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Kultur

Markus Lüpertz: Der "Malerfürst" von einst ist 75

Einst inszenierte er sich als "Malerfürst". Heute möchte der Künstler mit den extravaganten Anzügen, mit Ohrring und Gehstock nicht mehr so genannt werden. Der Maler und Bildhauer Markus Lüpertz ist 75 Jahre alt.

An Markus Lüpertz scheiden sich die Geister. Die Boulevard-Presse feierte ihn stets als Genie. Kritiker bedachten ihn mit leisem Spott. "Findet Euch mit mir ab", sagte er mal im DW-Interview, "es geht kein Weg an mir vorbei, es gibt kein Mittel gegen mich!" Zwanzig Jahre ist das her. Da hatte Lüpertz - nach drei Jahrzehnten Malerei - schon den Olymp der Kunst erklommen und gehörte zu den bekanntesten deutschen Künstlern der Gegenwart. Auf den Kunstmärkten erzielten seine Arbeiten – riesige Bilder im Stile expressiver Neo-Romantik - Höchstpreise. Er selbst feierte, auch als prunkverliebter Showman, die "Anmut des 20. Jahrhunderts".

Was auch immer das heißen sollte. Doch immerhin regierte er da schon als Rektor der Düsseldorfer Kunstakademie, war Professor in Karlsruhe, hatte Einfluss in der Kunstwelt. "Die Anmut des 20. Jahrhunderts wird durch die von mir erfundene Dithyrambe sichtbar gemacht", hatte Lüpertz mit 21 Jahren geschrieben. Das nannte er sein Manifest - und legte damit den Grundstein für seinen Erfolg. Fortan hießen seine Bilder vollmundig "dithyrambisch". Dithyrambus, das war ursprünglich ein Weihelied, eine ekstatische, tänzerische und dichterische Huldigung an den antiken Fruchtbarkeitsgott Dionysos. Kritiker waren dankbar für so viele ungelöste Rätsel. Sie schrieben Lüpertz in die erste Künstlerliga. Dort malte, formte und redete er seither, nie ernstlich abstiegsgefährdet, neben den anderen Heroen zeitgenössischer Kunst: Gerhard Richter, Anselm Kiefer, Georg Baselitz – wenn auch mit dem zweifelhaftesten Ruf.

Durchbruch mit Schwarz-Rot-Gold

"Schwarz-Rot-Gold" – Lüpertz' Bild aus dem Jahr 1974 zeigt Relikte des Krieges: Stahlhelm, Uniformmütze, Sturmgewehr und ein römischer Brustpanzer türmen sich zum gigantischen Stillleben. Das Ganze erscheint vor ockergelber Wüstenlandschaft und bleiblauem Himmel. Der Rand des bedrohlichen Motivs ist mit hell leuchtendem Rot markiert. Perfekt gemalt und souverän gebaut, mit plastischen Effekten, räumlicher Tiefe, die Farben sorgfältig übereinander geschichtet: Mit Bildern wie "Schwarz-Rot-Gold" schafft Lüpertz Anfang der 1970er Jahre den Durchbruch. Seine Motive werden als verschlüsselte Ikonen deutscher Vergangenheit aufgefasst. Manche kritisieren Lüpertz allerdings als deutschtümelnd und reaktionär.

Mercurius, die Bronzefigur von Markus Lüpertz, zeigt einen Mann auf der Weltkugel stehend

Mercurius vor dem Bonner Post-Tower

Lüpertz polarisiert, als Künstler wie als Mensch. Männer wie ihn kann man nur hassen oder lieben. Die meisten Menschen hielten Distanz. Schon sein durchtrainierter Körper wirkte unheimlich. Vor seinem kahlgeschorenen Schädel, der Tätowierung auf dem Oberarm, dem schweren Goldschmuck an Hals und Händen, den er bei öffentlichen Auftritten zu tragen pflegte, hatten viele Angst. Sein dandyhaftes Auftreten, mit Nadelstreifenanzug, steifem Hut, Gamaschen und Stock erschien affig. Häufig klopfte er – mit Zigarre im Mundwinkel – Sprüche. Er züchtete Kampfhunde und fuhr mit teuren Autos durch die Gegend. Ein kraftstrotzendes Mannsbild, das seine Eitelkeit zur Schau stellte: "Ich finde es ganz selbstverständlich, dass man sich zurecht macht, wenn man rausgeht", so Lüpertz zur DW, "das gehört zur Kultur, zu meinem Selbstverständnis."

Malerei gegen die Abstraktion

Auch als Künstler gibt sich Lüpertz streitbar. Zu Beginn seiner Karriere malt er gegen den vorherrschenden Trend zur Abstraktion an. Sein Stilmittel: poetisch aufgeladene Malerei, bemüht um klar erkennbare, aussagekräftige Formen. Eduard Beaukamp, Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und jahrzehntelang "Papst" der deutschen Kunstkritik, spricht von einem "Generationenkonflikt zwischen einer übermächtigen Nachkriegsabstraktion und einer sehnsüchtig gesuchten neuen Figürlichkeit und monumentalen Ikonographie".

Lüpertz spart nie an Farbe. Seine riesigen Ölgemälde sind expressiv, mit schnellem, leichtem Pinselstrich gemalt. Aber nicht das kräftige, schreiende Rot, Blau oder Geld dominiert, sondern das gedeckte, häufig pastos aufgetragene, zuweilen verwischte Olivgrün oder Ockergelb. So provokant und laut seine öffentlichen Auftritte gewesen sein mögen, so sehr ist Lüpertz, wenn er malt, ein Meister der Zwischentöne. Bilder zu malen bereite ihm sinnliches Vergnügen, sagt er, Malerei habe den Charakter von Selbstbefriedigung.

Genie zu werden, war sein Ziel

In Motiven und Formensprache bedient sich Lüpertz der Zitate, vor allem in den 1980er und 1990er Jahren. Das trägt ihm den Vorwurf eines "Klassik-Verwerters" ein. Zu seinen bekanntesten Werken gehört die von 1993 bis 1997 entstandene Bildfolge Männer ohne Frauen – Parsifal. Er malt Männerporträts. Häufig weinen die Gesichter. Später folgten flüchtig gemalte Landschafsbilder. Dann greift Lüpertz religiöse Motive auf – Vanitas, Vesper. Viele seiner Bilder hängen heute in öffentlichen Museen und Privatsammlungen. Lüpertz Skulpturen, die er seit 1980 entwirft, sind archaisch anmutende, grob geformte Körper. Auch sie finden ihre Anhänger. Mit ihnen dringt Lüpertz sogar bis ins Kanzleramt vor, wo die Bronze "Die Philosophin" steht. Die Deutsche Post platziert Lüpertz' Mercurius vor ihrem Post-Tower in Bonn.

Skulptur des Malers und Bildhauers Markus Lüpertz Copyright: Stefan Dege/DW

Lüpertz Hommage an Michelangelo

Ein Genie zu werden, davon träumte Markus Lüpertz schon als böhmisches Flüchtlingskind, das es ins Rheinland verschlug. Als junger Künstler in Berlin verdiente er seine Brötchen mit Hilfsarbeiten auf dem Bau. Er fühlte sich zum Malen geboren. Als er 15 war, kaufte er sich ein Barett mit Feder und lief herum wie Rembrandt. Mit 21 verfasste er sein künstlerisches Manifest.

Am 25.04. feierte Lüpertz seinen 75. Geburtstag. Die Großspurigkeit von einst - Schnee von gestern! Er möchte nicht mehr "Malerfürst" genannt werden, das sei "widerlich", sagte er kürzlich der Nachrichtenagentur dpa. Im Magazin "Stern" beschwerte er sich einmal: "Wenn ein Künstler rauschgiftsüchtig ist, schwul, auf einem Bein rumhüpft, nach Scheiße stinkt und die Wände bepinkelt, dann regt sich keiner darüber auf. Nur mir nimmt man immer alles übel!" Dabei würde auch ein Markus Lüpertz so gern von den Leuten gemocht: "Ich würde mich lieben, wenn ich mir begegnen würde."

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