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Sport

Markus Merk: "Man kann mehr als man glaubt"

Dr. Markus Merk war bis zu seinem Karriere-Ende 2008 Deutschlands Aushängeschild unter den Schiedsrichtern. Heute berät er Unternehmen – und sucht das Abenteuer. Jetzt startet Merk zu einer Nordpol-Expedition.

Markus Merk als Schiedsrichter 2005. Foto: dpa

Merk zeigt bei der WM 2006 einem australischen Spieler die Gelbe Karte. Foto: AP

Merk bei der WM 2006

338 Fußball-Bundesligaspiele – kein Schiedsrichter pfiff mehr Partien der höchsten deutschen Spielklasse als Markus Merk. Und auch international war der Zahnarzt aus Kaiserslautern gefragt: Bei den Weltmeisterschaften 2002 und 2006 war er im Einsatz, 2003 leitete er das Champions-League-Endspiel, 2004 das Finale der Europameisterschaft. Im Mai 2008 beendete Merk seine Karriere. Seitdem berät er Unternehmen und kümmert sich um die von ihm gegründete "Indienhilfe Kaiserslautern".

DW-WORLD.DE: Markus Merk, vor zwei Jahren sind Sie zurückgetreten. Was macht eigentlich ein dreimaliger Weltschiedsrichter des Jahres, wenn er nicht mehr von Stadion zu Stadion reisen muss? Hat er nun Zeit ohne Ende?

Markus Merk: Gott sei Dank eigentlich nicht. Die Zeit hat sich nur verschoben. Ich bin beruflich viel mehr eingespannt mit Vortragsreisen und Unternehmensarbeit, die ja mittlerweile viel am Wochenende stattfindet. Früher war das Wochenende eben für den Fußball, für das Stadion verplant, jetzt mehr für Arbeit in Unternehmen.

Aber Sie sind dem Sport trotzdem noch treu geblieben?

Das war ich immer. Die Disziplin Schiedsrichter war meine Spezialfunktion. Ich war Schiedsrichter mit Leib und Seele, aber auch Ausdauersportler. Ich bin den ersten Marathon mit 15 Jahren gelaufen. Ich habe immer die Ausdauersportarten gesucht, nicht unbedingt, um die schnelle Zeit zu laufen, sondern auf der Suche nach dem Abenteuer in Kombination mit der Natur.

Drei Expeditionsmitglieder auf Skiern mit Schlitten auf dem Weg zum Nordpol. Foto: Stefan Nestler/DW

Auf Skiern zum Nordpol

Stichwort Abenteuer. Sie stehen in den Startlöchern zu einer Nordpol-Expedition. Sie wollen die Strecke vom letzten Breitengrad bis zum nördlichsten Punkt der Erde mit Skiern zurücklegen. Was um alles in der Welt treibt Sie dorthin?

Ich war immer ein Grenzgänger. Ich hatte schon als kleiner Junge den Traum und die Vision, ein paar hohe Berge der Erde zu besteigen (Anm. Merk stand bereits auf den Gipfeln von 6000ern in Ecuador und Bolivien) und irgendwann mal ganz oben und ganz unten auf der Erde zu stehen. Diese Träume habe ich nie vergessen. Jetzt ist ein Zeitpunkt gekommen, da passt es, ins ewige Eis zu gehen, in die Arktis. Wobei wir ja nicht wissen, ob dieses Eis noch so ewig vorhanden sein wird. Es ist eine Erfahrung für mich selbst. Ich will die Kraft und mentale Stärke sammeln, mir die Physis und die Psyche erarbeiten, um es letztendlich auch an andere weiterzugeben. Ich bin ein Mensch, der sich gerne bewegt und versucht, mit seinen Erfahrungen auch andere zu bewegen. Eine meiner Philosophien ist: Man kann im Leben mehr als man in diesem Moment glaubt.

Sorgt das bei Ihnen auch für einen Adrenalin-Kick, so etwas wie Ersatz-Fußball?

Absolut nicht. Mein Leben war voller Adrenalin-Kicks - wenn man alle drei, vier Tage in die großen Stadien gegangen ist, mit 60.000, 80.000, 100.000 Zuschauern. Ich habe den Moment immer genossen, vor allem diese letzten Sekunden, wenn man irgendwo im Kabinengang steht und geht dann in diese Stadien hinein, nimmt den Ball mit, pfeift ein Spiel an. Unwissend, was die nächsten 90 oder 120 Minuten bringen. Hier ist es ähnlich. Man begibt sich auf ein ganz neues Feld, ohne zu wissen, was die nächsten Tage bringen. Diese Grenzgänge in den Bergen oder jetzt bei dieser Arktisexpedition sind keine Ersatzdroge für mich, sondern Dinge, die ich immer irgendwann einmal im Leben tun wollte.

Ganz ohne Vorbereitung geht das nicht. Wie haben Sie trainiert?

Ich habe mein ganzes Leben lang auf eine gewisse Grundsubstanz hingearbeitet, die ich irgendwann abrufen wollte, um solche extremen Dinge zu tun. Die Physis macht überhaupt kein Problem, die mentale Stärke insgesamt auch nicht. Wenn man zum Nordpol gehen will, bei diesen extremen Minustemperaturen, dann muss man auch bereit sein, in den letzten zwei drei Monaten vor der Expedition - wir hatten ja einen kalten Winter - nachts nicht im Bett, sondern im Garten im Zelt zu schlafen.

Dann wünsche ich Ihnen für diesen Trip schon einmal alles Gute. Zum Abschluss noch eine Frage, um die wir nicht herumkommen. Das deutsche Schiedsrichter-Wesen ist ja nach der Affäre um die angeblichen sexuellen Übergriffe Manfred Amerells gegen junge Referees stark in der Diskussion. Berührt sie das noch?

Ich habe es schon gleich am Anfang gesagt: Wenn man so ein schlechtes Kommunikations- und Konfliktmanagement wie der DFB macht, dann gibt es letztendlich nur Verlierer. Es bewegt mich sehr, dass der DFB im April einen außerordentlichen Bundestag mit dem Hauptpunkt 'Reform des Schiedsrichterwesens' angesetzt hat. Das deutsche Schiedsrichterwesen hat nationale und international einen höchst positiven Ruf. Es gibt Top-Referees und eine breite Basis, 80.000 Schiedsrichter im deutschen Fußball. Das sind für mich die wahren Helden, die jedes Wochenende eine unglaubliche soziale Verantwortung auf den Dorfsportplätzen in unserem Land übernehmen. Da braucht es keine Reform des Schiedsrichterwesens. Ich habe vor zwei Jahren gegenüber dem Präsidenten des DFB viele Dinge angesprochen, die in vielen Lebensbereichen verbesserungswürdig sind. Es ist nichts geschehen. Die aktuelle Situation ist absolut bedauerlich und tut natürlich einem wie mir, so einem Kind des DFB und des Schiedsrichterwesens, wie vielen unter den 80.000 Kollegen äußerst weh.

Das Interview führte Stefan Nestler.
Redaktion: Arnulf Boettcher

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