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Politik

Massenentführung wirft immer mehr Fragen auf

Nach der Massenentführung in Bagdad bleibt vieles unklar: Die Zahl der Geiseln ebenso wie die der mittlerweile Freigelassenen. Über die Drahtzieher gibt es nur Vermutungen

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Aus diesem Forschungsinstitut des irakischen Bildungsministeriums wurden die Beamten entführt

Die Aktion mutet vollkommen bizarr an: Eine große Zahl von Beamten einer irakischen Behörde wird entführt und in knapp zwei Dutzend Wagen abtransportiert. 24 Stunden später sind fast alle Gefangenen wieder frei - oder doch nicht? Auch die Zahl der ursprünglich Entführten gibt immer mehr Rätsel auf. Über die Drahtzieher der Entführung gibt es nur Vermutungen.

Das irakische Innenministerium erklärte zwar, die am Dienstag (14.11.2006) aus dem Institut für Kulturforschung verschleppten Mitarbeiter seien alle freigelassen oder von der Polizei befreit worden. Ein Sprecher des Hochschulministeriums sagte jedoch, bislang seien lediglich 40 Beamte freigekommen.

Nur zwei Menschen befänden sich noch in der Gewalt der Kidnapper, sagte ein Sprecher des irakischen Regierungschefs Nuri el Maliki am Mittwoch der Nachrichtenagentur AFP. Insgesamt seien am Dienstag 39 Menschen entführt worden: 16 Angestellte, fünf Besucher und 18 Sicherheitskräfte des Ministeriums. 20 Geiseln seien noch am selben Tag wieder freigekommen, 17 weitere am frühen Mittwochmorgen. Zuvor hatte Bildungsminister Abed Diab el Udschaili von fast einhundert Entführten gesprochen. Der Minister hat mittlerweile angekündigt, sein Amt bis zur Aufklärung des Vorfalls ruhen zu lassen.

Polizisten unter Tatverdacht

Der staatliche Fernsehsender Al-Irakija zitierte einen Sprecher des Innenministeriums, der erklärte, die Mehrheit der Entführten sei von "Truppen des Innenministeriums in verschiedenen Stadtteilen Bagdads befreit worden". Die Geiseln wurden von ihren Entführern offenbar misshandelt. "Sie schlugen uns, sie beleidigten uns und dann ließen sie uns laufen", zitierte ein Sprecher des Ministers einen freigelassenen Hausmeistergehilfen.

Bewaffnete Männer in Polizeiuniformen waren mit rund 20 Fahrzeugen vor der Forschungsabteilung des Ministeriums vorgefahren. Sie hätten dann die Wachleute überwältigt, anschließend alle Frauen in einem Zimmer eingeschlossen und die Männer verschleppt. Die Entführer hätten zum Teil Uniformen einer Spezialeinheit des Innenministeriums getragen, so el Udschaili.

Unterdessen gerieten irakische Polizisten unter Tatverdacht. Der Nachrichtensender Al-Arabija berichtete, fünf Beamte seien festgenommen worden, weil sie möglicherweise in die Entführung verwickelt seien. Beobachter vermuteten, dass es sich bei den Entführern tatsächlich um Polizisten handelte. Die Spezialeinheit des Innenministeriums wird von den Sunniten-Parteien oft als verlängerter Arm der schiitischen Partei-Milizen bezeichnet.

"Krimineller Akt" gegen Iraks geistige Elite

Der irakische Bildungsminister el Udschaili

Der irakische Bildungsminister el Udschaili will sein Amt ruhen lassen

Die Aktion vom Dienstag zeichnet sich durch ihr besonders prominentes Ziel aus. Professionell organisierte Massenentführungen durch als Polizisten verkleidete Gruppen gibt es im Irak allerdings immer wieder. Sunniten machen seit langem schiitische Todesschwadronen dafür verantwortlich, die sich im Schatten des von Schiiten kontrollierten Innenministeriums bewegten. Bildungsminister el Udschaili ist Mitglied der sunnitischen Eintrachtsfront.

Das Gebäude, aus dem die Beamten entführt wurden, befindet sich in dem überwiegend von Schiiten bewohnten Viertel Karrada. Ein Sprecher des Hochschulministeriums erklärte, das Innen- und Verteidigungsministerium hätten zugesichert, alle Ausbildungsstätten besser zu schützen. Darum würden die Universitäten am Mittwoch ihren normalen Betrieb wieder aufnehmen. Der Minister selbst hatte die Entführung als "kriminellen Akt" verurteilt. Die Entführung sei Teil einer Kampagne gegen die geistige Elite des Landes, sagte der sunnitische Ressortchef. Zugleich hatte el Udschaili angekündigt, die Hochschulen würden so lange geschlossen bleiben, bis sich die Sicherheitslage verbessert habe. Seit dem Sturz des Regimes von Saddam Hussein sind im Irak Dutzende von Professoren ermordet worden.(rri)

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