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Sport

"Massakriert", "gedemütigt", "Deutschland zerstört Brasilien"

So titeln die brasilianischen Tageszeitungen im Netz nach Deutschlands Kantersieg gegen Brasilien. Das 1:7 stürzt die Gastgeber in Trauer. Die Fehler suchen die Brasilianer bei sich selbst.

Um 22:10 Uhr wies noch nichts auf das Desaster hin, das sich für Brasilien an diesem Abend ereignen sollte. Brasilien presste, Deutschland wirkte nervös. Dann schoss Thomas Müller ein Tor. In den nächsten Minuten brach die brasilianische Mannschaft auseinander und musste zusehen, wie die DFB-Elf wenig später binnen sechs Minuten auf 5:0 erhöhte.

Keine halbe Stunde hatte die deutsche Nationalmannschaft gebraucht, um Brasilien aus dem Turnier zu kicken, dem Gastgeber und Rekordweltmeister die höchste Niederlage in seiner WM-Geschichte beizubringen, Brasiliens Traum vom langersehnten WM-Sieg im eigenen Land in Nichts aufzulösen.

Die Brasilianer auf den Rängen weinten, schimpften, spotteten. Die auf dem Feld durchlebten ihren schlimmsten Alptraum. Nicht einfach nur das Aus, das sie bei jedem einzelnen Spiel der K.O.-Phase befürchtet hatten, sondern die vollkommene Hilflosigkeit, diese Niederlage abzuwenden.

Eine ganze Stunde mussten sie sich noch von den eigenen Fans verhöhnen lassen. Den Ehrentreffer zum 1:7 quittierten viele mit hämischem anmutendem Applaus. Nach dem Abpfiff gellten Buhrufe durch das Mineirão-Stadion von Belo Horizonte. "Wir wollten den Menschen in diesem Land, die so viel leiden, eine Freude machen und haben versagt", entschuldigte sich Innenverteidiger David Luis mit Tränen und brüchiger Stimme bei seinen Landsleuten.

Fans ringen um Fassung beim Public Viewing

In São Paulo hatten sich erneut Tausende Fans zum Public Viewing im

Künstlerviertel Vila Madalena

versammelt, um die Seleção gewinnen zu sehen und bis in die frühen Morgenstunden zu feiern. Dort ist der Tag nach dem Spiel ein gesetzlicher Feiertag. Stattdessen sahen sie ein Debakel. Viele weinten, bereits zur Halbzeit beim Stande von 0:5 begannen sich die Bars zu lehren.

Brasilianische Fans (Foto: Reuters)

Fassungslose Fans beim Public Viewing in Rio de Janeiro

Leandro dos Santos war mit einigen Freunden gekommen und versucht, das Beste daraus zu machen: "Natürlich ist es nicht das Gleiche, wenn Brasilien verliert. Die Stimmung hier in der Bar ist am Boden. Aber wir werden versuchen, dennoch Spaß zu haben", sagt er mit gequältem Lächeln. So sieht das auch Carolina Stefany, die bis zum Ende mitgefiebert und ihre Mannschaft angefeuert hat.

Auch in der Hauptstadt verstummten die Fans beim Public Viewing, sobald die Tore für Deutschland fielen. "Einige waren überhaupt nicht mehr ansprechbar vor Fassungslosigkeit", berichtet DW-Korrespondentin Erick de Sá eine halbe Stunde nach Spielende aus Brasília.

Wut auf eigene Nationalmannschaft

In den letzten Tagen hatte sich zwar bereits Skepsis breit gemacht, ob Brasilien es wirklich gegen Deutschland schaffen könnte. Ein

Ausscheiden wäre also nicht das Schlimmste

gewesen. Aber das, was ihnen dann geboten wurde, machte dann doch viele Brasilianer wütend: "Das Team hat vollkommen die Kontrolle verloren und das Spiel hergeschenkt", analysiert Monice Fernandes, die das Spiel in einer Bar im Zentrum von Brasília verfolgt hat, verständnislos.

Gilberto Silva, der das Spiel mit seiner Frau in einem benachbarten Lokal gesehen hat, ist nach dem Spiel richtig sauer: "Die Mannschaft ist Durchschnitt, sie hat in keinem WM-Spiel überzeugt, aber mit so etwas habe ich nicht gerechnet. Die glauben, weil sie Stars sind, müssen sie die Gegner nicht verteidigen. Die haben sich kein bisschen reingehängt", schimpft er.

Häme in sozialen Medien

Auch in den sozialen Medien machen enttäuschte Brasilianer ihrem Ärger Luft, schimpften auf die Spieler und den Trainer. "Deshalb mag ich Kampfsport: Wenn einer zu viel abbekommt, beendet der Schiri den Kampf", schreibt ein Facebook-User auf der Seite der Tageszeitung O Globo.

Einige begrüßen sogar, dass Land und Mannschaft nun wieder auf dem Boden der Tatsachen angekommen seien. Die wenigen politischen Kommentare spiegeln die Häme derer wieder, die nun die Milliarden-Ausgaben für die WM endgültig als Fehlinvestitionen abschreiben wollen.

Wer das Spiel sportlich kommentiert, erkennt die heutige Überlegenheit der deutschen Nationalmannschaft. Doch bei aller Gram gerät der fußballerische Nationalstolz nicht ganz aus dem Blick: "Und wenn wir das kleine Finale auch noch verlieren, sind wir immer noch der einzige fünffache Weltmeister", schreibt eine Userin, und ein anderer ergänzt: "Und der sechste Titel ist nur verschoben."

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