1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Fokus Osteuropa

Massengräber in Bosnien: Exhumierungen dauern an

Über zehn Jahre sind seit dem Srebrenica-Massaker vergangen. Immer noch gelten Opfer als vermisst, weil ihre sterblichen Überreste fehlen. Mittlerweile reagieren Angehörige bei einer Identifizierung erleichtert.

default

Sie hat wenigstens Gewissheit

Alma Husic aus Srebrenica hat vergangenes Jahr ihren Mann in der Gedenkstätte Potocari beigesetzt. Seine sterblichen Überreste sind in mehreren Massengräbern im Drina-Gebiet exhumiert worden. Es wurden jedoch nicht alle Skelettteile gefunden. Seit 1995 hat Alma auch ihren vermissten Vater gesucht. Vor einigen Tagen ist sein Leichnam in einem Massengrab beim Dorf Kamenica nahe der ostbosnischen Stadt Zvornik gefunden worden. "In dem Augenblick, wenn man erkennt, das ist es nun, sie haben den Leichnam gefunden, dann ist das sehr schmerzvoll. Man hat das Gefühl, erst in diesem Moment sei der Angehörige verschwunden. Erst danach werden wir uns dessen bewusst, dass sie wirklich für immer fort sind. Dieser Moment ist furchtbar schwierig und schmerzvoll. Aber trotzdem sind wir glücklich, dass wir einen vermissten Angehörigen gefunden haben", erzählt Frau Husic im Gespräch mit der Deutschen Welle.

Makabres Puzzlespiel

Das Massengrab bei Kamenica ist der bisher größte Fundort in Bosnien-Herzegowina. Daraus wurden bis jetzt 70 komplette Leichname und einige hundert Leichenteile von Männern und Jungen aus Srebrenica im Alter von 13 bis 80 Jahren exhumiert. Sie wurden in und bei Srebrenica 1995 ermordet. Der Leiter des Büros der Kommission der Föderation für Vermisste in Tuzla, Murat Hurtic, meint: "Unseren Messungen und den exhumierten Leichnamen nach zu urteilen, haben wir bisher etwa die Hälfte des Massengrabes untersucht. Wenn wir die vollständigen und unvollständigen Skelette vergleichen, haben wir ein Verhältnis von 1:6. Das spricht für sich, wie viele Leichname zerfetzt und zerstückelt wurden."

"Er ist wenigstens vollständig"

Die Angehörigen der Vermissten suchen mehr als ein Jahrzehnt nach ihnen und hoffen nur noch, ihre sterblichen Überresten zu finden. Wenn ein neues Massengrab geborgen wird, ist es für alle Hinterbliebenen in Ostbosnien gleichermaßen schwer, meint Alma Husic. "Jedes Mal, wenn Exhumierungsarbeiten beginnen, denken wir, vielleicht ist er hier, vielleicht finden sie ihn doch. Wir warten nur darauf, dass sie uns mitteilen, dass sie ihn identifiziert haben – und das Jahr, ein Jahr aus." Frau Husic zufolge kann in dieser Situation auch ein vollständiges Skelett ein Trost sein: "Bei meinem Mann haben sie z. B. den Schädel in einem Massengrab gefunden und andere Körperteile in einem weit entfernten – allerdings nicht alle, so dass er unvollständig beigesetzt wurde. Als ich nun davon erfahren habe, dass sie meinen Vater identifiziert haben, dachte ich mir nach dem ersten Schock: Gott sei dank, er ist wenigstens vollständig."

Schätzungen des Expertenteams zufolge wird die Exhumierung des größten Massengrabes von Bosnien-Herzegowina noch weitere zwei Wochen dauern. Die Exhumierung an diesem Fundort verläuft sehr langsam, da man sich bemüht, die Leichname der Opfer möglichst komplett aus dem Massengrab zu bergen.

Barbara Pavljasevic, Tuzla
DW-RADIO/Bosnisch, 24.7.2006, Fokus Ost-Südost

Die Redaktion empfiehlt