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Europa

Mauerfall in Belfast: Die Tore öffnen sich

In der Hauptstadt Nordirlands gibt es immer noch 100 sogenannte "Friedensmauern", die katholische und protestantische voneinander Viertel trennen. Doch jetzt fallen Mauern, Zäune und Schranken werden geöffnet.

Es ist ein bitterkalter, windiger Frühlingsmorgen im Alexandra Park in Belfast. Nur wenige Spaziergänger trotzen dem Wetter. Eine Frau geht mit ihrem Hund spazieren und verschwindet bald hinter Bäumen. Ein einsamer Schwan ruht am Ufer eines großen Teichs. Was aber sofort ins Auge sticht, ist ein drei Meter hoher mit Graffiti besprühter Wellblechzaun, der den Park in zwei Bereiche aufteilt.

Der Alexandra Park befindet sich an einer sogenannten "interface line", einer Trennlinie zwischen einem protestantischen und einem katholischen Viertel. Der Park wurde am 1. September 1994 geteilt, ironischerweise einen Tag nachdem die Untergrundorganisatio IRA nach über 25 Jahren bewaffneten Konflikts gegen die Briten in Nordirland den Waffenstillstand erklärt hatte. Während des Konflikts starben über 3000 Menschen.

Ein Schwan im Alexandra Park im Norden Belfasts (Foto: DW/Joanna Impey)

Der Alexandra Park im Norden Belfasts

Jetzt, 20 Jahre später, sind die beiden Lager immer noch tief gespalten, aber die Gewalt ist bei weitem nicht mehr so stark. Letztes Jahr im Dezember wurde erstmals eines der "Friedenstore" im Alexandra Park geöffnet, so dass Protestanten und Katholiken ungehindert von einer Seite zur anderen gelangen konnten. "Das ist Jahre her, dass ich mal da war. Ich hatte immer Angst," sagt eine katholische Anwohnerin. Aber jetzt hat sie keine Bedenken mehr. "Ich gehe unheimlich gerne rüber, jetzt wo alles offen ist, ich schätze das sehr, und ich hoffe, es bleibt offen."

Symbol des Fortschritts

Für einen Außenstehenden sieht der Wellblechzaun eher befremdlich aus. Das Tor wird immer noch jeden Nachmittag um 15 Uhr geschlossen und am nächsten Morgen um 9 Uhr wieder geöffnet. Ein Riesenfortschritt, findet Kate Clarke vom North Belfast Interface Network, das sich für die Verständigung der beiden Gemeinden einsetzt. Sie arbeitete jahrelang auf die Öffnung hin. "Es ist nicht einfach so passiert", sagt sie im Gespräch mit der DW. "Drei Jahre haben wir daran gearbeitet. Der Park wurde selten genutzt. Bäume wurden verbrannt, es gab viele Aufstände dort und viele wurden dabei verletzt."

Während des Nordirlandkonflikts, im englischsprachigen Raum als "The Troubles" bekannt, der in den späten Sechziger Jahren begann und erst Ende der Neunziger Jahre endete, war der Alexandra Park immer wieder im Brennpunkt der Gewalt. Der Wellblechzaun bot ein wenig Sicherheit für die Anwohner. Und er ist nicht der einzige in Belfast. Von derartigen Zäunen und Mauern gibt es mindestens 99, wovon die meisten aus der Zeit des Konflikts stammen. Ein Drittel von ihnen wurde nach dem Waffenstillstand 1994 hochgezogen oder verstärkt.

Hoffnung für die Zukunft

Nordirlands Justizminister David Ford, der auch die liberale Alliance Party leitet, sagt, die Öffnung des Zauns im Alexandra Park sei Teil der Parteiphilosophie des harmonischen Zusammenlebens der beiden Gemeinden, frei von konfessionsgebundener Gewalt. Ford, seit 2010 im Amt, ist Nordirlands erster Justizminister seit fast 40 Jahren. Die britische Regierung hatte 1972 aufgrund der eskalierenden Gewalt beschlossen, die Kontrolle über die Sicherheit direkt von London aus zu regeln. 1998 bekam Nordirland, wie auch Wales und Schottland, ein eigenes Parlament, die Northern Ireland Assembly.

Porträtbild von Nordirlands Justizminister David Ford (Foto: Department of Justice of Northern Ireland) Zugeliefert von Joanna Impey

Nordirlands Justizminister David Ford

"Seit ich im Amt bin, habe ich versucht das umzusetzen, was meine Partei anstrebt, weil die Alliance Party sich für eine gemeinsame Zukunft aller Gemeinden einsetzt", so Ford im Gespräch mit der DW. "Daher wollten wir unbedingt die Mauern wegschaffen oder öffnen, das ist eines unserer wichtigsten Ziele."

Doch es gibt auch andere Stimmen. Neil Jarman vom Institut für Konfliktstudien (Institute for Conflict Resarch) betont, dass viele Bürger die Mauern als Schutz ansehen und sie ungern missen möchten. "Der Grund, warum viele Leute wollen, dass die Mauern bleiben, ist, weil sie sich wahrscheinlich erinnern können, wie es war, als es sie nicht gab und warum sie errichtet wurden", so Jarman. "Ihre Häuser wurden mit Steinen beworfen, manche haben Attacken mit Benzinbomben erlebt, manchmal wurde auch geschossen. Und das ging oft tagelang, wochenlang oder sogar monatelang".

Belfasts 'Berliner Mauer'

Eigentlich sieht die Stadtmitte Belfasts aus wie jede andere britische Stadt - zur Mittagszeit wimmelt es überall von Menschen, die dort arbeiten oder einfach nur zum einkaufen unterwegs sind. Aber sobald man in die Wohnviertel vordringt, sieht man die Spaltung der Gemeinden deutlich. Im hauptsächlich protestantischen Osten der Stadt sieht man überall die britische Flagge, die die Zugehörigkeit zum Königreich der protestantischen Gemeinde symbolisiert. An vielen Straßenecken sieht man Gedenktafeln für paramilitärische Kämpfer, die dem Konflikt zum Opfer fielen.

Eine Mauer im katholischen West Belfast (Foto: DW/Joanna Impey)

Eine Trennmauer im katholischen West-Belfast

Im vorwiegend katholischen Westen der Stadt hingegen stehen viele Mauern, deren Wandbilder die irische Kultur und Sprache feiern. Touristen fotografieren oft die bekannteste Friedensmauer, die die zwei berüchtigsten Straßen der Stadt teilt: die katholische Falls Road und die protestantische Shankill Road. Die Mauer ist etwa 800 Meter lang und aus Beton. Metallstützen tragen den Stacheldraht. Insgesamt kommt sie damit auf eine Höhe von elf Metern. Mit ihren politischen Botschaften ähnelt sie der Berliner Mauer.

Aber da hören die Gemeinsamkeiten auch schon auf. Die Berliner Mauer teilte zwei Staaten mit unterschiedlichen Ideologien. Sie umfasste ganz Westberlin. In Belfast hingegen gibt es nicht die eine Mauer, sondern eine verstreute Ansammlung von Mauern, die man immer irgendwie auch umgehen kann.

Daher rechnet Justizminister Ford auch nicht damit, dass die Bewohner Belfasts jemals die Mauern einreißen werden, so wie in Berlin. "Ich glaube nicht, dass wir diese dramatischen Szenen sehen werden, wo Leute mit dem Hammer unkoordiniert, aber geeint in ihrer Absicht, auf die Mauern losgehen. Aber ich glaube, wir werden die Art von Wärme und guter Absicht sehen, die ich auf beiden Seiten des Alexandra Parks und auf Seiten der Politiker gesehen habe. Die Leute wollen, dass sich etwas ändert, sie wollten, dass das Tor geöffnet wurde", so Ford.

Mauer in den Köpfen

Die Mauern sind ein fester Bestandteil der Stadt, und die Anwohner haben sich an sie gewöhnt. "Die Mauern sind Ausdruck der Ängste der Menschen", so Paul O'Neill, ein Koordinator für die Verständigung der Gemeinden in Nord-Belfast. "Das Problem sitzt sehr, sehr tief und es ist historisch bedingt", sagt O'Neill im Gespräch mit der DW. "Und im Moment sind die zwei Gruppen noch tief gespalten und getrennt, es gibt immer noch Mauern, und da müssen wir ansetzen: Wie können wir das angehen? Wie können wir die Denkweise der Menschen ändern, so dass sie zusammenleben können?"

Ein junger Mann auf den Straßen von Belfast. Hinter ihm ein brennedes Auto. Das Foto ist aus dem Jahr 1981. (Foto: AP Photo/Robert Dear)

Belfast 1981 - Krawallen und Unruhen waren damals an der Tagesordnung

Die meisten Mauern befinden sich in den ärmeren Vierteln Belfasts, wo die Menschen auch noch mit Drogenmissbrauch, Arbeitslosigkeit und mangelhaften Unterkünften zu kämpfen haben. O'Neill und seine Kollegen wollen mehr Investitionen durchsetzen, um diese Viertel wieder auf Vordermann zu bringen. "Was der Konflikt hinterlassen hat, ist nicht so leicht zu beseitigen, besonders wenn man die sozialen und wirtschaftlichen Aspekte bedenkt, denen die Leute in jenen Vierteln ausgesetzt sind". Und weiter: "In den Vierteln der Ober-und Mittelklasse gibt es keine Mauern. Die sind nur dort, wo der Konflikt ausgetragen wurde: in den Arbeitervierteln."

Der eigentliche Konflikt mag beendet sein, aber es gibt immer wieder Aufstände, besonders im Juli in der sogenannten Marschsaison, wenn der protestantische Oranier-Orden seine traditionellen Märsche durch die katholischen Viertel veranstaltet. In den vier Vierteln, in denen die Mauern geöffnet wurden, gab es bislang keine Konflikte. Das könnte aber auch mit dem sehr kalten Wetter zu tun haben. "Man muss abwarten. Es war gut, die Mauern im Winter zu öffnen, da wir in Nordirland dann traditionell die wenigsten Probleme haben. Die kritische Zeit kommt erst mit der Marschsaison."

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