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Europa

Mathar: Schottische Wirtschaft kann zufrieden sein mit Referendum

Schottische Unternehmen hatten Angst vor einer möglichen Unabhängigkeit Schottlands. Mit dem Ausgang des Referendums fällt ihnen ein Stein vom Herzen, meint der deutsche Marktforscher Thomas Mathar im DW-Interview.

Deutsche Welle: Wie haben Sie die letzten Wochen vor dem Referendum in Edinburgh erlebt. War das eine spannende Zeit?

Thomas Mathar: Es war sehr spannend. Bis vor zwei Wochen, bis Anfang September war es relativ ruhig und auch die mediale Aufmerksamkeit hielt sich Grenzen. Bis dahin sah es so aus, als würde das Vereinigte Königreich, so wie es jetzt ist, bestehen bleiben. Aber dann gab es vor zwei Wochen diese Meinungsumfrage, die in Europa und sogar weltweit Wellen geschlagen hat. Da wurde vorhergesagt, dass die Befürworter der Unabhängigkeit auf einmal vorne liegen. Plötzlich hatte sich das Blatt gewendet und alle, die für den Verbleib Schottlands im Vereinigten Königreich sind, haben sehr panisch reagiert. Auf einmal wurde auf der Straße und im Restaurant diskutiert. Das war sehr interessant, weil das ganz anders war, als Schotten sich normalerweise verhalten.

Sie haben als Marktforscher viel Kontakt - einerseits zu Unternehmen, andererseits auch zu Konsumenten. Was war in der Wirtschaft die hauptsächliche Sorge vor diesem Referendum?

Die Schottische Nationalpartei (SNP), die hinter diesem Referendum stand, hat viele essentielle Fragen nicht beantwortet. Unbeantwortet blieb die Frage, welche Währung soll benutzt werden, sollte Schottland unabhängig werden? Ebenso wurde nicht beantwortet, wie der Status der Mitgliedschaft in der Europäischen Union wäre und wie der verhandelt werden soll. Welche Infrastruktur müsste neu aufgebaut werden ohne London, zum Beispiel im Energiesektor oder bei der digitalen Infrastruktur? Vor allem hat die Geschäftswelt aber die Währungsfrage interessiert.

Die Unternehmen wollten also im gleichen System bleiben. Gab es eine Art Notfallplanung abzuwandern, wenn Schottland unabhängig wird?

Bei größeren Firmen war das sicherlich der Fall. Allein der Wert der gehandelten Wertpapiere und Anlagen der schottischen Banken ist zwölfmal so groß wie das Bruttoinlandsprodukt. Im Falle eines Bankenkollapses hätte die schottische Regierung also überhaupt nicht einspringen können. Aus diesem simplen Grund wären Banken auf kurz oder lang abgezogen, zuerst die Hauptquartiere ziemlich schnell, von einem Tag auf den anderen, und dann nach und nach die übrigen Bankangestellten.

Wie war die Stimmung unter den Menschen, mit denen Sie an ihrem Arbeitsplatz, in ihrem Unternehmen zu tun haben?

Ja, das ist eigentlich ganz witzig. Jeder wusste natürlich, dass das Referendum kommen würde, aber im professionellen Alltag hat man darüber nicht gesprochen, was ich erstaunlich finde. Das Referendum wurde fast so wie die peinliche Krankheit eines Nachbarn behandelt, über die man nur hinter vorgehaltener Hand spricht. Man hat nur geflüstert über das Referendum, obwohl es doch weitreichende Konsequenzen hätte haben können. Es gab dann eher in privater Runde Gespräche. Es hat damit zu tun, dass die Gesellschaft sehr gespalten ist. Die Befürworter der Unabhängigkeit waren sehr laut - viele haben gesagt, aggressiv. Man hatte Befürchtungen, dass man es sich mit diesem Lager vielleicht verscherzt. Viele größere Firmen wollten auch ihr Verhältnis zur schottischen Regierung nicht verderben. Erst als die Meinungsumfrage herauskam , die die Befürworter vorne sah, haben einige den Schritt gewagt, zu sagen, dass sie gegen Unabhängigkeit sind. Aber es waren wenige.

Jetzt hat die britische Regierung zugesagt, dass es weitere Befugnisse geben soll, die von London nach Edinburgh wandern sollen, zum Beispiel bei Steuerfragen, bei Sozialleistungen und anderen finanziell relevanten Dingen. Ist das für die schottische Wirtschaft gut oder schlecht, dass mehr hierher verlagert werden wird?

Ich glaube , das ist ganz gut. Jetzt, wo alles vorbei ist, kann man wirklich sagen, dass es für die Schotten eigentlich ein ganz gutes Ergebnis gibt. Denn das bedeutet im Grunde ja, dass Schottland mehr Geld umverteilen kann, als es selber einnimmt. Die Sorge vieler Firmen und Wirtschaftsinstitute, die nachgerechnet haben, war: Die schottische Regierung verspricht für den Fall der Unabhängigkeit viele Sozialleistungen, aber wie können sie die alle finanzieren?

Zurzeit ist das ganz einfach. Das Geld dafür kommt mehr oder weniger aus Westminister. Die ganz einfache Rechnung ist, dass mehr Geld aus London nach Schottland fließt als umgekehrt. Jetzt, wo die britische Regierung noch mehr Befugnisse nach Schottland übertragen will, bedeutet das, dass man in Schottland weiterhin großzügig umverteilen und großzügig Sozialleistungen gewähren kann, weil man es selber nicht finanziert.

Die Arbeitslosenquote in Schottland ist niedriger als im Rest Großbritanniens und die durchschnittlichen Einkommen sind höher. Im Grunde geht es den Schotten doch heute schon gut?

Wenn man nur auf solche Statistiken schaut, dann kann man diesen Eindruck gewinnen. Das Einkommen in Schottland ist vor allem deshalb so hoch, weil es in Edinburgh ein paar starke Banken gibt. Mit den Banken gibt es einige sehr gut gestellte Großverdiener. Ich weißt aber nicht, wie das mit den Mittelwerten der Einkommen und der Verteilung der Einkommen aussieht. In Schottland gibt es ein starkes Ost-West-Gefälle. Die gut laufenden Wirtschaftsbranchen sind in Edinburgh angesiedelt. Hier gibt es die Banken, hier gibt es das Rechtswesen. Hier gibt es Versicherungen und einen florierenden Sektor für Dienstleistungen. Auf der Westseite, Glasgow ist da das Zentrum, hat man eher mit den Folgen schrumpfender Industrie zu tun. Hier leidet man immer noch unter der schrumpfenden Werften- und Schiffbauindustrie und anderen Industriezweigen, die bis in die 1980er Jahre geboomt haben, aber dann aus Großbritannien im Zuge der Globalisierung ausgewandert sind.

Dr. Thomas Mathar (33) ist Manager in einer schottischen Firma für Marktforschung. Der Deutsche lebt seit fünf Jahren in der schottischen Hauptstadt Edinburgh und beobachtet die Entwicklung der schottischen Wirtschaft.

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