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Politik

Massenhaft Kunst – und Kunst für die Massen

Wer das Gefühl hat, die Kunst vor lauter Menschen kaum sehen zu können, der befindet sich wahrscheinlich in einem amerikanischen Museum. Skulpturengärten und Gemäldegalerien haben Hochkonjunktur.

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Amerika macht alte Meister munter. Eine immer wieder gern strapazierte Geschichte ist die vom Amerikaner, der beim Stichwort Deutschland sofort an Bier, Autobahn und Oktoberfest denkt. Fragt man ihn aber, wo genau zum Beispiel München liegt, muss er passen. Das mag vorkommen. Viel interessanter ist jedoch die Geschichte von den amerikanischen Schülern einer vierten Klasse, die genau sagen können, wo in Deutschland Nürnberg liegt. Oder Siegen. Oder wo die kleine Stadt Anchiano in Italien zu finden ist. Das wissen sie, weil Dürer, Rubens und da Vinci dort geboren wurden.

Geballte Kunst

In Amerika wird viel getan für die Kunst. Und dafür, die Kunst den Menschen näher zu bringen. Mit Erfolg.

Ein Beispiel ist die National Gallery of Art in Washington. Sie ist Teil der so genannten National Mall. Dieses etwa 120 Meter breite und knapp zwei Kilometer lange Areal ist bei Touristen und Einheimischen gleichermaßen beliebt. Ein gutes Dutzend Museen und Skulpturengärten sind hier angesiedelt. Ebenso wie viele Gedenkstätten, etwa für George Washington. Wer bei schönem Wetter einen Spaziergang durch die Mall macht, wird nicht nur mit einem atemberaubenden Blick auf das Capitol belohnt, sondern auch mit freiem Eintritt in alle Museen entlang des Weges.

Wer nun jedoch in der National Gallery of Art eine ruhige Museeumsatmosphäre erwartet, wird überrascht sein. In den langen Gängen und weitläufigen Ausstellungsräumen sind beinahe mehr Menschen unterwegs, als in den diversen Einkaufszentren am Wochenende. Und das will etwas heißen.

Hunderte von Besuchern aller Altersstufen tummeln sich hier täglich, um die mehr als 5.500 ausgestellten Werke anzusehen. Gemälde, Zeichnungen, Fotografien und Skulpturen aus der ganzen Welt. Alle großen Meister haben hier ihren Platz. Aus jeder Epoche und allen Kunstrichtungen.

Früh übt sich

Was auffällt: Viele Familien mit Kindern sind in den Ausstellungen unterwegs, doch kaum eines quengelt. Was an der hervorragenden Museumspädagogik liegt. Hier gibt es keine endlosen Touren mit drögen Vorträgen und schmerzenden Füßen, um langweilige Bilder anzusehen (es sei denn, man möchte es so).

Die Museen bieten Pakete an, zugeschnitten auf die Kleinen und ihre Eltern. Da sitzen sie im Wintergarten an einem Brunnen und lauschen gebannt der Geschichte des kleinen chinesischen Jungen Ping, der sehr gut war im bemalen von Vasen. Mit leuchtenden Augen hören die Kinder, wie Ping dem König mithilfe einer verwunschenen Vase das Leben rettet. Und können es kaum erwarten, die Vasen hinterher in der chinesischen Porzellan-Ausstellung zu sehen. Die Krönung: Am Ende töpfert jeder sein eigenes, kleines Wunschgefäß für zuhause.

Kunst zum anfassen. Das Konzept amerikanischer Museen. Selten sieht man hier Menschen mit weise zur Seite geneigtem Haupt lange vor einem Gemälde verharren. Wer sich treiben lässt, kann Kunst von einer neuen Seite kennen lernen. Durch maßgeschneiderte Abenteuer, je nach Vorlieben und Alter, interaktive- und Audiotouren, Filme, Theater, Musik und Malkurse unter einem Dach.

Und was kostet das alles?

Viel Kultur wird in Amerika aus Spenden finanziert. Nicht anders als in Deutschland. Nur, dass die Spenden hier sehr viel freizügiger fließen. Als die National Gallery of Art 1941 eröffnet wurde, war sie das größte Marmorgebäude der Welt. Der komplette Bau und die ersten Ausstellungsstücke wurden von einem privaten Spender finanziert. Bis heute stammen sämtliche Ausstellungsstücke von privaten Sammlern. Kosten für Touren und Lektionen für Schulklassen, Personal und die Erhaltung der Gebäude werden zum größten Teil aus privaten Stiftungen gedeckt, den Rest übernimmt der Staat. Insgesamt fließen 171 Millionen Dollar jährlich. Und dennoch: Der Eintritt ins Museum ist frei. Auch die Zusatzangebote sind kostenlos. 363 Tage im Jahr. Jeder soll die Möglichkeit haben, Kunst zu erleben.

Dieser Anspruch spiegelt sich in den Besucherströmen wider. Vier Millionen Gäste verzeichnet allein die National Gallery of Art jedes Jahr. Eine bunte Mischung verschiedenster Kulturen aus den USA und der ganzen Welt. Ebenso vielfältig wie die Gemälde an den Wänden. Vor einigen Bildern wird wild diskutiert und gestikuliert, vor anderen meditiert. Oft blitzt es auch in den Ausstellungen. Besucher lieben es, sich vor Rubens’ Bild "Daniel in der Löwengrube" fotografieren zu lassen. Nicht nur die Japaner.

Wer über die Mall spaziert, wird sicher in einem der vielen Museen landen. Und selbst wer nicht nur drinnen herumlaufen möchte, kommt auf seine Kosten. Zu Weihnachten läuft in der National Gallery of Art das "Schnee-Programm" für die ganze Familie an: Zuerst gibt es die Geschichte des kleinen Jungen, der es kaum erwarten kann, im ersten Schnee des Winters herumzutoben. Danach führt eine Tour durch die Galerie mit Winterbildern. Und am Ende kreiert jeder seine eigene Schneeskulptur draußen im Park. Kunst zum Anfassen.