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Wirtschaft

"Markteingriffe werden tendenziell immer bestraft"

Der Börsenhandel in China wurde nach einem siebenprozentigen Kursrutsch ausgesetzt. Laut Strategie-Analyst Heinz Rüttimann von der Bank Julius Bär muss der neue Mechanismus angepasst werden.

Deutsche Welle: Der chinesische "Circuit Breaker"-Mechanismus griff schon zum zweiten Mal im neuen Jahr. Sind die Grenzen angemessen?

Heinz Rüttimann: Die Limits für den China Securities Index mit 300 führenden Werten (CSI 300) sind mit fünf beziehungsweise sieben Prozent meines Erachtens zu tief. Der amerikanische S&P 500 Index kennt drei solcher Limits. Das erste greift bei sieben Prozent Kursverlusten, das zweite bei 13 und das dritte bei 20 Prozent.

Wenn in China die Fünf-Prozent-Grenze erreicht wird, gibt es eine fünfzehnminütige Handelspause. Die Spanne zwischen fünf und sieben Prozent ist zu gering. Denn die Anleger müssen sich innerhalb dieser 15 Minuten überlegen, wie sie ihre Verluste eingrenzen. Mit Stop-Loss-Orders werden sie versuchen, rechtzeitig aus dem Markt zu kommen. Tun dies zu viele Investoren, ist die Sieben-Prozent-Hürde schnell erreicht. Dann ist der Markt für den Rest des Tages geschlossen.

Heinz Rüttimann, Strategie-Analyst der Bank Julius Bär (Foto: Bank Julius Baer & Co. Ltd.)

Heinz Rüttimann, Strategie-Analyst der Bank Julius Bär

Was soll Chinas Regierung jetzt denn tun, um die Börse wieder zu stabilisieren?

Ich gehe davon aus, dass die Limits angehoben werden. Auf diesem Level machen sie keinen Sinn. Die chinesische Börsenaufsicht CSRC ist in einer schwierigen Situation. Sie muss neue Limits kommunizieren und darf dabei ihre Glaubwürdigkeit nicht verlieren.

Die CSRC hat am Donnerstag eine neue Regelung verabschiedet. Demnach dürfen Großaktionäre in den kommenden drei Monaten nur so viele Anteile verkaufen, die nicht mehr als einem Prozent des Stammkapitals des Unternehmens entsprechen. Wie beurteilen Sie diese Maßnahme?

Mit den Markteingriffen wird die reguläre Marktpreisfindung außer Kraft gesetzt. Man muss von allen diesen Limits und Interventionen wegkommen. Dazu gehören auch Aktienkäufe durch staatseigene Unternehmen, die jetzt diese Aktien nicht verkaufen dürfen. Die Investoren wissen deshalb nicht, wie viel Verkaufsdruck noch im Markt ist.

Die Nachfrage und das Angebot bestimmen zusammen einen Marktpreis. Wenn es Interventionen gibt, wird der Markt manipuliert. Das verunsichert die Investoren. Sie haben keine reguläre Marktpreisfindung. Ein solcher Markt wird tendenziell immer bestraft.

Die Abwertung hat die Märkte zusätzlich verunsichert. (Foto: Getty Images)

"Die Abwertung hat die Märkte zusätzlich verunsichert"

Welche Rolle spielt die Abwertung des Renminbi?

Die Abwertung hat die Märkte zusätzlich verunsichert. Wenn China abwertet, werten die Nachbarstaaten ihre Währungen auch ab. Das kann in einem Teufelskreis enden. Davon gehe ich im Moment nicht aus. China wird in dieser Hinsicht sehr umsichtig sein, wann und wie viel es abwertet. Chinas Währungshüter haben diesbezüglich einen Währungskorb und Mechanismus definiert, an dem sie sich orientieren wollen.

Investoren müssen sich erst noch daran gewöhnen. Allgemein sind die Märkte sehr unruhig, nicht nur China sondern auch allgemein in den asiatischen Ländern, Lateinamerika und der Westen. Je größer die Abhängigkeit von China, desto unruhiger ist der Markt.

Wie wird es mit der Renminbi-Abwertung weitergehen?

Unsere Prognose ist, dass der Wechselkurs zwischen US-Dollar und Renminbi in drei Monaten bei 1:6,7 und in zwölf Monaten bei 1:6,6 liegen wird. Wir bewegen uns im Moment in einem Schwankungsbereich von plus-minus zwei Prozent und sehen keine größere Abwertung in der nächsten Zukunft.

Damit sich die Märkte stabilisieren können, braucht es ein offizielles Statement der Regierung bezüglich des Renminbi. Wir wissen, dass die Regierung in der Lage ist, die Wirtschaft zu steuern, und auch die finanziellen Möglichkeiten hat. Sie kann auch den Leitzins senken. Was wir nicht wissen, ist, wie weit die Abwertung von Renminbi wirklich geht. Das ist momentan die größte Unsicherheit.

Heinz Rüttimann ist Analyst der Schweizer Privatbank Julius Bär.

Nach Redaktionsschluss teilte die Börse in Shanghai in der Nacht zum Freitag (Ortszeit) mit, dass der "Circuit Breaker"-Schutzmechanismus mit Zustimmung der Börsenaufsicht ab sofort außer Kraft gesetzt ist.

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