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Asien

Marx: "Lebendige junge Kirche in Vietnam"

Von den 90 Millionen Einwohnern Vietnams sind sechs Millionen Katholiken. Kardinal Marx, Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz, besuchte das Land Anfang Januar und schildert der Deutschen Welle seine Eindrücke.

Auf seiner neuntägigen Reise (08. bis 17. Januar 2016) traf sich Kardinal Reinhard Marx mit Gläubigen, Bischöfen, aber auch Vertretern der vietnamesischen Regierung zusammen.

Deutsche Welle: Wie lebendig ist die katholische Kirche in Vietnam?

Kardinal Marx: Ich habe in Vietnam eine junge und sehr lebendige Kirche erlebt. Die Kirche will sich einbringen, viele Katholiken wollen die Gesellschaft mitgestalten und nehmen ihren Auftrag, als Christen für die anderen Menschen da zu sein, sehr ernst. Bisher ist es der Kirche jedoch nicht gestattet, sich über Kindergärten hinaus in die Schul- oder gar Universitätsausbildung einzubringen. Auch Krankenhäuser kann sie nicht betreiben. Die vor Kurzem wieder neu errichtete Caritas kann lediglich so etwas wie Gesundheitsstationen einrichten, in denen sie eine Basisversorgung für die Ärmsten bereitstellen kann. Und selbst dabei sind sie noch Beschränkungen unterworfen, so dass es derzeit nur wenige solcher Stationen gibt. Aber die Priesterseminare und Noviziate sind voll. Das ist ein gutes Zeichen für die Zukunft.

Sie haben auch Textilbetriebe in Nord- und Südvietnam besucht. Was für einen Eindruck haben Sie gewonnen? Wo sehen Sie dabei eine Aufgabe für die katholische Kirche?

Wir hatten die Möglichkeit im Norden in Hanoi und im Süden in Ho Chi Minh Stadt Fabriken deutscher Textilunternehmer zu besuchen. Grundsätzlich war der Eindruck gut, den wir von der Arbeitsplätzen gewonnen haben. Arbeitsschutzvorschriften wurden eingehalten, Fluchtwege waren gut zugänglich, die Entlohnung lag über dem von der Regierung vorgeschriebenen Mindestlohn etc.

Eines der Unternehmen hat, was auch gesetzlich geregelt ist, einen eigenen Kindergarten, den wir besichtigen konnten. Vietnam hat sich darüber hinaus jedoch in verschiedenen Freihandelsabkommen und durch die Unterzeichnung von Verträgen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) verpflichtet, freie Gewerkschaften zuzulassen, die die Interessen der Mitarbeiter vertreten. Das ist bislang nicht geschehen. Vietnam, so sagten uns Gesprächspartner, wird alles daran setzen, gerade die Erfüllung dieser vertraglich zugesicherten Vereinbarungen so lange wie möglich hinauszuzögern.

Aber es könnte sich langsam etwas bewegen. Wir haben mit Katholiken gesprochen, die sich aus ihrer Überzeugung als Christen beispielsweise für betriebliche Mitbestimmung einsetzen. Ihnen kann und sollte die Kirche Unterstützung gewähren, wie es auch Teil ihres Auftrags ist, sich für soziale und menschenwürdige Arbeitsbedingungen einzusetzen. Wir haben von solcher Unterstützung gehört, wobei die Stärke des sozialen Engagements in den einzelnen Bistümern unterschiedlich ist.

Das Verhältnis zwischen vietnamesischer Regierung bzw. der Kommunistischen Partei Vietnams und der katholischen Kirche ist angespannt. Was haben Sie von Gläubigen und Bischöfen vor Ort dazu erfahren?

Bischöfe und Gläubige haben mit uns offen und angstfrei über die mangelnde Religionsfreiheit in ihrem Land gesprochen. Wiederholt wurde von ihnen öffentlich ausgesprochen, welche Behinderungen die Kirche erfährt.

Zugleich wurde jedoch auch von allen Gesprächspartnern darauf hingewiesen, wie sehr sich die Situation für die Kirche und für andere Religionen in den letzten Jahren verbessert habe. Im Priesterseminar der Diözese Hanoi haben wir erlebt, wie groß der Zulauf der letzten Jahre geworden ist, nachdem staatliche Zugangsbeschränkungen gefallen waren.

Im Wallfahrtsort Tam Dao konnten wir erleben, mit welchem großen Einsatz eine alte Kirche wieder hergerichtet wurde und ein Gemeindezentrum aufgebaut wird. Wir sahen Ermutigendes, aber auch die Beschränkungen, die noch nicht erlauben, von der umfassenden Durchsetzung der Religionsfreiheit in Vietnam zu sprechen. Es ist auch klar, dass unsere Reise und die Gesprächspartner von der Regierung genau beobachtet wurden.

Pierre Nguyen Van Nho, Erzbischof von Hanoi, vor der St. Josephs Kathedrale in Hanoi. (Foto: Reuters)

Pierre Nguyen Van Nho, Erzbischof von Hanoi, vor der St. Josephs Kathedrale in Hanoi

Sie sind auch mit der Regierung zu Gesprächen in Hanoi zusammengetroffen. Wie haben Sie diese erlebt?

Die staatlichen Stellen, mit denen wir zusammenkamen, lobten in den Gesprächen durchweg das wertvolle Engagement der Kirche für die Menschen in Vietnam. Sie ermutigten die Kirche, diesen Weg weiterzugehen und auszubauen. Im Mittelpunkt der Gespräche mit den staatlichen Stellen stand jedoch immer das Religionsgesetz, zu dem sich die Kirche in Vietnam kritisch geäußert hat. Ich habe mich sehr klar für weitere Schritte auf größere Religionsfreiheit hin eingesetzt.

Die vietnamesische Regierung will dieses neue Religionsgesetz umsetzen. Es fordert umfangreiche Registrierungs- und Mittelungspflichten von Seiten der Kirche und ihren Mitarbeitern. Wie steht die katholische Kirche dazu?

Mit dem Religionsgesetz, das gegenwärtig diskutiert wird, würde erstmalig das Handeln von Religionsgemeinschaften in Vietnam auf eine gesetzliche Grundlage gestellt. Das ist zu begrüßen. Damit würden die bisherigen Dekrete, in denen diese Fragen bisher geregelt sind, abgelöst werden und größere Rechtssicherheit geschaffen. Davon würden, wenn es ein gutes Gesetz wird, nicht nur die Kirchen, sondern auch die anderen Religionsgemeinschaften, profitieren können.

Gegenwärtig bereiten aber vor allem zwei Punkte Sorgen: die Registrierungs- und Zustimmungspflicht für die Einrichtung neuer religiöser Einheiten, inklusive der Schaffung neuer Ortsgemeinden, sowie die Anzeigepflicht, wiederum verbunden mit einer Genehmigung, der Jahresaktivitäten von Ortsgemeinden, Diözesen und sogar der Bischofskonferenz.

Es wurde uns versichert, dass zu all diesen Fragen gegenwärtig auch innerhalb der Kommunistischen Partei Vietnams intensiv diskutiert wird. Insofern kam der Besuch vielleicht wirklich zu einem entscheidenden Zeitpunkt, zu dem wir kurz vor dem beginnenden Parteitag der KP Vietnams deutlich machen konnten, dass die katholische Kirche in besonderer Weise diese Debatte sehr genau verfolgt.

Wie beurteilen Sie die Zusammenarbeit der katholischen Kirche in Deutschland mit der in Vietnam? Gibt es konkrete Pläne für die Zukunft?

Wir konnten der vietnamesischen Kirche zeigen, dass wir auch ganz persönlich an ihrer Seite stehen, über das große Engagement unserer Hilfswerke in Vietnam hinaus. Diese Kooperationen werden wir natürlich fortsetzen. Ich habe außerdem vielfach Zustimmung von den vietnamesischen Katholiken erfahren, die bei uns in Deutschland leben. Die Reise wurde von ihnen sehr genau verfolgt. Sie war für die Kirche dort und für uns sehr wichtig und ertragreich.

Reinhard Kardinal Marx ist Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz.

Das Interview führte Rodion Ebbighausen.

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