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"Mauern der Unwissenheit niederreissen"

Der in Saudi-Arabien inhaftierte Blogger Raif Badawi ist der erste Preisträger des "Freedom of Speech Awards" der Deutschen Welle. Die Laudatio von Zeit-Online Chefredakteur Jochen Wegner.

Video ansehen 01:13

Videobotschaft von Ensaf Haidar, der Ehefrau Badawis

Sehr geehrte Damen und Herren,

vielleicht ist der "Freedom of Speech Award" für Raif Badawi der wichtigste Preis, den die "BOBS“ je verliehen haben. Ganz sicher ist diese Preisverleihung eine der bisher traurigsten.

Denn Raif Badawi kann nicht bei uns sein. Er sitzt seit drei Jahren in Saudi-Arabien im Gefängnis, weil er ein Internet-Forum betrieben hat, das "islamische Werte verletzt und liberales Gedankengut verbreitet". Nach einem soeben nochmals bestätigten Urteil wird er dabei gefoltert: 1000 Peitschenhiebe soll er aushalten, falls er nicht während dieser Tortur stirbt.

Auch seine starke Frau, Ensaf Haidar, kann nicht wie ursprünglich geplant hier sein. Sie ist bei ihren drei kleinen Kindern im kanadischen Asyl, die erst noch ihre Stärke erlangen müssen, um diese Situation auszuhalten. Dieser Preis ist vielleicht der wichtigste, den die"BOBS" in ihrer Geschichte verliehen haben. Er ist wichtig für Raif Badawi und seine Familie, die jede nur erdenkliche Unterstützung benötigen, die wir ihnen geben können.

Portrait von Jochen Wegner Chefredakteur Die Zeit Online (Foto: Tobias Hase/dpa)

"Traurige Preisverleihung" - Laudator Jochen Wegner

Plädoyer für freie Rede und Sälularismus

Bis zum heutigen Tag stellen Raif Badawi und seine Familie ihr persönliches Glück hintan, um das selbstverständliche Recht auf freie Rede in Anspruch zu nehmen. Raif Badawi plädiert nicht nur für freie Rede, sondern auch für Säkularismus und für eine Trennung von Glauben und Staat. Seine vom saudischen Mainstream abweichende Meinung vertrat der Journalist auch öffentlich.

Bis ihm verboten wurde, als Journalist zu arbeiten. Er schrieb dennoch weiter - im Internet.

2008 gründete er dann die Website "Freie Saudische Liberale", denn er wollte auch andere Menschen frei zu Wort kommen lassen. Im selben Jahr wurde er zum ersten Mal festgenommen und verhört, wegen des Verdachts der Apostasie, dem Abfall vom Islam, auf den die Todesstrafe steht. Er wurde zwar wieder freigelassen, aber ein paar Monate später verbot ihm der Staat, das Land zu verlassen und fror seine Konten ein.

Raif Badawi schrieb weiter.

Seine Frau aber bat er, mit den Kindern ins Asyl zu gehen, nachdem sie am Telefon bedroht worden war. Erlauben Sie mir dazu eine Nebenbemerkung: Die Stadt Quebec hat der Familie Asyl gewährt und dies erst kürzlich auch Raif Badawi öffentlich angeboten. Kanada kann stolz auf sich sein.

Ich wünsche mir, dass alle europäischen Staaten, die derzeit viel über das Asylrecht diskutieren, mit Kanada um solche Asylangebote wetteifern und nicht nur um die Waffenexporte in unser Partnerland Saudi Arabien. Ich wünsche mir zudem, dass Deutschland sich nicht zum Büttel fragwürdiger Regierungen macht und für sie Journalisten festnimmt wie soeben im Fall des angesehenen Kollegen Ahmed Mansour, der zum Glück wieder frei ist.

Raif Badawi schreibt weiter, bis heute.

Respekt vor Ausdrucksfreiheit, Frauenrechten, Minderheitenrechten

Noch aus der Haft diktierte er seiner Frau das Vorwort seines Buches mit ausgewählten Blogbeiträgen, das nun in Deutschland erschienen ist. Über seine Motivation schreibt er darin: "Ich habe versucht, die Mauern der Unwissenheit niederzureißen, die Heiligkeit des Klerus zu brechen, ein wenig Pluralismus zu verbreiten und Respekt vor Werten wie Ausdrucksfreiheit, Frauenrechten und den Rechten von Minderheiten und Mittellosen in Saudi-Arabien."

Zwei bis drei Mal in der Woche wird ihm erlaubt, seine Frau anzurufen. Raif Badawi wird also auch von diesem Preis erfahren - davon, wie inspirierend er für uns ist und wie sehr wir an seinem Schicksal Anteil nehmen. Genau so wichtig aber, wie unsere Unterstützung für ihn ist, ist Raif Badawi für uns.

Zum einen hat uns Raif Badawi die Augen geöffnet. Seine absurde Geschichte hat uns die absurden Verhältnisse in Saudi-Arabien verdeutlicht wie selten zuvor, und damit auch die absurden Verhältnisse an vielen anderen Orten der Welt.

Seit Jahrzehnten ist Saudi-Arabien ein sehr wichtiger strategischer Partner des Westens. Und doch gibt es dort Menschenrechtsverletzungen mit einer steigenden Zahl von Opfern, die Religionspolizei, die Sharia, üppig finanzierten Extremismus, der in andere Länder exportiert wird und auch ein wichtiges Fundament des IS bildet.

Schizophrenie Saudi-Arabiens

Selten wurde die Schizophrenie Saudi-Arabiens so deutlich wie am 9. Januar, als Raif Badawi seine ersten 50 Peitschenhiebe für das verbreiten liberaler Gedanken im Internet erhielt. Zwei Tage vor seiner Auspeitschung hatten islamistische Attentäter viele Redakteure von Charlie Hebdo wegen des Verbreitens liberaler Karikaturen umgebracht.

Zwei Tage nach der Auspeitschung demonstrierten Vertreter der saudischen Regierung in den Straßen von Paris mit - für die Redefreiheit. Klarer trat die Schizophrenie Saudi-Arabiens selten zutage. "Schluss mit lustig", so lautete damals die Schlagzeile in einer deutschen Zeitung über die Situation in Saudi Arabien. Die westliche Benutzeroberfläche unseres strategischen Verbündeten hat wohl eine ganze Weile getäuscht. Das Betriebssystem darunter ist alt und fehlerhaft und muss erneuert werden.

Raif Badawi ist zum einen wichtig für uns, weil er uns die absurden, schizophrenen Verhältnisse in seinem Land vor Augen geführt hat. Er ist, zum anderen, wichtig für uns, weil er uns allen als Vorbild dient.

Ich bin nicht Charlie.

Ich bin auch nicht Raif Badawi.

Es wäre vermessen, so etwas zu sagen. Mit jedem seiner Blogeinträge hat Raif Badawi mehr riskiert als die meisten westlichen Journalisten in ihrer ganzen Karriere.

Aber ich würde gerne versuchen, mir den Mut, den Raif Badawi zeigt, zum Vorbild zu nehmen. Ich wünsche mir, dass viele Journalisten und Aktivisten diesem Vorbild nacheifern und nicht aufhören, sich für das Recht auf freie Rede einzusetzen.

Am 9. Januar wurden die ersten 50 Hiebe öffentlich auf dem Vorplatz der Al-Juffali-Moschee in Jedda vollstreckt.

Alle weiteren wurden bis heute immer wieder verschoben, zunächst wegen des schlechten Gesundheitszustands von Raif Badawi.

Wir dürfen hoffen, dass auch die überwältigende internationale Aufmerksamkeit, mit der wohl niemand rechnen durfte, dazu beitrug, die Strafe bisher auszusetzen.

Raif Badawi hat viel Unterstützung, Menschen in Deutschland, Frankreich, Russland, Tunesien, den Niederlanden und den USA demonstrieren für ihn, 130 Abgeordnete des Europäischen Parlaments schrieben an König Salman, 18 Nobelpreisträger setzten sich für ihn ein, auch viele Staatsoberhäupter und Regierungschefs, darunter Angela Merkel.

Im Fall von Raif Badawi ist diese Unterstützung besonders wichtig, denn in Saudi-Arabien gibt es viele, die ihm diese Strafe gönnen – sein eigener Vater zum Beispiel. Und die Familie seiner Frau, die wegen der Vorwürfe der Apostasie eine Zwangsscheidung beantragt hat. "Allah ist groß" riefen die Zuschauer, als die Hiebe auf seinen Rücken und seine Beine niedergingen.

Gott ist groß. Wir befinden uns derzeit im Ramadan, der auch ein Monat der Barmherzigkeit ist. König Salman, der einzige, der Raif Badawi nun noch begnadigen kann, möge diese Barmherzigkeit zeigen.

Ich möchte schließen mit dem letzten Blogeintrag von Raif Badawi. Es ist ein Zitat von Albert Camus: "Die einzige Möglichkeit, mit einer unfreien Welt umzugehen, ist so absolut frei zu werden, dass die eigene bloße Existenz ein Akt der Rebellion ist."

Sehr geehrte Damen und Herren, dies ist der wichtigste Preis, den die Bobs je verliehen haben.Raif Badawi, es ist mir eine Ehre, Ihnen den „Freedom of Speech Award“ zu widmen.

Ich hoffe, Sie halten ihn sehr bald in Ihren freien Händen.

Jochen Wegner ist Chefredakteur von Zeit-Online

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