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Kultur

"Matilda" hält Russland in Atem

Kurz vor der Premiere des Zarenfilms "Matilda" ist die Stimmung in Russland angespannt. Das Mariinsky-Theater macht Wirbel im Stillen. DW-Korrespondent Juri Rescheto berichtet aus Sankt Petersburg.

"Matilda" hat sich gut versteckt. Nichts deutet auf eine Premiere hin: Kein Plakat, kein Trailer, kein Programmheft. Der Spielplan des berühmten Mariinsky-Theaters kündigt stattdessen ein Gastspiel des Estnischen Nationalballetts an. Sonst nichts.

Dass an diesem Montag, den 23. Oktober 2017, im berühmten Mariinsky-Theater ein Ereignis von nationaler Bedeutung stattfinden wird, eine Premiere, die das ganze Land seit Monaten in Atem hält, ist kaum bekannt. Nur Eingeweihte wissen, dass neben dem modernen estnischen Tanztheater auf einer anderen Bühne des Mariinsky gleichzeitig eine ganz andere Ballerina tanzen wird. Historisch, klassisch, kontrovers: Matilda. Die zentrale Figur des gleichnamigen Films des russischen Regisseurs Alexei Utschitel.

Dreharbeiten des russischen Films Matilda (picture alliance/AP Photo/Rock Films Studio)

Originalkulisse und viel Prunk: bei den Dreharbeiten in Sankt Petersburg

Die polnischstämmige bildhübsche Tänzerin Matilda Kschessinskaja hatte vor nunmehr über hundert Jahren dem russischen Zaren Nikolaus II. den Kopf verdreht. Die Affäre hatte ihn damals beinahe den Thron gekostet. Beinahe, denn der Zar blieb standhaft und kehrte zu seiner Gattin zurück - der weniger schönen deutschen Prinzessin Alix von Hessen-Darmstadt. Der Thron war gerettet. Wenn auch nicht für lange…

Soweit das Drehbuch eines in Hollywood-Manier gedrehten Kostümschinkens, der der russisch-orthodoxen Kirche seit mittlerweile fast einem Jahr ein Dorn im Auge ist - und den militanten Anhängern dieser Staatskirche ein Anlass für Hass und Gewalt. Inzwischen ist die Kontroverse derart schlimm geworden, dass sich gleich mehrere Kinos weigern, den Film zu zeigen. Der deutsche Hauptdarsteller Lars Eidinger hat sogar seine Reise nach Russland abgesagt – aus Angst vor Gewaltausbrüchen. Eidinger wird in Russland als "schwuler deutscher Porno-Darsteller" diffamiert.

Natalia gegen Matilda: eine Abgeordnete bekämpft den Film

Russland Sitzung der Duma - Natalja Wladimirowna Poklonskaja, Generalstaatsanwältin Republik Krim (picture-alliance/dpa/N. Kolesnikova)

Natalja Poklonskaja

Hinter der Hetzkampagne steckt eine zierliche Blondine: Natalja Poklonskaja, eine der schillerndsten Gestalten der russischen Politik. Die ehemalige Staatsanwältin auf der Halbinsel Krim und jetzige Duma-Abgeordnete machte vor rund einem Jahr den Kampf gegen "Matilda" zu ihrer Lebensaufgabe. Ihr Vorwurf: Der Zar, der im wirklichen Leben in Folge der Oktoberrevolution von 1917 von den Bolschewiken ermordet wurde und den die russisch-orthodoxe Kirche heilig sprach, würde im Film "unwürdig" dargestellt. Von "Verletzung religiöser Gefühle" ist die Rede. Dagegen gibt es in Russland ein Gesetz - und eine Strafe.

Gesehen hat die Abgeordnete den Film nicht. Auf meine Frage, wie sie zu ihrem Urteil kommt, antwortete Poklonskaja, man müsse keinen ganzen Eimer voller Dreck essen, um zu verstehen, wie schlecht der schmeckt. Ein Löffel würde schon reichen. Der "Löffel" ist der Trailer, den sie gesehen hat. Mit einer keuschen Bettszene. Das hat ihr wohl gereicht.

Unkontrollierte Gewalt

Poklonskaja zog alle Register: Sie sammelte Unterschriften, reichte eine Klage bei der Staatsanwaltschaft nach der anderen ein, engagierte eine Expertengruppe nach der anderen. Vergebens: Der Film darf gezeigt werden. Nach einer geschlossenen Vorführung kam die Duma zum Ergebnis, der Film sei okay.

Aber zu spät: Denn die Geister des religiös motivierten Hasses sind längst losgelassen worden. Zu lange hat die Obrigkeit geschwiegen. Zu lange wurde den Drohungen der ominösen Gruppe "Heiliges Russland – christliches Land" und der Abgeordneten Poklonskaja tatenlos zugeschaut.

Stoppt Matilda: Der letzte russische Zar und seine Familie wurden heilig gesprochen

"Stoppt Matilda": Der letzte russische Zar und seine Familie wurden heilig gesprochen

Als ich im Februar die Anhänger dieser Gruppe im russischen Lipezk traf, verteidigten sie ihre Drohung, Kinos in Brand zu stecken, die "Matilda" zeigen wollen. Man wolle "für die Ehre des heiligen Zaren" kämpfen, hieß es. Und für die Ehre des "Heiligen Russland, eines christlichen Staates", wie sie ihren Verein damals nannten. Eine Truppe von mehreren gut trainierten jungen Bartträgern saß mir gegenüber - und filmte unser Team, während wir sie filmten. Eine absurde und unheimliche Interview-Situation war das. Ein halbes Jahr später sitzt einer der Anführer im Gefängnis, und der Verein wurde als extremistisch eingestuft.

Auch das kommt zu spät, wie die Chronik der Ereignisse zeigt: Am 4. September, wenige Tage vor der Vorpremiere in der Millionenmetropole Jekaterinburg am Ural, rast ein Minibus ins Kino, in dem der Film gezeigt werden sollte. Das Kino brennt aus. Der Fahrer und Brandstifter motiviert sein Attentat mit dem Protest gegen den Film.

Alexei Uchitel, Regisseur des russischen Films Matilda (Reuters/S. Karpukhin)

Glaubte eigentlich, einen nationalen Kassenschlager zu drehen: Regisseur Alexei Utschitel

Am 11. September rücken schwer bewaffnete Sicherheitstrupps aus, um die Zuschauer und den extra aus Moskau angereisten Regisseur bei der Vorpremiere im fernöstlichen Wladiwostok vor eventuellen Anschlägen zu schützen. Kurz zuvor fahren Linienbusse durch die Stadt - mit Aufschriften, auf denen zum Boykott des Films aufgerufen wird.

In der Nacht vom 11. auf den 12. September brennt in Moskau das Auto des Anwalts des Regisseurs aus. Drei Verdächtige werden festgenommen. Unter ihnen ein Mitglied der religiösen Extremisten des "Heiligen Russlands". Bei der Durchsuchung im Haus eines der Festgenommenen werden Aufkleber mit dem Aufruf "Brennen für Matilda" gefunden.

Die Serie der Gewalt kann auch die persönliche Bitte von Regisseur Alexei Utschitel an den russischen Präsidenten Wladimir Putin nicht stoppen. Ob die Extremisten die Premiere im Mariinsky-Theater verhindern können? Wohl kaum. Provokationen und Anschläge sind aber nicht ausgeschlossen – obwohl die Veranstalter den Zarenfilm aus ihrem Spielplan verbannt haben.

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