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Afrika

Massaker in Angola: Opfer leiden noch immer

Vor 35 Jahren begann eines der dunkelsten Kapitel in der Geschichte Angolas. In den Tagen nach dem 27. Mai 1977 fielen mindestens 30.000 Menschen den eigenen Parteikameraden der MPLA zum Opfer.

José Reis war am 27. Mai 1977 zu Hause. Das einzige, was er von den Massakern mitbekam, waren laute Schüsse. Die konnte er bis nach Hause hören. Drei Tage später wurde er festgenommen. Er kam für fast drei Jahre ins Gefängnis – ohne Anklage. "Niemand hat mir gesagt, warum ich festgenommen wurde und als ich frei kam, hat mir auch niemand gesagt, warum. Man hat mich bis heute vor keinem Gericht angeklagt. Aber ich wurde brutal von der Polizei verhört und ich wurde gefoltert. Physisch und natürlich auch psychisch - die ganze Zeit über", sagt der Angolaner, der heute in Portugal lebt.

Wie viele Angolaner, die den 27. Mai 1977 überlebt haben, ist er aus seinem Heimatland geflüchtet. Trotzdem kämpft er mit seinem Verein „Associação 27 de Maio“ für die Rechte der Opfer und die ihrer Angehörigen und fordert Aufklärung. Beispielsweise haben die Familien der Opfer bis heute in der Regel keine Sterbeurkunden ausgestellt bekommen. Viele Familien wissen nicht, was aus ihren Angehörigen geworden ist oder wo ihre Toten beerdigt wurden.

Parteiinterner Konflikt

Agostinho Neto im Portrait (Foto: ddp images/AP)

Agostinho Neto war für das Töten verantwortlich

Das Leiden dieser Familien und der Opfer, die den Terror überlebten, begann mit einem Konflikt, der sich innerhalb der bis heute regierenden Partei und ehemaligen Befreiungsbewegung MPLA (Volksbewegung zur Befreiung Angolas) zugetragen hat. Nach einer Demonstration für Nito Alves, der damals als Innenminister der MPLA in Ungnade gefallen war, begann ein Massaker. Der damalige Präsident Agostinho Neto nutzte die Demonstration, um Fraktionen in seiner eigenen Partei auszuschalten. Er ließ bei der Niederschlagung der von ihm als Putsch deklarierten Demonstration auch zahlreiche MPLA-Aktivisten hinrichten. Diese hatten einst gegen die portugiesischen Kolonialherren gekämpft. Parteimitglieder, ihre Familienangehörige sowie Soldaten – keiner war vor dem Terror sicher. Besonders suspekt waren Neto Anhänger der Sowjetunion. Zahlreiche Studenten wurden aus dem ehemaligen Ostblock nach Angola zurückgerufen und brutal getötet.

"Noch heute bekomme ich Alpträume von diesem Horror"

Dalila Matues im Portrait (Foto: Dalila Mateus)

Dalila Mateus hat sich intensiv mit dem Terror nach dem 27. Mai beschäftigt.

Die portugiesische Historikerin Dalila Mateus hat gemeinsam mit ihrem Mann ein Buch über den 27. Mai 1977 und die schrecklichen Ereignisse danach geschrieben. Es heißt "Die Säuberungsaktion in Angola" (Purga em Angola). Bei ihren Recherchen erfuhr sie, dass alle politischen Gefangenen auf barbarische Art und Weise gefoltert wurden. Die Gespräche mit den Gefangenen haben sie sehr berührt, sagt sie: "Ich hatte ja vorher schon viel gehört, doch das, was mir die Gefangenen dann erzählten - von diesem Horror bekomme ich noch immer Alpträume."

Dalila Mateus ist wie viele andere auch davon überzeugt, dass die offizielle Erklärung der angolanischen Regierung falsch ist. Die Protestierenden rund um Nito Alves hatten niemals einen Putsch geplant, sagt die Historikerin: "Bei einem Putschversuch oder einem Aufstand, das weiß man, nehmen bewaffnete Militärs und Zivilisten Orte wie den Sitz des Präsidenten, die Ministerien, die Polizei, die Post, die Kasernen und Flughäfen ein. Damals gab es jedoch auf Seiten der Demonstrierenden keine Pläne, diese Institutionen einzunehmen. Es war einfach ein großer Protest von unbewaffneten Menschen."

Massaker gilt in Angola als Tabu

Bei der Niederschlagung der Proteste wurden zwischen 15.000 und 80.000 Menschen umgebracht. Viele wurden mit Schüssen niedergestreckt, andere enthauptet oder zu Tode gefoltert. Das Massaker selbst gilt in Angola weiter als Tabu.

Titel des Buches von Dalila Mateus

"Die Säuberungsaktion in Angola" ist das Buch von Dalila Mateus

Die überlebenden Opfer des Terrors nach dem 27. Mai 1977 leiden auch heute noch. Das Stigma dieses Tages laste auf ihnen. Die Wenigsten hätten eine Chance, höhere Ämter im Staat zu erlangen, sagt Silva Mateus, Leiter der Stiftung „27 de Maio“, die sich in Angola um Aufklärung und Entschädigung bemüht. Eine Versöhnung, geschweige denn eine Entschädigung für diejenigen, die unter den Ereignissen leiden mussten, sei nicht in Sicht: "Es ist sehr schwierig, denn die Regierung will keine Versöhnung. Sie sagt, dass wir in Frieden leben, aber es ist nur ein militärischer Frieden. Es gibt zwar keine Schüsse und keine Toten mehr, doch die Regierung tötet uns auf eine andere Art."

Keine Versöhnung

Auch wenn Silva Mateus keine Hoffnung auf Versöhnung hat, kämpft er mit seiner Stiftung weiter, um den Überlebenden wenigstens das Leben zu erleichtern. Und so lange es in Angola nicht für jeden Menschen ausreichend zu essen gebe, so Silva Mateus, werde es sowieso niemals eine Versöhnung geben.

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