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Deutschland

Matschige Wiese, versöhnliche Stimmung

Brennende Autos, zerschlagene Schaufenster. Ausnahmezustand am Alpenrand. Die Befürchtungen rund um den G7-Gipfel auf Schloss Elmau waren groß. Passiert ist - nichts. Eine Reportage von Sabrina Pabst.

Benjamin Ruß lächelt. Er steht auf einer matschigen und zertrampelten Wiese. Dort, wo zeitweise 2000 G7-Gegner ihr Protestcamp aufgeschlagen hatten, stehen nur noch wenige Zelte. Autos werden beladen, mit Ruck- und Schlafsack bepackte Protestler verlassen den Platz. Polizeibeamte beobachten das Geschehen. Der Sprecher des Aktionsbündnisses "Stop G7 Elmau" ist sichtlich erleichtert. Ruß freut es, dass die Demonstrationen friedlich verlaufen sind. Entgegen vieler Befürchtungen sei es zu keiner Eskalation gekommen.

Ein Modegeschäft hat wegen des G7-Gipfels geschlossen (Foto: DW/S. Pabst)

Letzte Anzeichen des G7-Gipfels: Geschlossene Läden

"Wir haben immer gesagt, von uns wird keine Eskalation ausgehen", sagt er. Ihr Ziel sei die "imperialistische Politik der G7-Staaten". Weder die Polizei, noch die Einwohner seien ihre Gegner gewesen. "Ganz im Gegenteil, wir wollen sie mitnehmen." Die Solidarität der Garmischer Bürger habe jeden Demonstranten beeindruckt, meint er. Das Schönste für ihn sei, dass einige Jungendliche aus dem Ort politisch aktiv werden möchten. "Wir haben es geschafft, den Menschen zu zeigen, dass der G7-Gipfel und der Polizeieinsatz rund um G7 eine Absurdität ist." Er glaubt, dass in der bisherigen Art und Weise ein Treffen der sieben führenden westlichen Industrieländer in Deutschland nicht mehr stattfinden werde.

Bis zur Erschöpfung

Elektronische Musik schallt laut über den Bahnhofsvorplatz von Garmisch-Partenkirchen. Die dröhnenden Hubschrauber kann sie nicht übertönen. So ganz will sie nicht in die alpenländische Kulisse passen. "Heute wollte ich bei dem Demonstrationszug mitgehen", sagt Mark Büttner, "aber der ist wohl im Sande verlaufen." Der Garmischer steht mit etwa 40 Demonstranten vor dem Garmischer Hauptbahnhof. "Wenn schon mal vor Ort die Möglichkeit besteht, zu demonstrieren, muss ich dabei sein. Je mehr Menschen auf die Straße gehen, desto mehr wird es beachtet", meint er und wippt mit seinen Füßen zur Musik. "Nur am Stammtisch sitzen, über das ganze System schimpfen und dann nichts unternehmen, hilft nicht."

Plakt der Demonstranten mit Dank an die Garmischer (Foto: DW/S.Pabst)

Dank an die Garmischer

Zwei kleine Zelte mit Transparenten sind aufgebaut. Rings um den Platz stehen Polizeiautos und Sicherheitskräfte. Zwischen ihnen fällt Karl Engelmann in seiner Trachtenweste und dem Filzhut auf. "Ob überhaupt eine vernünftige Demonstration bei der Polizeipräsenz stattfinden konnte, weiß ich nicht", sagt er. Der Garmischer fühlte sich in seiner Heimatstadt nicht wohl. "20.000 Polizisten in einem Ort, wo 28.000 Einwohner leben - ich empfinde diese Präsenz als negativ." In den vergangenen Tagen sei er zweimal im Protestcamp gewesen. Dort habe er mit vielen jungen Leuten gesprochen. Die Demonstrationen habe er auch besucht. Er ist enttäuscht, dass sich wenige ältere Menschen im Ort für das Geschehen interessieren.

Ein kaputtes Schild

Zur gleichen Zeit löst Ingrid Scherf, Mit-Organisatorin der "Stop G7 Elmau"-Demonstrationen in Garmisch-Partenkirchen, die Versammlung auf. "Wir möchten uns bei allen Garmischern recht herzlich für ihre Gastfreundschaft und Solidarität bedanken", schallt es aus den Lautsprechern. Die wenigen Demonstranten wirken erschöpft. "Weil wir gestern so viel gelaufen sind", sagt Ingrid Scherf. Hinter den Globalisierungsgegnern liegen kräftezehrende Tage. Viele Bewohner der Protestcamps sind bereits am Sonntagabend abgereist. Die, die geblieben waren, erlebten die zweite regnerische Nacht in Folge.

Klaus Engelmann aus Garmisch informiert sich bei einer Polizistin

Im Dialog: Karl Engelmann zusammen mit einer Polizistin des "Kommunikationsteams"

Einige Minuten später steht die Bürgermeisterin Sigrid Meierhofer vor dem Bahnhofsgebäude. "Ich bin so froh, es ist nichts kaputt gegangen", strahlt sie. Nur ein Schild sei umgeknickt worden. Sie wirkt entspannt. Angesichts der Krawallprognosen, die im Vorfeld des G7-Gipfels im nahegelegenen Schloss Elmau abgegeben wurden, geschah - nichts

Polizisten als Touristen?

"Ich hatte in keiner Sekunde Angst", erzählt Gudrun Pirner. In der verwaisten Garmisch-Partenkirchner Innenstadt ist ihr Modeladen eines der wenigen geöffneten Geschäfte. Der Juwelier nebenan ist mit dicker Folie eingekleidet. Der Souvenirladen an der Ecke hat seine Fenster mit Holzplatten zugenagelt und die kunstvolle Malerei seiner Fassade mit großen Laken zugehängt. "Ich finde es nicht schön, wenn Garmisch so verrammelt ist", sagt sie und deutet mit ihrem Finger in die Richtung. "Wir sind ein hübscher Ort und sollten uns so nicht darstellen. Ich habe nur meiner Angestellten gesagt, dass sie nicht kommen braucht, weil die Straßen nach Garmisch alle gesperrt sind."

Die Schaufenster eines Souvenirgeschäfts in der Innenstadt von Garmisch-Partenkirchen sind mit Holzbrettern vernagelt. Darüber hängen große Laken, die die kunstvolle Fassadenmalerei verdecken. (Foto: DW/S.Pabst)

Schutz vor Krawallschäden: zugehängte Lüftelmalerei

Einige geschlossene Geschäfte weiter schiebt Ursula Hornsteiner einen Ständer mit Postkarten auf den Gehweg. Sie arbeitet in einem Souvenirladen und verkauft dort auch Hosenträger oder Rucksäcke. "Das einzig Negative war, dass die Touristen fehlten", sagt sie. "Polizisten kaufen das nicht. Für das Geschäft waren die Tage schlecht", meint sie.

An ihrem Laden laufen Journalisten mit Presseausweisen und Polizisten in Uniform entlang. Der junge Mann mit Sonnenbrille, kurzer Hose und einem Eis in der Hand fällt unter ihnen auf. Doch auch er arbeitet bei der Polizei. Er genießt, neben dem Eis, seine Freizeit. "Die Zeit hier war schön", erzählt er. "Ich hatte fünf Nachtschichten. Wenn ich frei hatte, dann habe ich die schöne Landschaft genossen. Ich kann mir gut vorstellen, wiederzukommen." Vielleicht kauft er dann die mit Enzian bestickten Hosenträger.

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