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Fokus Osteuropa

Mazedonien: Manchmal funktioniert der Dialog der Kulturen

Früher waren die Muslime in Debar eine Minderheit neben den christlichen Mazedoniern, heute ist es umgekehrt. Am guten Verhältnis der Religionen untereinander hat dies jedoch nichts geändert. Ein seltenes Beispiel.

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Muslime freuen sich auf Ostereier

Christen wie Muslime in der kleinen Stadt Debar im Westen Mazedoniens, nahe der Grenze zu Albanien, wissen nicht nur stets genau, wann ihre andersgläubigen Bekannten oder Nachbarn religiöse Feiertage feiern - sei es das Opferfest, sei es Ostern oder Weihnachten. Die Menschen wissen auch, welche Bedeutung die Feste der jeweils anderen haben und wie man dazu angemessen gratuliert. Und nicht zuletzt: Man feiert die Feste sehr oft auch gemeinsam.

Kindheitserinnerungen

Die albanischstämmige Muslima Violca Kaba arbeitet praktisch bereits ihr ganzes Leben lang mit einer orthodoxen Kollegin zusammen im Büro, auch schon zu jugoslawischen Zeiten war das so. Im Islam ist Jesus Christus zwar nur einer von mehreren Propheten, und nicht wie bei den Christen der Sohn Gottes. Aber die 56jährige hat großen Respekt auch vor christlichen Traditionen, und Feierlichkeiten wie das orthodoxe Osterfest sind Teil ihrer Kindheitserinnerungen. Frau Kaba erzählt: "Wie könnte auch es sein, dass ich nicht weiß, welchen (christlichen) Feiertag wir gerade haben?! Ostern natürlich, die Auferstehung Christi! Schon als Kind habe ich mich immer riesig auf die Ostereier gefreut. Und auf diesen Tag warten meine beide kleinen Söhne auch schon immer ganz ungeduldig."

Violca Kaba erinnert sich auch sehr gut an früher zurück, wenn in Debar immer der traditionelle Volkstanz "Oro" zelebriert wurde, ebenfalls zur traditionellen orthodoxen Osterzeit. Eine Tradition, die inzwischen nicht mehr gepflegt wird, aber an die sich die albanischstämmige Muslima immer noch gerne zurückerinnert. Sechs Tage lang habe man damals immer getanzt, schwärmt Violca Kaba: "Ostern und der Tanz - das war auch für uns immer ein Fest. Zu Ostern haben wir schon damals immer die schönste und neueste Kleidung angezogen und sind mit Eltern oder Verwandten feiern gegangen. Später haben wir auch die jüngeren Generation zu diesem Fest gebracht, bis vor ein paar Jahren noch. Seitdem existiert dieser Tanzbrauch nicht mehr."

Christen feiern mit Muslimen

Umgekehrt achten und schätzen in Debar auch Christen die religiösen Feiertage ihrer muslimischen Mitbürger. Beliebt ist nicht zuletzt das Zuckerfest, wo sich nicht nur christlich-orthodoxe Kinder über süßes Naschgebäck freuen, wie dieser Mazedonier erzählt: "Ich habe viele muslimische Bekannte hier. Trotzdem finde ich auch immer die Zeit, bei denen allen vorbeizuschauen und von den leckeren Süßigkeiten zu probieren, vor allem vom besten Baklava, das hier in Debar gemacht wird!"

Religiöse Toleranz als Tradition

Was sie von den Älteren in der Stadt an traditioneller Toleranz mitbekommen haben, pflegen die jüngeren Menschen in Debar auch heute noch: Vor einem Jahr etwa gab es ein Treffen von 120 Jugendlichen - Mazedonier, Albaner, Roma und Türken - zum letzten Abend des islamischen Fastenmonats Ramadan. Die jungen Leute feierten gemeinsam unter dem Motto "Wie soll man leben und dem anderen Achtung geben?". Organisiert wurde das Ganze von einer lokalen Nichtregierungsorganisation namens "Tolerante Jugend". Auch das muslimische Oberhaupt von Debar, Ruzdi Ljata, ist stolz darauf, dass die religiöse Toleranz in seiner Stadt Tradition hat: "Debar ist eine Stadt, die als Beispiel dienen kann, was religiöse Toleranz und das Zusammenleben von christlicher und muslimischer Bevölkerung angeht. Es gibt auch keine geschichtlichen Belege, dass es hier jemals irgendwelche Auseinandersetzungen gegeben hätte."

Das bestätigt auch das Oberhaupt der christlich-orthodoxen Gemeinde in Debar, Blagoja Spirovski: "Die Tradition geht immer weiter, ob im Guten oder Schlechten, und die Gläubigen hier halten zusammen und besuchen sich gegenseitig. Das hat sich jetzt wieder einmal bestätigt. Wir als christliche Geistliche gehen zum muslimischen Mufti, wenn dort Feste gefeiert werden. Und die muslimischen Gläubigen besuchen uns zum Beispiel an Ostern, sie kommen dann auch in die Kirche. Unser Gotteshaus ist für alle geöffnet, und wir haben keine Probleme miteinander, sondern respektieren uns gegenseitig. Die muslimischen Gläubigen helfen unserer Kirche sogar mit Spenden. Das ist eine Jahrhunderte lange Tradition. Und ich hoffe, dass sie fortbestehen wird."

Vera Todorovska, Debar
DW-RADIO/Mazedonisch, 24. 4.2006, Fokus Ost-Südost