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Alltagsdeutsch – Podcast

Marie Marcks

Die Zeichnungen von Marie Marcks thematisieren politische Themen wie Gleichberechtigung und waren in den 70er kaum aus Zeitungen wegzudenken. Marie Marcks selbst zog fünf Kinder groß – ohne die Hilfe ihres Mannes.

Sprecherin:
Die Frauen laufen nicht, sie rennen - mit fliegenden Einkaufstaschen, aus denen oben schon das Gemüse herausquillt. In der Mitte der Karikatur leuchtet eine grellrosa Uhr: "Arbeitszeitverkürzung" heißt dieses Plakat für eine Fachtagung der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft von 1988. Marie Marcks hat damit nicht zuletzt sich selbst gezeichnet. Denn die Karikaturistin hat neben ihrer Arbeit noch fünf Kinder großgezogen - die meiste Zeit allein.

Marie Marcks:
"Ich habe neulich mal einen Zeitplan gefunden, da habe ich versucht, der wegrennenden Zeit auf die Schliche zu kommen, es war also kein Tag unter 17 Stunden, 16, das war dann schon mal wenig. Und was ich wirklich am Zeichentisch verbracht habe, das waren davon maximal drei Stunden. Alles andere war, eben 'ne Familie versorgen."

Sprecherin:
Ein Zeitplan kann ganz nützlich sein, wenn man herausfinden will, wo die Zeit eigentlich bleibt. Marie Marcks wollte damit der wegrennenden Zeit auf die Schliche kommen.

Sprecher:
Die Redewendung jemandem auf die Schliche kommen stammt wahrscheinlich aus der Jägersprache. Ein Jäger macht sich mit den Wildwechseln, also den Wegen des Wildes vertraut, bevor er auf die Jagd geht. Er muss die Schleichwege der Tiere kennen, um sie abpassen zu können. Einem Menschen will man natürlich nicht gleich mit dem Gewehr auflauern; manchmal ist es jedoch ratsam herauszufinden, was beispielsweise ein Geschäftspartner oder Kollege im Geheimen treibt. Durchschaut man die wahren Absichten des anderen, kann man sein eigenes Handeln darauf einstellen: Man kommt dem anderen auf die Schliche, oder - wie man auch sagen könnte - man kommt hinter jemandes Schliche.

Sprecherin:
Wie Marie Marcks anhand ihres Zeitplans feststellte, nahmen Hausarbeit und Kindererziehung den Großteil ihrer Zeit in Anspruch. Ihr Mann hat ihr dabei nicht geholfen.

Marie Marcks:
"Ich bin zum Beispiel überhaupt nicht auf die Idee gekommen, meinen Mann damals irgendwie zu belämmern, den nachts zu wecken, der soll sich um das schreiende Kind kümmern. Das war mein Job, nicht. Und wir sind auch gar nicht auf die Idee gekommen, die Männer einzuspannen. Das ist heute ganz anders, ne."

Sprecher:
Das schöne Wort belämmern kommt von "belemmeren" und stammt aus dem Niederdeutschen. Gemeint ist damit, dass man jemanden mit etwas belästigt. In diesem Fall ging es um Kindererziehung und Hausarbeit; als ihre Kinder noch klein waren, konnte sich Marie Marcks gar nicht vorstellen, ihren Mann um Mithilfe zu bitten und ihn mit der Hausarbeit zu belämmern.

Sprecherin:
Die Rollenverteilung war damals ganz klar: Kinder und Haushalt waren Frauensache. Und es war nicht daran zu denken, einen Mann dafür einzuspannen.

Sprecher:
Wenn der Kutscher Pferde vor den Wagen spannt, dann müssen sie laufen, wohin er will. Wenn ich einen Menschen für meine Ziele einspanne, dann lasse ich ihn für einen von mir bestimmten Zweck arbeiten, also erwarte, dass er oder sie sich meinen Zielen unterordnet.

Sprecherin:
Marie Marcks wäre wahrscheinlich schon zufrieden gewesen, wenn ihr Mann einfach ein bisschen mitgeholfen hätte. So hatte sie die ganze Arbeit allein am Hals. Neben der Hausarbeit war auch die Schule ein Thema, denn ihre Kinder waren nun mal keine Musterschüler, und Mutter Marcks musste immer wieder in die Schule laufen und die Lehrer beschwichtigen. Stand eine Reform in der Schule an, wurde sie allerdings nicht gefragt, wie die Karikaturistin sich erinnert:

Marie Marcks:
"Das war halt immer über die Köpfe der Schüler und Mütter hinweg, immer, nicht, und wir mussten es ausbaden, nicht. Wie es ja heute immer noch so ist."

Sprecher:
Der Ausdruck etwas ausbaden geht auf eine alte Badetradition zurück: Im öffentlichen Bad musste der letzte Badegast das Badewasser ausgießen und das Bad säubern. Das war natürlich ein bisschen ungerecht, denn schließlich hatten vorher schon andere das Bad benutzt. Der letzte Gast musste also nicht nur seinen eigenen, sondern vor allem auch fremden Schmutz beseitigen. Ähnlich erging es Marie Marcks mit den Schulreformen. Für diese Reformen waren Politiker und Direktoren verantwortlich, doch die Leidtragenden waren die Mütter und die Schüler. Sie mussten für die Fehlentscheidungen anderer büßen oder mit anderen Worten: Sie mussten ausbaden, was andere angerichtet hatten.

Sprecherin:
Die Karikaturistin macht keinen Hehl daraus, wie schwer ihr die Zeit gefallen ist, als sie neben der Arbeit noch fünf Kinder großgezogen hat. Anzusehen sind ihr diese Jahre nicht: Mit ihren kurzgeschnittenen weißen Haaren, der bequemen Hose und den flachen Halbschuhen macht sie einen erstaunlich jungen und sportlichen Eindruck. Die Karikaturistin war schon Anfang 50, als sie für die linke Zeitung "Atomzeitalter" zu zeichnen begann.

Marie Marcks:
"Ich sollte eigentlich nur Vignetten machen. Und das war dann mir zu doof, und dann habe ich auf eigene Faust mich ausprobiert mit Karikaturen."

Sprecher:
Hände stehen als Körperteil für Initiative und Handlungsfähigkeit, mit ihnen packen wir die Dinge an. Wenn wir etwas in die Hand nehmen, dann heißt das im übertragenen Sinne auch, dass wir uns um diese Angelegenheit kümmern. Die Verantwortung für diese Angelegenheit liegt dann in unseren Händen, wie man auch sagen könnte. Mit der Faust, also der geballten Hand, ist das ähnlich: Wer etwas auf eigene Faust tut, der handelt selbstständig und auf eigene Verantwortung.

Sprecherin:
Marie Marcks hat auf eigene Faust angefangen, Karikaturen zu zeichnen. An Karriere war damals allerdings nicht zu denken, denn die Künstlerin arbeitete ausschließlich bei sich zu Hause in Heidelberg. Und in einer Zeit, in der Zeichnungen noch nicht bequem per Fax oder Internet verschickt werden konnten, sondern noch von Tür zu Tür getragen werden mussten, war das ein großer Nachteil.

Marie Marcks:
"Ich hab' eigentlich immer die längerfristigen Themen mir rausgesucht, ganz einfach deswegen, weil ich einen Tag im Hintertreffen war: Ich lebte in Heidelberg, tue es heute noch, und meine Kollegen waren alle vor Ort in München, die brauchten bloß anzutelefonieren, und dann wurde die Zeichnung abgeholt, also die waren immer einen Tag im voraus. Und 'ne politische Zeichnung, die muss ja immer brandneu sein. Und da flog ich eben ein paar Mal auf die Nase, weil es einen Tag zu spät war. Die Entwicklung hatte sich anders entwickelt, als ich gedacht hatte, oder es hat mir einer vor mir weggezeichnet oder so, das passiert einem dann, nicht."

Sprecherin:
Anders als ihre Kollegen in München konnte Marie Marcks ihre Zeichnungen nicht direkt von zu Hause abholen lassen, sondern musste sie erst auf dem Postwege von Heidelberg nach München schicken. Damit war sie einen Tag im Hintertreffen.

Sprecher:
Das Hintertreffen ist ein Begriff aus der Militärsprache; gemeint ist damit die Reservetruppe, die nicht am Kampf beteiligt war und darum im Falle des Sieges auch keinen Anteil an der Kriegsbeute hatte. Wer ins Hintertreffen geriet, war darum gegenüber den kämpfenden Soldaten im Nachteil - zumindest, was die Beute betraf.

Sprecherin:
Marie Marcks geriet ins Hintertreffen, weil ihre Zeichnungen nicht mehr brandneu waren. Das hat allerdings nichts mit einem Feuer zu tun, wie man vielleicht denken könnte.

Sprecher:
Brandneu
ist eine wortwörtliche Übersetzung aus dem Englischen beziehungsweise Amerikanischen: "brandnew" heißt das Originalwort. Gemeint ist damit ganz neu oder nagelneu, wie man umgangssprachlich auch sagen könnte. In diesem Fall geht es um eine Zeichnung, die tagesaktuell sein muss. Da Marie Marcks nicht immer tagesaktuell sein konnte, flog sie einige Male auf die Nase mit einer Zeichnung, das heißt, sie scheiterte und konnte ihre Zeichnung nicht mehr verkaufen.

Marie Marcks:
"Und dann hab' ich mir halt die Themen genommen, die latent immer kochten: Rüstung, Abrüstungssachen, das geht ja nicht von einem zum anderen Tag, Neo-Nazismus, also diese Problematik gab's damals genauso wie heute, ja, also das weiß ich einfach, wenn ich meine alten Zeichnungen angucke."

Sprecher:
Wenn wir kochen hören, denken wir zuerst ans Essen. Kochen kann aber auch ein emotionaler Begriff sein: Man kann beispielsweise kochen vor Wut. Dann gerät das Blut so in Wallung wie das Wasser im Kochtopf. Aber auch ein Thema kann kochen; das bedeutet dann, dass es im Gespräch ist und die Menschen bewegt.

Sprecherin:
Obwohl Marie Marcks vom Wohnort her im Nachteil war, wurden nach und nach auch die überregionalen Zeitungen auf sie aufmerksam: Für die auflagenstarke Süddeutsche Zeitung zeichnete sie den Wirtschaftswunderkanzler Erhard als dickbauchige, geblümte Kaffeekanne, der charakteristische Kopf mit Zigarre im Mund thront als Kannendeckel obendrauf. Marie Marcks hatte Erfolg, aber das hieß noch lange nicht, dass sie die gleichen Möglichkeiten hatte wie ihre männlichen Kollegen:

Marie Marcks:
"Als Frau wurde mir manches nicht zugebilligt, was einem Mann zugebilligt wurde, ja. Also das ist ganz eindeutig. Die Gesellschaftspolitik meinetwegen, ja, aber in die hohe Politik wollten sie da sich nicht reinpfuschen lassen."

Sprecher:
Jemandem in die Arbeit oder ins Handwerk pfuschen
heißt, in ein Fachgebiet einzudringen, von dem man nichts versteht. Die Redewendung geht auf das Zunftgewerbe zurück: In Deutschland sind die Handwerker traditionell in Handwerkerverbänden, den sogenannten Zünften, organisiert. Sie legen die Ausbildungsstandards fest und betrachten sich als die wahren Vertreter ihres Berufsstandes. Ein Handwerker, der nicht der Zunft angehörte, wurde als Eindringling betrachtet. Er tat etwas, wozu er im Sinne der Zunft nicht richtig ausgebildet war; er arbeitete schlecht und unsorgfältig, er pfuschte den anderen ins Handwerk. Marie Marcks war so ein Eindringling für ihre männlichen Kollegen; Politik, so glaubten diese, sei Männersache, eine Frau hatte dazu nichts zu sagen. Die Männer ließen sich da nicht hineinpfuschen.

Sprecherin:
Immer wieder hat Marie Marcks auch ihren Frauenalltag thematisiert: Da ist zum Beispiel der Mann, der sich mitten im häuslichen Chaos im Sessel räkelt und über den Zeitungsrand fragen: "Kann ich was helfen?" Die männlichen Kollegen hätten solche Zeichnungen lieber auf der Witzseite gesehen als im politischen Ressort.

Marie Marcks:
"Ich habe vieles als politisch thematisiert, was Männer nicht als politisch erkennen oder erkennen wollen. Weil sie denken, das ist Pipifax. Das sind Peanuts, ja; was sagt schon 'ne Ganzheitsmethode, das geht Sie ja gar nichts an, ja. Damals jedenfalls war es so, wo sie sich noch nicht an der Erziehung beteiligten, ne."

Sprecher:
Peanuts
, also Erdnüsse, sind nicht besonders wertvoll. "Das sind Peanuts", sagt man deshalb beispielsweise, wenn es um sehr geringe Geldbeträge geht. Pipifax ist Kinderkram, etwas, das nicht besonders ernst zu nehmen ist. Aus Sicht der männlichen Karikaturisten war das, womit sich Marie Marcks beschäftigt hat, Pipifax. Eben die ganz alltäglichen Probleme, mit denen eine Frau zu tun hat.

Sprecherin:
Die Frauenbewegung klatschte Marie Marcks dagegen begeistert Beifall - die Karikaturistin rechnet sich allerdings trotzdem nicht dazu.

Marie Marcks:
"Ich hab mit der eigentlich nie was zu tun gehabt, insofern weil ich eigentlich schon viel zu alt für die war. Die haben immer gedacht, ich bin so alt wie die, 30, aber ich war in Wirklichkeit 50, Anfang 50, nicht. Das haben die aber nie gemerkt, solange die mich nicht vor Augen hatten, nicht."

Sprecherin:
Marie Marcks hat sich schon für Frauenthemen engagiert, als es noch gar keine Frauenbewegung gab. Aber Frauenbewegung hin oder her - letztlich haben alle engagierten Frauen ihren Teil dazu beigetragen, dass es mehr Gleichberechtigung gibt. Und da gibt es bis heute viel zu tun, sagt Marie Marcks.

Marie Marcks:
"Es hat sich nichts daran geändert, dass die Spitzenpositionen weitgehendst in Männerhand sind, nicht, also da sitzen die Männer drauf und lassen auch niemanden rauf, nicht. Also es gibt immer Ausnahmen, die Ausnahmen sind etwas häufiger als früher, aber es ist wirklich keine wirkliche Veränderung. Da hat sich nicht viel geändert, aber im Kleinen hat sich viel geändert. Und das ist eben doch: Steter Tropfen höhlt den Stein, denke ich doch, ein 30-jähriges Engagement von Journalistinnen, von Filmemacherinnen, von mir als Karikaturistin. Das war, von vielen Seiten wurde das sozusagen in Angriff genommen, das Thema."

Sprecherin:
Jahrzehntelang haben sich Journalistinnen, Filmemacherinnen und so weiter für die Rechte der Frauen eingesetzt. Sie haben das Thema Gleichberechtigung in Angriff genommen.

Sprecher:
Die Wendung etwas in Angriff nehmen bezog sich ursprünglich auf eine militärische Auseinandersetzung. Heute ist damit etwas ganz anderes gemeint, nämlich dass man eine eher unangenehme Angelegenheit regelt oder in die Hand nimmt, wie man auch sagen könnte. Die Frauen, die das Thema Gleichberechtigung in Angriff nahmen, stürzten sich demnach nicht gleich in den Kampf mit Männern, sondern sie setzten sich mitunter ganz friedlich für die Rechte der Frauen ein. Für Marie Marcks sind diese Frauen wie viele Tropfen, die auf einen Stein fallen. Ein Tropfen allein kann gegen den harten Stein nichts ausrichten; wenn aber über einen längeren Zeitraum hinweg immer wieder ein Tropfen auf den Stein fällt, dann wird er am Ende doch ausgehöhlt. Die Beharrlichkeit der Frauen hat sich gelohnt - mit anderen Worten: Steter Tropfen höhlt den Stein.
Sprecherin:
Vielleicht sind unsere Sprachbeiträge für Sie ja auch so ein steter Tropfen, der den Stein höhlt - beziehungsweise Ihre Sprachkenntnisse erweitert. Und wenn Ihnen demnächst mal ein Buch mit Zeichnungen von Marie Marcks in die Hand fallen sollte - ich garantiere Ihnen, Sie werden sich bestens amüsieren.


Fragen zum Text

Was bedeutet die Redewendung jemandem auf die Schliche kommen?
1. man holt jemandem beim Wettlauf ein
2. man versteht jemanden nicht
3. man erkennt die wahren Absichten von jemandem

Weshalb geriet Marie Marcks als Journalistin oft ins Hintertreffen?
1. weil sie nur mit Wasserfarben zeichnete und die Farbe schlecht trocknete
2. weil sie ihre Zeichnungen per Post schicken musste und sie einen Tag später ankamen
3. weil sie sich immer vermalte und die Zeichnungen dadurch schlecht wurden

Was bedeutet die Redewendung etwas in Angriff nehmen?
1. einen Arbeitsauftrag ignorieren
2. eine unangenehme Angelegenheit regeln
3. eine Arbeit des Konkurrenten manipulieren


Arbeitsauftrag
Besonders Politiker werden häufig karikiert. So wie Marie Marcks den Bundeskanzler Erhard als bauchige Kaffeekanne darstellt, so zeichnen auch andere Karikaturisten die Eigenheiten andere Politiker. Fallen Ihnen Politiker ein, von denen typische Merkmale karikiert werden?

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