Max Ophüls Preis beginnt mit ″Der Hauptmann″ | Filme | DW | 22.01.2018
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Filme

Max Ophüls Preis beginnt mit "Der Hauptmann"

Junges deutschsprachiges Kino steht jedes Jahr im Januar im Mittelpunkt des Filmfestivals "Max Ophüls Preis". Eröffnet wird das Festival diesmal aber mit einem ausgereiften Werk: dem furiosen Film "Der Hauptmann".

Mit der diesjährigen Eröffnung setzt das Festival ein Zeichen. "Der Hauptmann" ist nicht das Werk eines Anfängers: Regisseur Robert Schwentke inszenierte bereits vor 15 Jahren seinen ersten langen Spielfilm. "Der Hauptmann" ist sein neunter Film in eigener Regie. In den letzten Jahren hat der gebürtige Stuttgarter vor allem in Hollywood gearbeitet und dort mit Top-Stars wie Jodie Foster, Bruce Willis oder Morgan Freeman gedreht.

Nach Toronto folgt nun Saarbrücken: Premiere für "Der Hauptmann"

"Seht her, was aus euch werden kann!" scheint das Festival (22.1.-28.1.2018) damit all denjenigen zuzurufen, die in den kommenden Tagen in Saarbrücken ihre ersten Filme präsentieren. "Der Hauptmann" feierte im vergangenen Herbst beim Festival in Toronto Weltpremiere, wurde danach in San Sebastian präsentiert und feiert nun seine Deutschland-Premiere in der saarländischen Landeshauptstadt. Ende März ist der reguläre Kinostart vorgesehen.

Filmstill: Der Hauptmann mit Max Hubacher als Willi Herold (Courtesy of TIFF)

Bevor er die Hauptmanns-Uniform überstreift: Max Hubacher als Willi Herold

Offenbar hat das Nachwuchsfestival "Max Ophüls Preis" sich die Chance, diesen besonderen Film erstmals in Deutschland zu zeigen, nicht entgehen lassen wollen - auch wenn Schwentkes Film natürlich nicht so recht ins Festivalkonzept passt. Doch "Der Hauptmann" ist ein ganz und gar ungewöhnlicher deutscher Spielfilm, furios inszeniert, großartig gespielt und leidenschaftlich erzählt. Das historische Thema des Films ist zudem, auch wenn es dem ein oder anderen Kinozuschauer möglicherweise übel aufstoßen wird, nach wie vor brisant: deutsche Grausamkeiten, verübt während des Nationalsozialismus.

Robert Schwentke erzählt eine grausame Geschichte aus den letzten Kriegstagen

Für seinen ersten deutschen Film nach mehreren Jahren in Hollywood hat sich Schwentke eine Geschichte aus den letzten Tagen des zweiten Weltkriegs ausgesucht. Als dunkle Variante einer "Köpenickiade" könnte man das auch umschreiben, was Schwentke erzählt: Es ist die unglaubliche wie abscheuliche Geschichte des Kriegsverbrechers Willi Herold, den es tatsächlich gegeben hat.

Herold, ein einfacher Gefreiter, war im Chaos der letzten Kriegstage von marodierenden deutschen Soldaten gejagt worden - bis er, durch einen Zufall, an die Uniform eines Luftwaffen-Hauptmanns geriet. Von nun an änderte sich für Herold alles.

Filmstill: Der Hauptmann mit Feierszene deutscher Soldaten während des Krieges in Unterkunft (Courtesy of TIFF)

Manche Szenen in "Der Hauptmann" erinnern an Quentin Tarantinos "Inglourious Basterds"

Plötzlich wird er von den deutschen Soldaten hofiert, alle akzeptieren seine Befehle. Herold gründet eine Kampftruppe, die - angeblich auf Geheiß von Adolf Hitler - barbarische Aufträge hinter der Front ausführen soll. Und so kommt es auch: Herold und seine Truppe üben schlimme Kriegsverbrechen aus. Schwentkes Film erzählt seine erschreckende Geschichte mit grandiosen Schwarz-Weiß-Bildern, einem fast experimentell anmutenden Soundtrack und mit einer überzeugenden Darstellerriege.

Schwentke: "Nach einer Story gesucht, bei der man etwas über die dritte, vierte, fünfte Täterreihe erzählen kann."

In einem Interview mit der Deutschen Welle nach der Welturaufführung im kanadischen Toronto antwortete Schwentke auf die Frage, warum er sich gerade diesen Stoff für sein Deutschland-Comeback ausgesucht hat: "Ich habe nach einer Story gesucht, bei der man etwas über die dritte, vierte, fünfte Täterreihe erzählen kann." Bemerkenswerterweise gebe es in Deutschland nur zwei Filme, die tatsächlich aus der Täterperspektive erzählt sind, so Schwentke: "Aus einem deutschen Leben" mit Götz George (1977), eine fiktive Biographie von Rudolf Höß, und dann (…) noch die "Wannsee-Konferenz", ein Fernsehfilm aus den 1970er Jahren." Beides seien tolle Filme, aber in diesen gehe es eben um die erste Täterreihe. 

Regisseur Robert Schwentke Allegiant New York Premiere - Outside Arrivals (Getty Images/M. Sagliocco)

Robert Schwentke

Auch habe ihn der "Mythos von der sauberen Wehrmacht" interessiert: "Da bin ich mit groß geworden: Die deutsche Wehrmacht, das waren halt professionelle Soldaten, die waren nicht ideologisch motiviert und die haben an Massakern und am Genozid nicht teilgenommen, das war die SS…". Nach 1989 seien viele Fotoarchive im Osten zugänglich gewesen, erst dann habe man sehen können, dass dieser Mythos völlig falsch gewesen ist: "Die Wehrmacht war mitnichten sauber. Die haben auch teilgenommen an Erschießungen, auch und vor allem in Polen 1940."

Der Film dürfte in den kommenden Wochen und Monaten noch für Diskussionsstoff sorgen. Auf jeden Fall schenkt er dem Festival "Max Ophüls Preis" einen aufsehenerregenden Auftakt. 

Neue Filme aus Deutschland, Österreich und der Schweiz

Knapp 150 neue Filme werden in den kommenden Tagen in Saarbrücken präsentiert, 62 davon in vier Wettbewerbssektionen, in denen sich die jungen Regisseurinnen und Regisseure um insgesamt 16 Preise bewerben.

Benannt ist das Filmfestival, das sich neben dem deutschen Kino auch dem deutschsprachigen Film in Österreich und der Schweiz widmet, nach dem deutsch-französischen Regisseur Max Ophüls (1902 - 1957), einem Sohn der Stadt.

Max Ophüls Preis Bild des Regisseurs 1957 (picture-alliance/dpa)

Max Ophüls

Auch Max Ophüls hatte einst einige Jahre in Hollywood verbracht, allerdings - im Gegensatz zu Robert Schwentke - nicht freiwillig. Nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten verließ Ophüls 1933 seine Heimat und ging nach Frankreich, um dort weiterzuarbeiten. 1941 emigrierte er in die USA und setzte seine Karriere in Hollywood fort.

Das Interview nach der Weltpremiere in Toronto 2017 führte DW-Redakteur Hans-Christoph Bock. "Der Hauptmann" läuft am 22.3. 2018 in den deutschen Kinos an.

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