2. Bremen

3. Berlin

Wie wird der Name des Bundeslandes, um das es im Text geht, denn nun richtig geschrieben und gesprochen?

1. mit langem "e" und nachfolgendem einfachen "k"

2. mit langem "e" vor nachfolgendem "ck"

3. mit "ck" nach voraufgehendem kurzen "e"

Arbeitsauftrag:

Stellen Sie mit Hilfe des Dialektatlas' der Deutschen Welle weitere Besonderheiten der niederdeutschen Sprache zusammen und schreiben Sie einen kurzen Text auf Plattdeutsch. Hier geht es zum Dialektatlas: http://www6.dw-world.de/de/1138.php

Autor: Franz-Josef Michels

Redaktion: Ingo Pickel

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