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Markenkern

Ich formuliere es ganz neutral: Unlängst hat der Vorsitzende einer deutschen Partei in einer Grundsatzrede den "Markenkern" seiner Partei benannt und ihn ein "Alleinstellungsmerkmal" genannt...

Burkhard Spinnen (Foto privat)

Burkhard Spinnen

Ich wiederhole: Die Partei hat als ihr Alleinstellungsmerkmal einen Markenkern. Nun denken Sie bitte nicht, ich wollte hier Parteipolitik betreiben, indem ich einen bestimmten Politiker eines schrecklichen Sprachpatzers überführe. Nein, zu einem solchen Sprachgebrauch halte ich alle Politiker fähig, egal welcher Partei sie angehören. Ach, und außerdem würde ich erhebliche Schwierigkeiten haben, durch dieses Zitat den Sprecher zu diskreditieren! Denn kaum einer findet ja etwas Schlechtes oder Falsches daran. Tatsächlich ist diese Bemerkung tausendfach zitiert und dabei keineswegs als Skandal gebrandmarkt worden. Für mich aber ist das ein Skandal.

Politik ist keine Ware

Markenkern und Alleinstellungsmerkmal sind Leitvokabeln aus dem Wörterbuch des Produktmarketings. Sie beziehen sich auf den Versuch der Produzenten, bei der Gestaltung, insbesondere aber bei der Präsentation von Waren deren besonderen Charakter zu betonen, um sie so für den Verbraucher unverwechselbar zu machen.

Eine Meise pickt Sonnenblumenkerne auf einem Feld (Foto: AP/Winfried Rothermel)

Markenkern gefunden!

Und natürlich sollten auch politische Parteien etwas haben, das sie unverwechselbar macht. Ihr Eintreten für soziale Belange oder ihr Bekenntnis zur individuellen Freiheit oder ihre ökologische Weltsicht. Aber um Himmels Willen! Das sind dann Grundwerte, Programminhalte oder meinetwegen einfach Charakteristika dieser Parteien, aber doch nicht deren Markenkerne oder Alleinstellungsmerkmale. Denn politische Parteien sind in einer Demokratie nicht mit der Herstellung und dem Vertrieb der Ware Politik, sondern mit der politischen Vertretung der Bürger beauftragt – und dazwischen besteht ein gewaltiger Unterschied.

Politik spricht Wirtschaft

Doch im täglichen Sprachgebrauch der Politiker verwischt sich offenbar dieser Unterschied. Politiker übernehmen Bestandteile des herrschenden Jargons – und das ist nun einmal der Jargon der Wirtschaft. Sicher tun die Politiker das, um zeitgemäß und publikumsnah zu sprechen; aber man trägt nicht fremde Kleider, ohne dass einem etwas von ihrem Besitzer unter die Haut geht. Wer die Sprache eines anderen ausleiht, der übernimmt damit sein Denken; wenn er das nicht schon längst getan hat

Und hier liegt für mich der Skandal. Ich wiederhole es: Politik ist keine Ware, deren Akzeptanz beim Verbraucher durch Marktanalyse, pardon, beim Wähler durch das Politbarometer getestet und dann gegebenenfalls neu designed und relaunched werden sollte. Überzeugungen und soziale Konzepte mögen in Konkurrenz zueinander stehen, aber das heißt noch lange nicht, dass man sie als Konsumartikel ansprechen und damit auch begreifen sollte.

Ich jedenfalls ziehe es vor, mir an politischen Visionen statt an Markenkernen die Zähne auszubeißen.

Autor: Burkhard Spinnen

Redaktion: Petra Lambeck

Burkhard Spinnen, geboren 1956, schreibt Romane, Kurzgeschichten, Glossen und Jugendbücher. Sein Werk wurde vielfach ausgezeichnet. Spinnen ist Vorsitzender der Jury des Ingeborg-Bachmann-Preises. Zuletzt ist sein Kinderbuch "Müller hoch Drei" erschienen (Schöffling).

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