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Asien

Massenproteste in Bangkok gehen weiter

Eine Million Anhänger wollten die Anführer der thailändischen Rothemden mobilisieren. Von diesem Ziel sind sie zwar weit entfernt. Dennoch setzen sie die Regierung mit ihren Protesten unter Druck.

Demonstrierende Rothemden vor der Haupttribüne im Herzen Bangkoks (Foto: DW / Holger Grafen)

Ruf nach "Prachathipathai", Demokratie: Zentrale Kundgebung in Bangkok

Es ist kurz vor zehn Uhr morgens in Bangkok: Auf der Thanon Pahonyothin, einer der zentralen Verkehrsadern, die in nördlicher Richtung aus der Hauptstadt hinaus führt, ertönt das immer lauter werdende Brummen unzähliger Motoren: Die Rothemden kommen mit kleinen Lastwagen, Taxis und Motorrädern. Sie schwenken Fahnen, wirken aufgekratzt und gut gelaunt. Ihr Ziel an diesem Vormittag: Das 11. Infanterieregiment der thailändischen Armee am Rande der Stadt, um dieses für einige Stunden zu belagern. Hinter den Toren des Geländes sind bereits Hundertschaften an Soldaten aufmarschiert - ein dichter Zaun aus Stacheldraht dient als zusätzlicher Schutz. Es herrscht ohrenbetäubender Lärm, als die Lautsprecherwagen der Rothemden vorfahren.

Premierminister lehnt Forderungen ab

Soldaten des 11. Infanterie-Regiments in Bereitschaft(Foto: DW / Holger Grafen)

Am Rande Bangkoks: Soldaten des 11. Infanterie-Regiments in Bereitschaft

Es sind mehrheitlich, wenn auch nicht ausschließlich, Anhänger des 2006 vom Militär gestürzten damaligen Premiers Thaksin Shinawatra. Die "Vereinigte Front für Demokratie gegen die Diktatur" (UDD), wie sich die Rothemden auch nennen, hatten der Regierung ein Ultimatum gestellt. Bis Montagmittag (15.03.2010) sollte Premierminister Abhisit Vejjajiva das Parlament auflösen und Neuwahlen ausrufen. Doch dieser ließ die Demonstranten wissen, dass er und seine Koalition keineswegs an Rücktritt denken würden. Neuwahlen müssten in einer geeigneten, ruhigen Atmosphäre stattfinden. Schon gar nicht werde er sich dem Druck der Straße beugen, betonte Abhisit - und entschwand vom besagten Armeegelände per Hubschrauber. Fast zur gleichen Zeit wurden auf eine andere Militärkaserne mehrere Granaten abgefeuert. Die Armee gab an, dass zwei Soldaten verletzt wurden. Wer tatsächlich für die Tat verantwortlich ist, blieb zunächst unklar.

Die Protestaktionen der Rothemden jedenfalls sind bisher friedlich verlaufen. Seit Freitag machen die Anhänger der UDD mobil. Eine Million Menschen wollten deren Anführer auf die Straße bringen – gekommen sind bis dato zwischen 100.000 und 200.000 Demonstranten. Bei derzeit durchschnittlich 36 Grad rinnt allen der Schweiß von der Stirn, aber sie strahlen.

Demonstranten vor der Kaserne des 11. Infanterie-Regiments am Rande Bangkoks (Foto: AP)

"Keine Gewalt!" Bislang verlief die jüngste Machtprobe in Thailand friedlich

Um bei den Protesten mit dabei sein zu können, haben die meisten Rothemden etliche hundert Kilometer zurück gelegt; sie kamen aus den Provinzen des Nordens und Nordostens in die Hauptstadt. Ex-Premier Thaksin ist und bleibt ihr Held, sein Konterfei ziert viele der roten T-Shirts. Eines trägt auch Songsuri Kulsumaso, ehemaliger Vietnam-Veteran aus der nordöstlichen Provinz Udon Thani: "Thaksin hat vielen Menschen im Land geholfen, während die jetzige Regierung nur redet, aber nichts tut", sagt der 71-Jährige. "Ich werde Thaksin immer vermissen."

"Prachathipathai" - "Demokratie"

May, so ihr Spitzname, ist sogar aus Deutschland angereist. Sie komme zu den Demos der Rothemden, wann immer es gehe: "Ich liebe Thaksin, weil er so viel für die armen Leute getan hat", betont sie, während sie kleine Essenpäckchen aus Reis und Fleisch zusammen stellt. Nahe der Haupttribüne an der "Rajadamnoen Avenue", einer Paradestraße im Herzen Bangkoks, haben sich zeitweilig mehr als 100.000 Menschen eingefunden - es werden Reden gehalten, dazwischen Gesänge angestimmt. Und immer wieder erschallt ein Wort, nämlich "Prachathipathai" - das bedeutet "Demokratie".

Das Spektakel, das eher einem Volksfest als einer Demo gleicht, zieht auch einen jungen Mann an. Er steigt vom Motorrad und lauscht. Er fällt vor allem dadurch auf, dass er kein rotes T-Shirt trägt, sondern ein weißes Hemd. Er gehöre nicht der UDD an, betont er, unterstütze aber deren Forderungen: "Wir möchten eine richtige Demokratie, eine, die ihren Premierminister durch Wahlen bestimmt", sagt er, "wir wollen keinen, der mit Unterstützung des Militärs an die Macht gekommen ist." Man müsse etwas gegen die jetzigen Zustände tun, auch wenn es schmerzlich für Thailand sei.

Keine Ende der Krise in Sicht

Motorrad-Korso oppositioneller Demonstranten auf dem Weg zur Kaserne des 11. Infanterie-Regiments (Foto: AP)

Demonstranten auf dem Weg zur Kaserne

Eine Ende der politischen Krise ist nicht abzusehen. Die Rothemden bestehen darauf, dass Premier Abhisit keine Legitimität habe, das Land zu regieren. In der Tat war dessen Regierung vor etwa 15 Monaten unter dubiosen Umständen an die Macht gekommen: Nachdem Thaksins Anhänger die Wahlen vom Dezember 2007 gewonnen hatten, startete im Jahr darauf ein Anti-Thaksin-Bündnis diverse Aktionen: Anhänger der sogenannten "Volksallianz für Demokratie" (PAD), hinter denen eine konservative Elite aus Militärs, Technokraten und Bangkoker Geldadel stand, belagerten in 2008 den Regierungssitz und beide Bangkoker Flughäfen.

Sie zogen erst ab, nachdem Thailands Verfassungsgericht die damalige Thaksin-treue Regierungspartei "People Power Party" aufgelöst hatte. Der Vorwurf lautete Wahlbetrug - für Kritiker ein beliebiges Argument, weil Thailands politisches System ohnehin für Korruption und Vetternwirtschaft berüchtigt ist. Zu guter Letzt hatten noch führende Militärs bei der Bildung der jetzigen Koalition unter Führung von Abhisits "Demokratischer Partei" im Dezember 2008 massiv Druck ausgeübt. Abhisit hat dem Land nationale Versöhnung versprochen. Aber die Rothemden haben schon deutlich gemacht: Die Chancen dafür sind derzeit gleich Null. Jedenfalls haben sie angekündigt, ihre Proteste zu verschärfen.

Autorin: Nicola Glass

Redaktion: Sven Töniges