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Politik

Massenflucht aus russischen Kasernen

Misshandlungen, Willkür und Schikane treibt russische Wehrdienstleistende zu Desertionen. Über den Zustand in russischen Kasernen berichtet DW-Korrespondent Christoph Wanner aus Moskau.

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Die Menschenrechtsorganisation "Komitee der Soldatenmütter" schätzt, dass vergangenes Jahr rund 40.000 russische Soldaten Fahnenflucht begangen haben. Die offiziellen Zahlen sind natürlich viel niedriger. Bisher liegen der Armee nur die Zahlen für das erste Halbjahr 2002 vor. Danach seien "nur" 2.270 Soldaten geflohen.

Der Wehrdienst in der russischen Armee kann die Hölle bedeuten. Auch außerhalb des Krieges in Tschetschenien. Es reicht oft schon, zu einer Einheit zu kommen, in der "Dedowtschina" praktiziert wird. Das ist die "Herrschaft der Großväter." Die sogenannten Deds, Großväter sind die altgedienten Wehrdienstleistenden. Sie haben das Sagen unter den Mannschaften und somit Macht über "Frischlinge", die Rekruten. Das nutzen die Deds häufig auch bis zum letzten aus. Schläge, Schlafentzug und Zwangsfasten inklusive. Unterbezahlte, gelangweilte Offiziere schauen dabei leider meistens weg.

Kaum Wille zur Veränderung

Der Psycho-Terror treibt gequälte Soldaten sogar bis zum Amoklauf. Anfang letzten Jahres fliehen so zum Beispiel zwei bewaffnete Wehrpflichtige aus ihrer Kaserne, töten neun Menschen, ehe sie selbst erschossen werden. Die Reaktion des Staates – Betroffenheit, doch kaum Wille zur Veränderung. Das beweisen auch die jüngsten Desertionen. Vor kurzem erst suchten wieder 24 misshandelte Rekruten aus der Nähe von Sankt Petersburg ihr Heil in der Flucht. Anlaufstation war, wie so oft, das "Komitee der Soldatenmütter".

Die Deserteure berichten, betrunkene "Kameraden" hätten in der Neujahrsnacht mit ihnen ein Spießrutenlaufen veranstaltet. Ein Aufschrei geht durch die russische Presse. Es wird von epidemischen Ausmaßen der Fahnenflucht gesprochen. Durch die Schlagzeilen fühlt sich auch Verteidigungsminister gezwungen, etwas zu sagen. Man werde jeden Fall einzeln untersuchen, erklärt Sergej Iwanow. Diese russische Standardansage löst bei der Bevölkerung höchstens ein müdes Gähnen aus. Und den Rekruten gibt sie die Gewissheit, dass sie die "Dedowtschina" mit all ihrer Perversion auch weiterhin begleiten wird.