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Stadt Land Mensch

Maschinenbauer im Aufwind

Magdeburg war das Zentrum des Schwermaschinenbaus in der DDR. Tausende fanden hier Arbeit. Dann kam die Wende: Alles war mit einem Schlag vorbei. Mehr als 20 Jahre später geht es wieder aufwärts.

Immer wieder schnellt die Schranke zum Industriegelände nach oben, immer wieder fahren Transporter und kleinere LKW ein und aus, immer wieder werden Industrieteile angeliefert und abgeholt. Hier lebt der Magdeburger Maschinenbau allmählich wieder auf.

Das Schild mit den ansässigen Firmen am Eingang des Industrieparks SKL wird von Jahr zu Jahr länger. Vor allem Rotoren und andere Bauteile für die Windindustrie boomen. "Die Auftragsbücher sind voll", weiß Reinhard Pätz, Geschäftsführer des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau e.V. Ost. Selbst die Wirtschaftskrise habe den Unternehmen im Osten nur kurzfristig geschadet.

Doch diesen stabilen Aufstieg hat sich die Branche hart erkämpft. Seit mehr als 20 Jahren erholt sich die Magdeburger Industrie von der Wende. Noch immer stehen viele der Werkshallen leer. Der rote Backstein bröckelt hier und da, kaputte Fenster und rostige Türen sind nur die sichtbarsten Zeichen.

Untergang über Nacht

Werkhalle des SKET zu DDR-Zeiten Foto: Foto: Hans Wiedl (dpa)

Magdeburger Maschinenbauer zu DDR-Zeiten

"So leer habe ich das Gelände nicht in Erinnerung", sagt die Magdeburgerin Sonja Schmidt. Anfang der 1980er Jahre hat sie nach dem Maschinenbaustudium im quaderförmigen, klotzigen Bürogebäude direkt gegenüber den Werkshallen angefangen. Als Technologin hat sie vor allem Werkzeuge konzipiert. Das Gebäude, die blauen Kacheln an der Fassade – alles sieht so aus wie früher. Lediglich die Buchstaben SKL seien neu angebracht, meint Sonja Schmidt. SKL – das stand für Schwermaschinenbaukombinat Karl Liebknecht.

Zu DDR-Zeiten war es der zweitgrößte Magdeburger Maschinenbaubetrieb, wo bis zu 20.000 Arbeiter an Motoren und Industrieteilen schraubten. Die Elbestadt galt damals als "Stadt des Schwermaschinenbaus", die wie ein Magnet neue Einwohner anzog. Sonja Schmidt kam aus Berlin in die Industriestadt, studierte hier, heiratete, gründete eine Familie. Auch ihr damaliger Ehemann , Konrad Schmidt, arbeitete im Maschinenbau.

Das Armenhaus der Republik

Mit der Wende brach der Absatz für die Magdeburger Unternehmen weg. Zehntausende verloren in kurzer Zeit ihre Jobs. Sonja Schmidt war eine von ihnen. Das Etikett "arbeitslos" sei etwas ganz Neues für sie gewesen. "Man wurde ja selbst nach der Ausbildung oder nach dem Studium direkt in einen Job vermittelt", erzählt Sonja Schmidt. Für sie folgte ein Marathon an Umschulungen und Weiterbildungen. "Ich habe nie aufgehört, zu lernen", sagt sie.

Mitarbeiter der SKET-Schwermaschinenbau GmbH in Magdeburg demonstrieren mit Transparenten und Plakaten gegen den Abbau ihrer Arbeitsplätze Foto: picture-alliance/dpa

Streiks wegen drohender Massenentlassungen nach der Wende

In den 1990er Jahren stieg die Arbeitslosigkeit in Magdeburg auf Spitzenwerte von mehr als 20 Prozent an. Wer konnte, ging weg. Von den fast 300.000 Einwohner kurz vor der Wende blieben zehn Jahre später noch knapp 230.000 übrig. Die Plattenbausiedlungen, die einst für die vielen Arbeiter erbaut wurde, verfielen zu Geisterstädten. Die Hauptstadt Sachsen-Anhalts wurde zum Armenhaus der Republik.

Sonja Schmidt ist dennoch geblieben, trotz Arbeitslosigkeit und Scheidung. Seit mehr als zehn Jahren arbeitet sie über befristete Verträge als Archivarin. Sie verdient nicht viel und braucht zusätzliche staatliche Hilfe, aber weggehen, das sei nie eine echte Option gewesen.

Nach vorne schauen

Auch der Magdeburger Maschinenbau hat sich umorientiert. Große Firmen wie Enercon, einer der größten Windanlagenbauer Deutschlands, haben sich angesiedelt. Rund 2300 Menschen arbeiten am Standort Magdeburg für das Unternehmen aus Aurich.

Video ansehen 04:15

Gebrochene Biographien: Auswirkungen des Wandels im Magdeburger Maschinenbausektor

Diesen Aufstieg verdankt Magdeburg denselben Argumenten wie vor schon vor 150 Jahren, als die Stadt zur Industriemetropole aufstieg", sagt Jürgen Klaus von der Gesellschaft für Wirtschaftsservice Magdeburg mbH. Der Projektkoordinator für Maschinenbau spult in Sekundenschnelle die Argumente ab: geografisch im Zentrum Europas gelegen, angebunden an Autobahnen nach Ost und West, außerdem gute Forschungseinrichtungen.

Damit meint Klaus vor allem die Universität in Magdeburg. Die Fakultät für Maschinenbau hat nicht nur Tradition, sondern genießt bis heute ein hohes Ansehen. Kurz vor der Wende fing hier auch Konrad Schmidt als Dozent an.

In den schwersten Jahren der Branche konnte er zwar weiterarbeiten, doch spurlos sind sie nicht an ihm vorbeigegangen. Nicht nur, weil seine damalige Frau arbeitslos wurde, sondern "weil wir auch Mühe und Not hatten, die Studenten sogar für Praktika in Betrieben unterzukriegen", sagt Schmidt. Selbst seinem Sohn hat er vor zehn Jahren noch geraten, fürs Maschinenbaustudium wegzugehen. Heute wünscht er sich, dass die Studenten alle in der Region bleiben. "Wir haben hier viele Möglichkeiten und neue Firmen", sagt Konrad Schmidt. Das Potenzial sei vorhanden.

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