Massengrab enthüllt Blutbad in der Jungsteinzeit | Wissen & Umwelt | DW | 23.08.2015
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Wissen & Umwelt

Massengrab enthüllt Blutbad in der Jungsteinzeit

Das Neolithikum ist bekannt für Krieg, Gewalt und Kannibalismus. Ein Massengrab bei Frankfurt aus dieser Zeit zeigt jetzt: Dieser Mythos ist vermutlich gar nicht so unwahr.

Knochenfund in Schöneck-Kilianstädten Foto: Christian Meyer

Schädelbruch eines 3- bis 5-jährigen Kindes, gefunden in einem Massengrab aus der Jungsteinzeit

Es war ein hartes Stück Detektivarbeit, das Christian Meyer und seine Forscherkollegen leisten mussten. Aber jetzt ist es geschafft. Die Ergebnisse erklären ihrer Ansicht nach "schlüssig", was genau an einem Massengrab in Schöneck-Kilianstädten bei Frankfurt in der Zeit um 5207 bis 4849 v. Chr. passiert ist.

Ihre Erkenntnisse könnten uns helfen, die frühe soziale Unruhe bei den ersten mitteleuropäischen Landwirten im Jungsteinalter zu verstehen. Es war eine Zeit von "tiefgreifenden Veränderungen", sagen die Forscher. Der Schauplatz enthüllt ein "neues, gewalttätiges Muster: das absichtliche und systematische Brechen der unteren Gliedmaßen".

Kollektive Gewalt

Mindestens 26 Menschen wurden bei Schöneck-Kilianstädten gefoltert und systematisch verprügelt, bevor man sie in eine Grube warf. Die meisten Opfer waren Männer und Kinder zwischen 12 und 13 Jahren.

Die Forscher fanden Hinweise auf lediglich zwei Frauen, die vermutlich über 40 gewesen sind. Das suggeriert, dass die Täter alle jüngeren Frauen - zum Beispiel die Mütter der Kinder - entführt haben.

Knochenfund in Schöneck-Kilianstädten Foto: Christian Meyer

Schienbeinfraktur bei einem Erwachsenen: Den Opfern wurden vermutlich absichtlich die Beine gebrochen

Die Theorie der Forscher stimmt mit Hinweisen überein, die man an zwei anderen Blutbadstätten aus der Jungsteinzeit gefunden hat: eine bei Talheim in Deutschland und eine bei Asparn/Schletz in Österreich. "Wir glauben, dass die gesamte Gemeinschaft umgebracht wurde - vermutlich mit Ausnahme der jüngeren Frauen", sagte Meyer der DW. "Die hat man wohl gefangengenommen und mitgenommen, um sie in die Gemeinschaft der Angreifer einzugliedern."

Zu einer Zeit, als die Sippen sesshaft wurden und sich als Bauern niederließen, kämpften sie um Land - und darum, sich zu vermehren. Gemetzel wie bei Frankfurt "sind Standard und nicht auf diese Kultur und diese Zeit begrenzt", sagt Meyer. "Es passierte überall auf der Welt, und es passiert auch heute noch. Wer sich vermehren möchte, braucht keine erwachsenen Männer, die zu Feinden werden könnten. Man braucht Frauen, die man mitnimmt. Sie sind fruchtbar und können die Gemeinschaft vergrößern."

Schlecht erhalten

Meyer und sein Team entdeckten im Massengrab zusammen mit den Männern und Kindern lädierte Schädel sowie gebrochene Waden und Schienbeine. "Wir fanden viele Schädelverletzungen: Köpfe wurden mit Steinwerkzeugen verletzt. Das tötete die Opfer vermutlich."

Allerdings waren die Überreste der Skelette "nicht furchtbar gut erhalten", wie es Meyer beschreibt. "Es gibt ein paar Hinweise auf Verletzungen durch Pfeile, aber wir sind uns nicht sicher." Teile der Knochen hätten sich im sauren Boden dieser Gegend aufgelöst.

Knochenfund in Schöneck-Kilianstädten Foto: Christian Meyer

Schädelfraktur im Stirnbein eines etwa 8-jährigen Kindes

Ein Trio von drei Massengräbern

Im Jahr 2006 bei Straßenbauarbeiten gefunden, ist das Massengrab bei Schöneck-Kilianstädten die dritte bekannte Stätte eines Massakers in der Jungsteinzeit in Mitteleuropa.

Laut Meyer beweisen die drei Stätten, dass schon vor 7000 Jahren Handlungen "kollektiver Gewalt" üblich waren. In dieser Zeitperiode begannen sich die Menschen niederzulassen, Häuser zu bauen und von den Erträgen der Landwirtschaft zu leben. Damals blühte auch eine besondere Form der Töpferei. Historiker nennen die damalige Kultur daher Bandkeramische Kultur.

Das Verschwinden dieser Zeitperiode, schreiben die Forscher, "wurde oft dargestellt als das Ergebnis von Unfriede und sozialer Unruhe, die in einem weitreichenden apokalyptischen Alptraum von Gewalt, Krieg und Kannibalismus gipfelte. Auch wenn so ein Szenario etwas übertrieben erscheint, wurden die Menschen, die bei solchen Ereignissen umkamen, entweder unbeerdigt zurückgelassen oder in ein Massengrab geworfen."

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