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Kultur

Martin Mosebach: "Amerika ist schuld"

Martin Mosebach gilt als Konservativer unter den deutschen Schriftstellern. Umso überraschender, dass er auf seiner Lesereise durch die USA scharfe Kritik an Amerika und seinen militärischen Interventionen übt.

"Jetzt ist der Karren im Dreck, katastrophal!", stellt Martin Mosebach mit Blick auf den Nahen und Mittleren Osten fest. "Da ist eine unfassbare politische, kulturelle und moralische Katastrophe, für die wir alle teuer bezahlen werden."

Der Schuldige ist für Mosebach schnell ausgemacht: "Die USA haben da hineingeschlagen, to make the world a better place". Damit hätten sie eine Lawine losgetreten, konstatiert der als Konservativer im Kulturbetrieb gelabelte Schriftsteller, von dem man eine derartig ätzende Amerikakritik nicht unbedingt erwartet hätte.

USA an der Spitze des Schlimmen

Wir treffen Martin Mosebach in aller Hergottsfrühe beim Frühstück in Washington, wo er in der berühmten Library of Congress aus seinem vorletzten Roman "Was davor geschah" gelesen hat. Es ist ein Roman mit einem Hauch Thomas Mannscher Zauberberg-Atmosphäre über Verwicklungen und Winkelzüge des Schicksals in der feinen Frankfurter Gesellschaft. Mosebach selber haben die Winkelzüge des eigenen Lebens zwar in viele Teile der Welt, aber selten in die USA gebracht. Weil unter dem Titel "What was before" sein Roman jetzt in englischer Übersetzung vorliegt, hat er sich auf Einladung des Goethe Instituts auf eine kleine Lesereise in die USA begeben. Dass als Frucht dieser Expedition in ein ihm weitgehend unbekanntes Reich ein Roman über die USA abfällt, das weist Mosebach weit von sich. "Man kann phantastisch über ein Land schreiben, dass man gar nicht kennt", fügt er in der ihm eigenen heiter-ironischen Art hinzu. Kann - aber sollte man nicht.

Martin Mosebach (Foto: dpa)

Martin Mosebach

Die USA: nicht aus Fehlern gelernt

Mosebach hat Zeit seines Lebens "mit dem Rücken zu den USA gelebt", war immer mehr an östlichen Ländern und Kulturen wie Indien oder Russland interessiert. Doch er kann sich sehr gut vorstellen, auch einmal längere Zeit in den USA zu leben. Immerhin seien die USA das Land, dass die Veränderungen in der Welt am radikalsten betrieben hätten. Sie ständen "im Guten wie Schlechten" an der Spitze der Entwicklungen, da sei es nur "weise", sich damit auseinanderzusetzen. Es wird sehr schnell klar, dass Mosebach die USA vor allem "im Schlechten" an der Spitze sieht.

"Man sagt ja, die Amerikaner sind die Nation, die aus ihren Fehlern nicht lernen muss", stellt er mit Blick auf die Kriege in Vietnam und "Arabien" fest. Das sei sehr, sehr lange so gewesen "und für viele sei es auch heute noch so", sagt Mosebach, den man getrost zur letzten Gruppe zählen darf.

Deutschland: "Fruchtbare Erbfeinschaft mit Frankreich"

Dies hänge mit "dieser wundervollen geographischen Situation" zusammen, nämlich dass man in der Regel Krieg mit Ländern führt, die keine Nachbarn, sondern "unendlich weit entfernt" seien. Es müssen deswegen keine Schlüsse daraus gezogen werden, sagt Mosebach. "Man muss auch den Gegner gar nicht wirklich kennenlernen", kritisiert er und zieht als Gegenbeispiel die "fruchtbare Erbfeindschaft zwischen Deutschland und Frankreich" heran, die über Jahrhunderte hinweg Unheil über Europa brachte, aber auch eine intensive Beschäftigung mit Denk- und Lebensweise des jeweils anderen. Die Kultur des anderen "bis hin zur Übernahme derselben zu studieren, dieses Bedürfnis gibt es hier nicht, weil es die Notwendigkeit nicht gibt".

Buchcover Martin Mosebach: Was davor geschah

"Was davor geschah" - Martin Mosebach ist auf Lesereise in den USA

Irak und Afghanistan

Die USA haben somit auch wenig aus ihren Interventionen im Irak und Afghanistan gelernt. Mosebach findet nicht, dass es zu einseitig ist, die Amerikaner für die Kriege und Konflikte dort verantwortlich zu machen. Die USA hätten es besser wissen müssen, als sie in das "fragile Gebilde" hineinschlugen, weil dieser Raum ein "künstlicher, ein belasteter Raum war", der nach dem Ersten Weltkrieg zugegebenermaßen nicht von den USA, sondern von den europäischen Westmächten zu dem gemacht wurde, was er heute ist.

Mosebach glaubt, dass wir "am Anfang eines arabischen 30-jährigen Krieges" stehen mit unabsehbaren Folgen für Europa, das anders als die USA in unmittelbarer Nachbarschaft zur Krisenregion liegt. "Und wenn dieser ganze Raum tatsächlich in Brand gerät, über die Staaten hinaus, die jetzt schon involviert sind, werden wir alle noch unser blaues Wunder erleben", so Mosebachs düstere Prophezeiung.

Transatlantische Sprachlosigkeit

Was die Politik als transatlantischen Dialog zwischen Europa und den USA iniziiert, entpuppt sich für Mosebach immer wieder als Dokument der Sprach- und Verständnislosigkeit. Zu unterschiedlich seien die Interessen und Erfahrungen. Beispielsweise habe fast jede europäische Nation einmal in ihrer Geschichte versucht, ein großes Reich zu bilden. Keines konnte überdauern. "Das europäische Gesetz ist, dass Hegemonie sich auf Dauer nicht durchsetzt. Ich glaube, das ist für Amerikaner vollkommen unbegreiflich."

In Europa nicht "friedensschöpfend"

Dass die USA auch friedensstiftend und -rhaltend wirkten, wie etwa in Europa nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, lässt Mosebach nicht gelten. Das amerikanische Friedensmodell bestand aus seiner Sicht darin, "dass Europa geteilt wurde und dass im Rahmen dieser Teilung die Souveränitäten der europäischen Staaten erheblich eingeschränkt waren und insofern der Deckel drauf war". Friedensschöpfung im Sinne einer völligen Verwandlung der Mentalität könne er da nicht erkennen. "Das hat sich sozusagen fast physikalisch ergeben, dass da Ruhe herrschte."

Er sei - Gott sei Dank - kein Politiker, lehnt sich Mosebach am Ende des Gesprächs zurück und zitiert den großen kolumbianischen Schriftsteller Nicholás Gómez Dávila, der gefürchtet war für seine treffsicheren Aphorismen. "Wenn ich die Fehler der Politik betrachte, dann seufze ich und sage: Ich hätte bestimmt noch einen Weg gefunden, alles viel, viel schlimmer zu machen."

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