1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Deutschland

"Massengräber und Kinderleichen sehr belastend"

Bernd Willkomm ist Truppenpsychologe und Bundesvorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Post-Traumatische-Stress-Bewältigung. DW-WORLD sprach mit ihm über die psychischen Probleme von Soldaten im Ausland.

default

Truppenpsychologe Bernd Willkomm

DW-WORLD: Was ist ihre Erfahrung: Was macht den Soldaten bei ihren Einsätzen am meisten zu schaffen?

Bernd Willkomm: Es hängt natürlich immer vom einzelnen ab, wie sich ein Auslandseinsatz auf ihn auswirkt: Ist es das erste Mal oder war er schon mehrmals dabei. Auch das Land spielt eine Rolle. Viele sind zum ersten Mal für längere Zeit von ihren Familien getrennt. Die Soldaten müssen zum Teil ständig mit Hitze, Kälte, Staub, Lärm zu Recht kommen. Nicht jeder ist es gewohnt, in Zelten oder Containern mit den Kameraden zu wohnen. Dazu kommt die Konfrontation mit Gewalt und Zerstörung: In allen Einsatzgebieten gibt es die Bedrohung durch Landminen.

Können diese Faktoren zu psychischen Problemen bei Soldaten führen?

Das ist sehr stark abhängig von der Persönlichkeit und dem Weltbild des Soldaten. Die Soldaten haben die Aufgabe, Frieden und Sicherheit herzustellen. Wenn sie dann mit Bedrohung und Gewalt auseinandergesetzt werden, kann das zu einem Gefühl der Hilf- und Machtlosigkeit führen, das psychische Probleme auslösen kann. Bedrückend für die Soldaten war beispielsweise beim Kosovoeinsatz das Ausheben von Massengräbern. Soldaten, die selbst Familienväter sind, fanden das Bergen von Kinderleichen als sehr belastend.

Können die besonderen Umstände eines Auslandseinsatzes im Einzelfall den Selbstmord eines Soldaten auslösen?

Bei Auslandseinsätzen gab es bei der Bundeswehr seit 1993 11 Suizide. Die Rate ist damit eher geringer als die der Gesamtbundeswehr. Wir Bundeswehrpsychologen waren an den Untersuchungen von Selbstmorden beteiligt. Dabei stellte sich heraus: Auslöser waren meist Probleme, die von zu Hause mitgebracht wurden oder die während des Einsatzes zu Hause entstanden sind. Das Gefühl der Machtlosigkeit, nichts von der Ferne aus unternehmen zu können, könnte der Mitauslöser gewesen sein.

Psychische Probleme treten häufig erst nach der Rückkehr vom Einsatz auf..

In der Tat. Wir verzeichnen mehr Probleme danach als während des Einsatzes. Je länger jemand weg war, umso schwerer wird es ihm fallen, den Luxus und die Unbekümmertheit zu Hause als Normalität zu akzeptieren – da können sogar Schuldgefühle, die natürlich völlig irrational sind, entstehen: Wir waren da um zu helfen, aber konnten es nicht. In solchen Fällen braucht der Soldat psychologische Hilfe. Hier können Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) entstehen, die unbedingt behandelt werden müssen. Leider sind PTBS schwer zu diagnostizieren. Das liegt auch daran, dass Psychologen keine standardmäßige Ausbildung in Psychotraumatologie erhalten.

Ist die psychologische Betreuung bei der Bundeswehr ausreichend?

Die Betreuung ist an sich gut abgedeckt. Für jedes Einsatzkontingent, im Normalfall sind das zwischen 1.200 und 1.500 Soldaten, gibt es einen Truppenpsychologen. Im Bedarfsfall kann die Bundeswehr in kurzer Zeit bis zu 40 Kriseninterventionsteams aufstellen und gegebenenfalls in die Einsatzgebiete entsenden. Dagegen ist das Netz der Behandlung von psychisch chronisch Kranken ausbaufähig.

Kann eine verkürzte Einsatzdauer die psychische Belastung verringern?

Das kann man so sehen. Je länger man weg ist, desto größer wird die Distanz zum Heimatland und umso länger dauert es, sich wieder einzugewöhnen. Insofern ist ein drei bis viermonatiger Einsatz einem sechsmonatigen vorzuziehen. Aber das ist wieder stark abhängig von der individuellen Situation. Es gibt Leute, häufig Singles, die wollen sogar länger ins Ausland. Solche Einsätze sind ja auch finanziell lukrativ.

Kann jeder lernen mit traumatischen Situationen umzugehen?

Man kann lernen, damit besser umzugehen. Entscheidend ist Information. Die Soldaten müssen lernen, was passiert mit mir, wenn ich traumatisiert werde, warum greifen dann meine normalen Techniken zur Stressbewältigung nicht. Ob jemand traumatisiert wird oder nicht hängt übrigens nicht vom Ereignis selbst ab, sondern von der subjektiven Bewertung desselben. Ich muss also nicht objektiv in Lebensgefahr gewesen sein, um traumatisiert worden zu sein. Es genügt, wenn ich persönlich Todesangst empfunden habe.

WWW-Links