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Afrika

Marikana-Mine: Die Misere bleibt

Der ANC-Parteitag in Südafrika muss sich auch mit den Folgen der blutigen Minenstreiks auseinandersetzen - zum Nutzen mancher Politiker. Die Arbeiter selbst aber leben weiterhin in desolaten Verhältnissen.

Alles fing in Marikana damit an, dass die Minen-Arbeiter vom britischen Platinproduzenten Lonmin mehr Lohn verlangten. Das Gebiet Marikana liegt bei Rustenburg im Nordwesten Südafrikas und ist Teil des sogenannten Platin-Gürtels mit den weltweit größten Vorkommen des wertvollen Edelmetalls. Lonmin wollte nicht auf die Lohn-Forderungen eingehen, es kam zum Streik. Die Stimmung unter den Kumpels wurde zunehmend aggressiver - auch gegeneinander: Rivalisierende Gewerkschaften hetzten ihre Mitglieder mit Speeren und Macheten aufeinander - und gegen die Sicherheitskräfte. Zehn Menschen starben, darunter zwei Polizisten. Nach einer Woche, am 16. August, kam es dann zum Blutbad: Die Polizei schoss in die aufgeheizte Menge und tötete 34 Kumpel.

Sanitäter versorgen Verletzte nach der Marikana-Schießerei (Foto: Reuters)

16. August 2012: Polizisten erschießen 34 Kumpels

Südafrika stand unter Schock, Erinnerungen an die dunkle Zeit des Apartheid-Regimes kamen hoch - unter dem Eindruck der Ereignisse konnten die Arbeiter der Platinmine zwar bis zu 22 Prozent mehr Lohn durchsetzen, grundsätzlich aber hat sich nichts an ihrer desolaten Lebenssituation geändert: Die wenigsten können sich ein Haus leisten, das den Namen verdient. Jeffrey Mphahlele von der Gewerkschaft AMCU beschreibt das typische Zuhause eines Minenarbeiters so: "Es ist ein Raum aus Wellblech. Die Arbeiter schlafen dort, kochen und waschen sich. Und man darf nicht vergessen, dass viele von ihnen Frauen und Kinder haben. Alles wird in einem Raum gemacht! Das ist eine ziemlich schreckliche Situation." Zudem müsse ein Minenarbeiter im Durchschnitt 15 weitere Familienangehörige versorgen.

Unternehmen werden ihrer sozialen Verantwortung nicht gerecht

Südafrikas Rohstoff-Ministerium reguliert den Bergbau, indem es Förder-Lizenzen an Unternehmen wie Lonmin unter bestimmten Bedingungen verkauft. Dazu gehört theoretisch auch ein soziales Entwicklungsprogramm – konkrete, einklagbare Zielvorgaben gibt es aber nicht. Vor elf Jahren gründete der Friedensnobelpreisträger und ehemalige Erzbischof Desmond Tutu die "Bench Marks Foundation": Die Nichtregierungsorganisation untersuchte zwischen 2005 und 2011, ob die Unternehmen im Minensektor Südafrikas ihre soziale Verantwortung auch einhalten. "Die Bergbauunternehmen haben großartige Vorsätze in ihren jährlichen Berichten. Sie versprechen, Häuser zu bauen und die Lebensbedingungen zu verbessern", sagt David van Wyk, der die Untersuchungen leitete. Tatsächlich fand die Stiftung laut van Wyk aber "nur sehr wenige Beweise dafür, dass diese sozialen Entwicklungspläne auch wirklich umgesetzt werden."

Kinder in Marikana spielen im Müll (Foto: Reuters))

Alltag in Marikana: Über Tage der Müll - unter Tage das Platin.

Vergangenes Jahr verkaufte Lonmin zwar 176 Häuser an Angestellte, verbesserte 26 Wohnheime und rüstete 64 Häuser auf. Zudem gewährt es seinen Arbeitern einen Mietzuschuss. Trotzdem lebt von Lonmins 28.000 Arbeitern immer noch mehr als die Hälfte in erbärmlichen Wellblech-Hütten in illegalen Siedlungen. Die sind nur teilweise ans Stromnetz angeschlossen – lediglich jede dritte oder vierte Hütte verfügt über einen eigenen Wasserhahn im Vorhof. Weil trotzdem immer mehr Hütten dazu kommen, brechen die Abwassersysteme zusammen. Die Kloake steht in den Flussbetten und ist zum idealen Brutherd für die Überträger der Bilharziose geworden, einer Krankheit durch Wurmbefall, die nicht selten tödlich endet. In der Region Zentralafrika gibt es die Bilharziose zwar schon länger – im südafrikanischen Rustenburg aber brach sie erst vor einigen Jahren aus.

Beunruhigend ist außerdem die hohe Anzahl an AIDS-Kranken in Rustenburg, eine der höchsten des Landes, und die Prostitution: Weil Frauen in den Minen-Unternehmen kaum Jobs bekommen, verkaufen sie ihren Körper. Hinzu kommen die giftigen Dämpfe der Schwefel- und Kohlendioxidemissionen aus den Schmelzöfen und Aufbereitungsanlagen. Heimische Ärzte schätzen den Anstieg von Lungenerkrankungen im vergangenen Jahrzehnt auf bis zu 80 Prozent.

Politiker profilieren sich auf Kosten der Arbeiter

Dabei ist der Bergbau ein profitables Geschäft: Im vergangenen Jahr verdiente Lonmin rund 235 Millionen Euro. Davon gab das Unternehmen etwa 6,8 Millionen Euro für soziale Programme aus. Aber das reicht offensichtlich nicht aus. Auch der Staat wäre in der Pflicht. Aber die Regierung unter Staatspräsident Jacob Zuma ist vor allem mit sich selbst beschäftigt. Mehr noch: Politiker des regierenden ANC (African People Congress) nutzen die Misere der Arbeiter, um sich politisch zu profilieren und predigen Wasser, während sie selbst Wein trinken.

Vor Gericht: Julius Malema (Foto: AP Photo/Themba Hadebe)

Vor Gericht: Julius Malema

Etwa der geschasste Präsident des ANC-Jugendverbandes, Julius Malema: Er hatte die Streikenden der Marikana-Mine zum Weitermachen angetrieben und sich als Anwalt der Entrechteten inszeniert. In seiner Heimatprovinz muss er sich dagegen vor Gericht wegen mutmaßlicher Bereicherung an öffentlichen Aufträgen und Geldwäsche verantworten. Auch die großen Gewerkschaften haben nicht nur die Rechte ihrer Mitglieder im Auge: Die Nationale Bergarbeiter-Union (NUM) etwa soll Mitbesitzer einer Bank sein, die Arbeitern Kleinkredite für horrende Zinsen vergibt.

Hinzu kommt, dass Korruption und Vetternwirtschaft in Südafrika tief verankert sind. "Politiker und hohe Funktionäre, die eigentlich dem Volk dienen sollten, sitzen zugleich im Vorstand großer Bergbau-Unternehmen - oder sind sogar selbst Anteilseigner", erklärt David van Wyk von der Bench Marks Foundation. Zu sehen ist dieser Interessenkonflikt etwa bei ANC-Schwergewicht Cyril Ramaphosa, den ausländische Investoren gerne als Nachfolger Jacob Zumas sähen. Ramaphosa galt als Held im Kampf gegen das Apartheid-Regime und führte 1987 den größten Streik in der Geschichte des südafrikanischen Bergbaus an. Inzwischen ist er selbst Unternehmer. Er war es, der Innenministerin Nathi Mthethwa und Regierungsmitglieder dazu riet, entschieden gegen die gewaltbereiten streikenden Kumpels von Marikana vorzugehen. Cyril Ramaphosas' Unternehmen gehören neun Prozent von Lonmin, dort sitzt er auch im Aufsichtsrat.

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