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Kultur

Mazza-Backen für Pessach

Für das bevorstehende Pessach-Fest backt die jüdische Synagogengemeinde in Bonn traditionelles Mazza - ein ungesäuertes Brot. Es soll an das Ende der israelitischen Sklaverei erinnern.

Jana krempelt sich die Ärmel hoch. Sie trägt eine Küchenschürze, die schwarzen Haare hat sie zu einem Pferdeschwanz gebunden. Vor der 16-Jährigen steht eine Schüssel mit Mehl. Sobald Religionslehrer Benni Pollack den Startschuss gibt, darf das Mehl mit Wasser vermengt werden. Los geht's. Jana beginnt zu kneten. Sie ist umringt von Kindern, die sie anfeuern, ihren Namen rufen. In 18 Minuten muss der komplette Teig fertig ausgerollt sein und auf dem Grill liegen. Sonst ist er nicht koscher für das Pessach-Fest.

Mazza - Foto: Juli Rutsch, DW

Mazza: das traditionelle ungesäuerte Brot zum Pessach-Fest

Das sind die strengen Regeln der Zubereitung von Mazza - einem Teig, der einzig aus Mehl und Wasser besteht. Er erinnert an den Exodus, dem Auszug der Israeliten aus Ägypten - und damit aus der Sklaverei. Vor 2000 Jahren blieb ihnen keine Zeit, das Brot säuern zu lassen. Sie zogen mit dem ungesäuerten Teig davon, ohne Salz, ohne weitere Zutaten.

Brot der Sklaverei

Das Mazza ist heute die wichtigste Tradition des Pessach-Festes, dem "Fest der ungesäuerten Brote". Es soll jedes Jahr im Frühling an das Ende der Knechtschaft in Ägypten erinnern und an die Geburt des jüdischen Volkes als Gemeinschaft. Mazza wird auch als Brot der Unterdrückung, des Elends oder als Brot der Sklaverei bezeichnet. "Es ist ein Versuch, mit ziemlich einfachen Mitteln eine kleine Kostprobe dessen zu bekommen", erklärt Benni Pollack. Als Rabbiner kontrolliert er heute die traditionsgerechte Zubereitung.

Höhepunkt des Festes ist der Seder-Abend, der Vorabend des Pessach-Festes, das in diesem Jahr vom 15. bis 22. April zelebriert wird. An ihm kommt die ganze Familie zu einem großen Festessen zusammen. Es gibt viele Mazza-Gerichte. Aber auch Hühnchen- und Rindfleisch, Gemüse und koscheren Wein. Das Essen läuft nach einer traditionellen Liturgie ab. Es wird immer wieder durch Erzählungen, Lieder und Gebete unterbrochen. "Die Nacht ist eine lange Reise von damals bis zum heutigen Tag", erklärt Pollack. Eine Reise in die jüdische Vergangenheit, festgehalten in der "Haggada": Aus dem traditionellen Buch wird den ganzen Abend über vorgelesen.

An die Geschichte erinnern

Jana und andere Kinder backen Mazza - Foto: Juli Rutsch, DW

Nur 18 Minuten Zeit: Jana (re.) muss sich beeilen

Die Kinder rollen die ersten Portionen aus, stechen mit einer Gabel Luftlöcher hinein und rennen zum Feuer. Aus einem CD-Player ertönen jüdische Volkslieder. Zwei Väter stehen am Grill, die Mütter schauen den Kindern über die Schulter. Eine von ihnen ist Dikla Tamir aus Israel. Die 43-Jährige ist heute mit ihren zwei Töchtern hier. Sie engagiert sich fest in der jüdischen Gemeinde und hat das Backen mit organisiert. "Das macht den Kindern Spaß, wenn sie selbst etwas machen", sagt Dikla. "Es bringt einfach die Atmosphäre, dass bald Pessach ist."

Ihre 11-jährige Tochter Naomi rennt mit einem Teigfladen an ihr vorbei zum Grill. In einer Ecke auf dem Rost ist noch Platz. Das gemeinsame Mazza-Backen ruft ihr die Geschichte in Erinnerung, sagt sie. "Es bringt uns halt wieder zusammen. Und es macht auch Spaß, das Mazza zu essen."

Kinder suchen Brotreste

Naomi legt einen Teigfladen auf den Grillrost - Foto: Juli Rutsch, DW

Naomi findet für ihren Teigfladen noch Platz auf dem Rost

Heute sollen die Kinder "keine trockene Reise durch die Zeit machen", sagt Benni Pollack. Vielmehr sollen sie "mit Geschmack und Emotionen von der Geschichte und der Sklaverei lernen. Wir wollen sie für sie lebendig machen und die Kinder mit einbeziehen in die jüdische Vergangenheit."

Dikla Tamir verbringt Pessach in diesem Jahr mit ihrer Familie in London. "Es gibt hundert Unterschiede, das Fest zu feiern", erklärt sie. "Jede Herkunft hat eine andere Tradition." Lange haben ihre Töchter und sie die Familie nicht mehr gesehen. Für die Industriedesignerin ist Pessach "das festlichste Fest", was die Juden feiern. "Es ist alles besonders, nichts ist wie immer." Das Haus wird zusammen gründlich gereinigt, alles wird dekoriert. Am Seder-Abend wird ihr Mann aus der "Haggada" vorlesen. Sie werden ausgelassen essen, Lieder singen. "Wenn wir nicht singen, dann ist es kein Fest für mich", sagt sie.

Nicht selbstverständlich

Naomi und Dikla Tamir - Foto: Juli Rutsch, DW

Naomi (li.) und ihre Mutter Dikla (re.): "Alles ist besonders"

Vor dem traditionellen Seder-Abend erfolgt der Frühjahrsputz. Während des Pessach-Festes muss jeglicher Kontakt mit Brot vermieden werden. Kein Krümel oder Brösel darf sich noch im Haus befinden. Daraus hat sich eine jüdische Familientradition für die Kinder entwickelt: Die Eltern verstecken alte Brotreste, die Kinder suchen sie im Haus. Danach gibt es Geschenke.

Die 18 Minuten sind um. Teig, der jetzt nicht auf dem Feuer Platz gefunden hat, muss weggeworfen werden. Die 16-jährige Jana wischt sich den Schweiß von der Stirn. Sie zieht die Schürze aus und holt sich ein Stück gebackene Mazza. "Man denkt, was man jetzt hat, ist selbstverständlich, aber es war ja früher mal anders."

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