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Kultur

Markaris: Angst bestimmt Griechenland-Wahl

Für die Griechen gilt Deutschland als Sparnation Europas, die Druck auf Athen macht. Wirkt sich das auf die deutsch-griechischen Kulturbeziehungen aus? Und was bringt die Wahl? Der Autor Petros Markaris gibt Antworten.

Kenner der griechisch-deutschen Verhältnisse: Autor Petros Markaris

Petros Markaris

Deutsche Welle: Würden Sie Deutschen derzeit empfehlen, nach Griechenland zu reisen - oder muss man mit Beschimpfungen und Benachteiligung an der Hotelbar rechnen?

Petros Markaris: Wir leben in Zeiten der Übertreibung und all das ist übertrieben. Deutsche Freunde von mir, die nach Kreta gereist sind, sind dort keinem feindlichen Klima begegnet. Es kann sein, dass die Griechen sich von den Deutschen verlassen und enttäuscht fühlen. Es kann auch sein, dass einige protestieren und sich beschweren, dass Deutschland die Griechen abschätzig behandelt. Aber das heißt nicht, dass die Griechen den Deutschen gegenüber aggressiv sind. Ich kann Deutschen guten Gewissens empfehlen, nach Griechenland zu fahren.

Woher kommt diese Wut vieler Griechen auf Deutschland? Es ist sogar schon die deutsche Bundesflagge verbrannt worden. Verstehen die Griechen nicht, dass gespart werden muss?

Es gibt diese Wut, die sich in Griechenland extrem äußert. Aber die Enttäuschung über Deutschland, die treffe ich auch in Spanien und in Italien. Es ist kein speziell griechisches Phänomen.

Wie ist die Stimmung von Griechen in Deutschland: Wie nehmen sie die politische und wirtschaftliche Krise in Griechenland wahr?

Ich reise sehr oft durch Deutschland und bin dabei sehr oft auch mit Griechen zusammen. Griechen in Deutschland haben jetzt eine Art Angst, dass sie sich immer für Griechenland erklären müssen. Das hat eine gewisse Verunsicherung bei ihnen hervorgerufen. Sie glauben, dass sie den Deutschen eine Erklärung schuldig sind für das, was in Griechenland passiert. Was nicht der Fall ist. Die Griechen in Deutschland sind Deutsche mit griechischer Herkunft. Und sie haben sich für das Land ihrer Väter und Mütter nicht zu erklären.

Stehen denn die Griechen in Deutschland der griechischen Politik besonders kritisch gegenüber?

Auf jeden Fall: Die Deutsch-Griechen kritisieren die griechische Regierung und Situation sogar viel schärfer als die Deutschen. Und sie verstehen nicht, warum das Land so schlecht auf die Situation reagiert. Ich werde immer wieder mit der Frage konfrontiert, warum Griechenland nicht das Notwendige tut - diese Frage kommt nicht nur von Deutschen, sondern auch von Deutsch-Griechen. Beide haben wenig Verständnis für das, was in Griechenland passiert.

Es gab ja immer einen regen Kulturaustausch zwischen beiden Ländern, zum Beispiel beim Theater, aber auch in der Literatur: Hat der jetzt gelitten?

Den gibt es immer noch, der hat nicht gelitten, er wurde auch nicht unterbrochen. Zurzeit spielt beispielsweise die Berliner Schaubühne wieder in Griechenland. Und in Berlin gibt es an der Neuköllner Oper die Aufführung "Yasou Aida!". Die Oper wurde von einem griechischen Regisseur inszeniert und wird von griechischen Sängern gespielt. Die ist ein Riesenerfolg. Es trifft nicht zu, dass die kulturellen Beziehungen unter der Krise zwischen Deutschland und Griechenland leiden - ganz im Gegenteil. Es gibt ein solidarisches Verhalten und auch Verständnis bei deutschen Künstlern Griechenland gegenüber.

In Ihrem Buch "Faule Kredite" mit dem Athener Kommissar Kostas Charitos von 2010 werden griechische Banker ermordet. Hat auch Ihr nächster Roman wieder die griechische Euro-Krise zum Thema?

Aber selbstverständlich. In "Zahltag", das im September auf Deutsch erscheint, geht es um einen Mörder, der in Griechenland Steuerhinterzieher umbringt. Außerdem mache ich mir gerade Gedanken zum nächsten Charitos-Roman. Ich habe das Thema, aber ich warte noch das Ergebnis der nächsten Wahlen in Griechenland ab. Der Roman soll bis Weihnachten 2012 auf Griechisch erscheinen.

Frau und Tochter im Wahllokal: Die Abstimmung im Mai hat in Griechenland keine Klarheit gebracht

Die Abstimmung im Mai hat in Griechenland keine Klarheit gebracht

Sind die Wahlen in Griechenland vom 17. Juni 2012 vorerst die letzten?

Wenn ich das wüsste, wäre ich ein glücklicher Mensch. Ich kann aber Folgendes sagen. Zum einen: Bei der vorherigen Wahl vom 6. Mai 2012 hat die Mehrheit der Wähler aus Protest heraus abgestimmt. Darum haben die beiden großen Volksparteien, die konservative Nea Dimokratia und die sozialistische Pasok, so dramatisch verloren und die extremen, kleinen Parteien starke Stimmengewinne gehabt. Mein Eindruck ist, dass bei der nächsten Wahl die Angst die entscheidende Rolle spielen wird. Die Menschen sind verängstigt, sie wollen in der Europäischen Union und in der Euro-Zone bleiben. Die extremen Parteien verfolgen aber zum Teil andere Ziele. Zweitens: Das Land kann sich eine dritte Wahl nicht mehr leisten. Und ich hoffe, dass jetzt durch die Ergebnisse der zweiten Wahl eine Regierung gebildet werden kann. Das Land kann es sich nicht leisten, weiter unregierbar zu bleiben.

Wen sollten die Griechen denn diesmal wählen?

Meine Schwester hat mich vor einigen Tagen angerufen und gesagt: 'Weißt du, ich werde Antonis Samaras (Parteivorsitzender der Nea Dimokratia - die Red.) wählen.' Ich war darüber erstaunt, denn das hat sie noch nie gemacht und habe gefragt wieso. Daraufhin sagte sie: 'Ich werde mir meine Nase zuhalten, um den Gestank nicht zu riechen und für ihn stimmen, weil ich es tun muss. Das Land muss regiert werden.' Das ist ungefähr die Stimmung im Land.

Der griechische Autor Petros Markaris wurde 1937 im türkischen Istanbul geboren und lebt heute in der griechischen Hauptstadt Athen. Mit seinen Romanen über den Athener Kommissar Kostas Charitos, die immer auf aktuelle Entwicklungen in Griechenland eingehen, ist Markaris auch international sehr erfolgreich. Die wirtschaftliche und politische Krise Griechenlands bestimmt auch in den Charitos-Romanen das Geschehen. In Deutschland hat der deutschsprachige Petros Markaris eine große Fan-Gemeinde. Er ist zudem Verfasser von Theaterstücken, Co-Autor des Filmemachers Theo Angelopoulos und Übersetzer mehrerer deutscher Dramatiker, unter anderem von Bertold Brecht und Johann Wolfgang von Goethe.

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