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Kultur

Mauerblümchen der Musikszene

Junge Leute machen einen Bogen um "die Klassik": Bach, Beethoven und Co. sind mega-out. Wer will sich schon dabei erwischen lassen, so alte und dröge Musik zu hören? Aber der Schein täuscht auch hier manchmal.

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Falco trifft Amadeus

Mit der Klassik sei es genau wie mit Robbie Williams, sagt Maren Borchers von EMI. "Entweder die Musik berührt, oder sie berührt nicht." Um Teenager und Twens vielleicht doch an ihre Klassik-Regale zu locken, setzt das Label auf Künstler wie den Stargeiger Nigel Kennedy. Der Brite mit Punk-Frisur und Schlabber-Klamotten sorgt mit seinen unkonventionellen Auftritten regelmäßig für Wirbel.

Langeweile im Konzert

Nach Ansicht von Hermann Rauhe, Präsident der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg, treffen Künstler wie Kennedy den Nerv junger Leute. Der Musikpädagoge hält die strengen Konventionen in deutschen Konzertsälen - wie zum Beispiel das Stillsitzen - nicht mehr für zeitgemäß und sieht nicht ein, warum das Publikum erst nach dem letzten Satz einer Symphonie applaudieren darf. "Das ist ein überholtes, bürgerliches Ritual." Junge Leute sind spontan, wollen klatschen und sich zum Takt der Musik bewegen. Bei den Berliner Philharmonikern ist das jedenfalls kein Problem.

Mitmach-Philharmonien

Eigentlich mag Simon Rattle keinen Wirbel um seine Person. Doch als er bei einem Spaziergang am Potsdamer Platz von einer Gruppe türkischer Teenager erkannt und mit "Hi, Sir Simon!" begrüßt worden sei, habe ihm das sehr gut gefallen, verrät der Chefdirigent der Berliner Philharmoniker. Das Orchester hat gerne Gäste "unter 30". Bei Ravels "L’Enfant et les Sortileges" tanzten und sangen 400 Kinder in der Philharmonie. "Ich bin sicher, dass 95 Prozent von ihnen noch nie zuvor in diesem Haus gewesen sind", sagte Rattle in einem Interview. "Plötzlich war die Philharmonie voller Leben, und die Aufführungen selbst waren professionell und kreativ. Darin liegt die Zukunft."

Auch bei den Münchner Philharmonikern dürfen die Kleinen ungestraft auf die große Trommel draufhauen. "Aber es wäre naiv zu glauben, man macht ein paar Jugendprojekte und plötzlich strömen die alle in die Abonnementkonzerte", bremst Sprecher Peter Meisel die Euphorie. Bei der Jugendarbeit brauche es einen sehr langen Atem. Oder ein Konzept fernab jeglicher Konzerthalle.

Alternativen zum Konzert

Still sitzen ist bei der "Yellow Lounge" kein Thema. Unter diesem Namen veranstaltet Universal Classics regelmäßig Klassik-Konzerte in Szenekneipen deutscher Großstädte: Während DJs lässig Griegs "Morgenstimmung" oder Ravels "Bolero" auflegen, lümmeln die Gäste in Sitzecken und schlürfen Cocktails. In Berlin sind die monatlichen Klassik-Konzerte mit durchschnittlich 400 Gästen fester Bestandteil des Szenelebens, und auch in Hamburg, München und Leipzig sind die Klassik-DJs ab und zu unterwegs. "Wenn junge Leute nicht ins Konzert gehen, gehen wir dahin, wo sie sich wohlfühlen", sagt "Yellow Lounge"-Organisator Per Hauber.

Allgemeines Desinteresse

Bei Sony Classical haben die Werbestrategen beobachtet, dass klassische Musik in Elternhaus und Schule eine immer geringere Rolle spielt. Um dennoch die Aufmerksamkeit junger Leute zu erregen, hat das Label die Reihe "Music for you" mit auffällig gestalteten CD-Hüllen auf den Markt gebracht. Künstlerische Fotos sollen Lust auf Schuberts Symphonien und Vivaldis "Vier Jahreszeiten" machen. Denn der Handlungsbedarf ist groß. Nach Angaben des Bundesverbands der Phonographischen Wirtschaft, der 93 Prozent des deutschen Musikmarktes repräsentiert, verzeichnet die Klassikbranche seit Jahren überdurchschnittliche Umsatzrückgänge. 2002 betrug der Umsatz im Bereich Klassik rund 142 Millionen Euro - ein Minus von fast 15 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Bei der Werbung junger Klassik-Hörer sind vor allem die Musiklehrer in den Schulen gefordert. Doch die stecken im Dilemma: Längst nicht jede Schule kann regelmäßigen Musikunterricht in allen Klassenstufen anbieten, denn es fehlt an Lehrern. Außerdem hat Musik bei weitem nicht den Stellenwert wie etwa Mathematik oder Deutsch. "Eine vernünftige Musikvermittlung für das Publikum von morgen muss bereits im Kindergarten oder in der Grundschule beginnen", fordert Gerald Mertens, Geschäftsführer der Deutschen Orchestervereinigung. Hier gibt es allerdings noch viel nachzuholen in Deutschland. (arn)

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