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Fokus Südosteuropa

Mazedonier arbeiten gern für den Staat

Auch 20 Jahre nach der politischen Wende meinen die Mazedonier, dass Arbeitsplätze im öffentlichen Dienst sicher und attraktiv sind. Kritikern meinen, es gebe mittlerweile zu viele Staatsdiener und fordern Reformen.

Beamtin am Arbeitsplatz hinter Aktenbergen (Foto: dpa)

Traumberuf Staatsdiener?

Etwa zwei Drittel des mazedonischen Staatshaushaltes werden für die Gehälter der Verwaltungsmitarbeiter ausgegeben. Der Zwei-Millionen-Staat beschäftigt 150.000 Festangestellte, Teilzeitkräfte und Freiberufler. Diesem Mitarbeiterstab stehen 270.000 Rentner, 340.000 Arbeitslose und 100.000 Sozialhilfeempfänger gegenüber. Experten zufolge muss der Staatsapparat dringend verkleinert werden, um so die Kosten für die Staatskasse zu senken. Doch alle bisherigen Reformversuche sind gescheitert. Vor einem Jahr wurde zwar ein Gesetz für die öffentliche Verwaltung nach europäischen Standards verabschiedet, es ist aber bisher nicht umgesetzt worden. Das Gesetz soll die Einstellungs- und Qualifikationskriterien für den öffentlichen Dienst festlegen.

"Sammelbecken für Parteifreunde"

Zwei Männer im Anzug schütteln sich die Hände (Foto: Picture Alliance/Okapia)

Stellenvergabe nach dem Prinzip eine Hand wäscht die andere

Dem öffentlichen Dienst in Mazedonien werfen Experten vor, behäbig, parteiisch und unprofessionell zu sein. "Die Staatsverwaltung ist ein Sammelbecken für Parteifreunde und mögliche Wähler geworden", sagt Stevo Pendarovski vom American College in Skopje. Mit jedem Regierungswechsel werde auch das Personal gewechselt. Die personelle Besetzung nach Parteizugehörigkeit habe zur Folge, dass die Qualifikation in den Hintergrund trete. Wenn eine Person angestellt werde, stehe sie automatisch in der Schuld der gerade regierenden Partei und sei für Gefälligkeiten als Gegenleistung für ihren Posten und politische Einflussnahme anfällig, meint Pendarovski.

Pluspunkt Sicherheit

Ein Mann sitzt in einem Büro mit hinter dem Kopf verschränkten Armen und den Beinen auf dem Schreibtisch (Foto: dpa)

Ruhe statt Risiko

Stellen im Staatsdienst oder in staatlichen Firmen seien auch 20 Jahre nach der politischen Wende und der Einführung der freien Marktwirtschaft äußerst beliebt und gelten als sicher. Das haben Wirtschaftsexperten wie Snezana Milosevska Kostadinovska festgestellt. Sie begründet dies damit, "dass sich die Privatwirtschaft unstet entwickelt. Es besteht häufig die Gefahr, dass ein Unternehmen bankrott macht und die Mitarbeiter ihre Beschäftigung verlieren. Bei staatlichen Unternehmen glauben die Arbeitnehmer, dass dies nicht eintreten kann."

Für die Reform der Staatsverwaltung schlägt die Europaexpertin Lidija Dimovska einen radikalen Ansatz vor: das estnische Modell. "Demnach werden alle Mitarbeiter entlassen und eine neutrale ausländische Firma stellt daraufhin neue Mitarbeiter nach politischen neutralen und leistungsorientierten Kriterien ein. Milosevska Kostadinovska ist indes gegen ein solches System, weil "in den vergangenen Jahren viel experimentiert wurde. Radikale Maßnahmen würden bei den Mazedoniern im Augenblick auf Ablehnung stoßen."

Autoren: Boris Georgievski / Mirjana Dikic

Redaktion: Nicole Scherschun

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