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Kultur

Martin Heidegger und der Nationalsozialismus

Noch immer streiten sich Experten über die Nähe Martin Heideggers zum Nationalsozialismus. Nun befeuert die Veröffentlichung der persönlichen Notizhefte des deutschen Philosophen - der "Schwarzen Hefte" die Debatte neu.

Martin Heidegger (1889-1976) gilt als einer der einflussreichsten deutschen Philosophen des 20. Jahrhunderts. Aber er war auch Mitglied in Hitlers Partei NSDAP - von 1933 bis 1945. In seiner Antrittsrede zum Rektorat an der Universität Freiburg forderte Heidegger 1933 eine grundlegende Erneuerung der Universität - mit dem Nationalsozialismus als bestimmende Kraft und einer Bindung an die Volksgemeinschaft. Inwieweit Heidegger aber tatsächlich die nationalsozialistische Ideologie befürwortete, ist umstritten. Steht sie im Zusammenhang mit seiner Philosophie oder wollte Heidegger eher die Gunst der Stunde nutzen, um seine eigenen Ideen zu realisieren?


Erstmalige Veröffentlichung der Schwarzen Hefte

Der Philosoph Peter Trawny hat die Diskussion um Heideggers politisches Engagement neu befeuert - durch die Veröffentlichung der sogenannten

Schwarzen Hefte. Dabei handelt es sich um 34 Notizhefte Heideggers, in denen der Philosoph von 1931 bis Anfang der 1970er Jahre seine Gedanken aufzeichnete. Ihren Namen verdanken sie dem ursprünglich schwarzen Einband, erläutert er im Gespräch mit der DW. "Die (Hefte) waren vorher nicht nur nicht veröffentlicht, sie waren mehr oder weniger unbekannt, kaum jemand hat sie gelesen. Heidegger selbst hat auch darauf geachtet, dass bis auf die Familie da niemand hineinguckt". Mit den Heften, die von Ende Februar bis Mitte März in insgesamt acht Bänden erschienen sind, haben Forscher neue Einblicke in die Gedankenwelt des Philosophen erhalten - inklusive seiner Überlegungen zum Nationalsozialismus.

Wahlkundgebung der deutschen Wissenschaft in Leipzig am 11. November 1933 - auf dem Podium ist auch Martin Heidegger zu sehen (Foto: picture-alliance / akg-images)

Wahlkundgebung der deutschen Wissenschaft in Leipzig am 11. November 1933 - auf dem Podium ist auch Martin Heidegger zu sehen

Ein Band enthält auch ein Heft aus den Jahren 1945/46, von dem man bislang annahm, dass es gar nicht mehr existiert. Vor kurzem erst war es wieder aufgetaucht - bei Silvio Vietta. Der Literaturwissenschaftler erzählt von seinen persönlichen Erinnerungen an Martin Heidegger: Der Philosoph war ein Freund der Familie, mit Viettas Mutter hatte er später auch ein Liebesverhältnis. Das Heft hatte er ihr damals geschenkt. "In dem Heft geht es darum, dass Heidegger versucht, in dieser schwierigen und kritischen Zeit sich selbst zu stabilisieren", sagt Vietta. Antisemitische Stellen enthalte es nicht.


Heidegger über die "Weltlosigkeit des Judentums"

Peter Trawny findet durchaus problematische Stellen: "Wir müssen nun zum ersten Mal sagen, dass Heidegger sich nicht nur für den Nationalsozialismus engagiert, ihn sehr ernst genommen und eine gewisse Zeit mit Sympathie begleitet hat - und später dann stark kritisierte. Sondern wir müssen jetzt auch sehen, dass er sein Denken dem Antisemitismus geöffnet hat." So spreche Heidegger in den Heften etwa von der 'Weltlosigkeit des Judentums' und davon, dass den Juden die Geistesart des Rechnens besonders eigen sei. Damit bediene Heidegger nicht nur antisemitische Vorurteile, sondern der Philosoph stelle auch einen Zusammenhang zu seiner Philosophie her, in der er stark das Technikzeitalter kritisierte: "Da wird dann das Rechnen zum Beispiel in ein besonderes Verhältnis zur Technik [gesetzt] und plötzlich wird das Weltjudentum zu einem besonderen Repräsentanten der universalen Technik."

Außerdem lehne sich Heidegger an die antisemitischen "Protokolle der Weisen von Zion" an. Und zwar indem er schreibe, dass das "Weltjudentum" anonym gegen die Nationalsozialisten kämpfte. "Das ist ein antisemitischer Stereotyp dieser Zeit, dass man meint, es gebe so eine international agierende anonyme Macht, die man Weltjudentum nennt, und die nun tatsächlich versucht, zum Beispiel die Deutschen zu vernichten", sagt Peter Trawny.


Heidegger hatte viele jüdische Freunde

Hannah Arendt und Martin Heidegger (Foto: Picture alliance / dpa)

Heideggers Geliebte, Hannah Arendt, war auch Jüdin

Silvio Vietta hält den Vorwurf des Antisemitismus dagegen für absurd. "Ich glaube, dass Trawny das in eine falsche Richtung kanalisiert - mit Antisemitismus hat das nichts zu tun. Das ist schon dadurch widerlegt, dass Heidegger bei einem Juden, Edmund Husserl, gelernt hat." Außerdem habe Heidegger viele jüdische Schüler und Freunde gehabt, mit der jüdischen Publizistin Hannah Arendt habe ihn sogar eine Liebesbeziehung verbunden. Allerdings gesteht Vietta ein: "Er hat tatsächlich Juden aufgrund des rechnenden Denkens kritisierte. Er hat allerdings, das würde ich an Heidegger kritisieren, zu wenig bedacht, dass Juden in diese Rolle auch hineingedrängt wurden im Laufe ihrer Geschichte - sie waren ja in der Tat die Finanzelite auch im alten Deutschen Kaiserreich, bevor sie aus solchen Positionen herausgedrängt wurden." Aber dies sei eine Kritik an dem rechnenden Denken und habe nichts mit Rassismus zu tun.


Heidegger: "1933 war das alles noch nicht so klar"

Was Heidegger vermutlich in die Nähe des Nationalsozialismus gebracht habe, meint Vietta im DW-Gespräch, sei sein Wunsch nach einer Revolution gewesen - danach, den deutschen Geist zu erneuern. "Und er glaubte möglicherweise auf etwas naive Weise, als er 1933 das Rektorat übernahm, dass eine Erneuerung der Universität auch eine geistige Erneuerung Deutschlands bringen könnte. Dann hat er aber so ab 1934/35 erkannt, dass das Dritte Reich genau das Gegenteil dessen war, was er wollte: "Das war eine Kriegsrüstungsmaschine, das war technisches Denken." So habe Heidegger 1934 auch das Rektorat abgegeben. "Er hat mir mal persönlich gesagt: 'Weißt Du, 1933 war das alles noch nicht so klar.‘"

Prof. Trawny Philosophisches Seminar Martin-Heidegger-Institut (Foto: privat)

Peter Trawny hat die Debatte um Heideggers politische Haltung neu angestoßen

Das sieht Peter Trawny kritischer: Unter anderem der Band, der Heideggers Notizen während der Rektoratszeit von 1931 bis 1934 enthalte, zeige, wie radikal sich Heidegger auf diese Zeit eingelassen habe. Die als antisemitische interpretierbaren Passagen fänden sich dann gegen Ende der 1930er Jahre, sagt er im DW-Gespräch. "Das sind meiner Ansicht nach Passagen, die versuchen, einen spezifischen Antisemitismus in seiner Philosophie zu entfalten. Und das ist ja das eigentliche Problem: Das wir nicht einen Philosophen haben, der im Privaten ein antisemitisches Ressentiment oder Vorurteile gegen Juden hat, sondern dass er versucht, zum Beispiel einen Begriff wie 'Weltjudentum' philosophisch zu fassen und auszuarbeiten."

Die Diskussion wird also noch ein bisschen weitergehen. Zumal Silvio Vietta noch eine weitere Erstveröffentlichung angekündigt hat: einen Briefwechsel zwischen seinem Vater und Heidegger.

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