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Politik & Gesellschaft

Margot Honeckers Blick zurück

Eine Flucht aus der DDR über die Mauer war Dummheit, die "Wende" eine Konterrevolution und Gorbatschow ein Schwätzer: Nach langem Schweigen rechnet die 84-jährige Honecker-Witwe mit dem Klassenfeind ab.

Viele Journalisten haben in den vergangenen Jahren die Reise nach Chile zu Margot Honeckers Alterssitz vergeblich angetreten. Die Frau des früheren DDR-Staats- und Parteichefs bespritzte sie höchstens mit dem Gartenschlauch oder warf ihnen im Vorbeigehen ein paar höhnische Worte zu. Doch jüngst hat die frühere DDR-Volksbildungsministerin ihre Sicht auf das Bildungswesen des ostdeutschen Staates sowie die letzten Tagebuchaufzeichnungen ihres Mannes in Buchform veröffentlichen lassen. Und vor kurzem hat sie dem Dokumentarfilmer Eric Friedler ein längeres Interview gegeben.

In dem 90-minütigen TV-Film "Der Sturz - Honeckers Ende", den am Montag (02.04.2012) im deutschen Fernsehen mehr als vier  Millionen Zuschauer sahen, verteidigt Erich Honeckers Witwe den "Arbeiter- und Bauernstaat". Die DDR sei kein Verbrecherstaat gewesen. Zu den an der innerdeutschen Mauer erschossenen Flüchtlingen sagt sie: "Es lässt einen nicht ruhig, wenn ein junger Mensch auf diese Weise ums Leben kommt. Denn das brauchte ja nicht sein. Der brauchte ja nicht über die Mauer zu klettern. Diese Dummheit mit dem Leben zu bezahlen, das ist schon bitter, vor allem auch für die Mütter, die das betrifft."

"Kriminelle geben sich als politische Opfer aus"

Zu politischen Gefangenen in der DDR sagt Margot Honecker: "Die kriminell gewesen sind, die geben sich heute als politische Opfer aus. Also, die politischen Opfer, wenn die antreten müssten, das wären sicherlich sehr wenige, die sich als Opfer bezeichnen könnten. Dass es politische Gegner in der DDR gab, und dass Leute, die dem Sozialismus geschadet haben, der Wirtschaft, die dem Volk gehörte, dass die Prozesse bekommen haben und dass auch welche eingesperrt wurden, na sicher, das gab es alles. Aber das ist doch normal. Dafür muss sich doch keiner entschuldigen."

Die verbreiteste Reaktion in Deutschland auf das Interview ist Kopfschütteln. Die meisten haben von der allgemein als starrsinnige Hardlinerin beschriebenen Honecker-Gattin kaum etwas anderes erwartet. Doch Betroffene sind hellauf empört. Sie kommen auch in der TV-Dokumentation zu Wort. So verschlägt es in dem Film einer Frau fast die Sprache, die einst wegen versuchter Republikflucht ins Gefängnis kam und deren Sohn danach vom Staat zur Adoption freigegeben wurde: "Was ist das für eine Frau?", fragt sich die Zeitzeugin. Das könne doch nicht wahr sein. "Es ist empörend, es macht einen wütend, unglaublich."

Dann kam die Konterrevolution

Zwangsadoptionen habe es in der DDR nicht gegeben, behauptet hingegen Margot Honecker, die ehemalige Bildungsministerin - im Wissen, dass ihr selbst bisher keine strafrechtliche Verantwortung nachzuweisen war.

 

Der sowjetische Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow wird nach seiner Ankunft zu den Feierlichkeiten zum 40jährigen Staatsjubiläum der DDR am 7. Oktober 1989 in Ost-Berlin von dem Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker mit dem traditionellen Bruderkuss willkommen geheißen. Foto: Wolfgang Kumm (dpa)

Vom Bruderkuss zur Aversion

Im Interview beschreibt Margot Honecker, die seit 1992 in Santiago de Chile lebt und 1500 Euro staatliche Rente aus Deutschland erhält, erstmals auch den Abend im Oktober 1989, an dem in Ost-Berlin der 40. Jahrestag der DDR gefeiert wurde. Während eines Fackelzuges hatten Jugendliche dem sowjetischen Gast Michail Gorbatschow zugejubelt, während Erich Honecker mit erstarrter Miene daneben stand. "Wir sind dann zurückgefahren ziemlich schweigend. Ich hatte nicht das Bedürfnis zu sagen, wie ich das empfunden habe. Ich wollte ihn auch nicht noch belasten. Und er wollte Ruhe haben. Dann kam, wie gesagt, was kommen musste."

Ihr Mann habe sehr bald nicht mehr die Illusion gehabt, dass noch etwas zu retten gewesen wäre. Aus seiner Sicht sei es "kein Volksaufbegehren, sondern eine Konterrevolution" gewesen. Zu Gorbatschow meint die Honecker-Witwe, von ihm habe sie nichts erwartet: "Er war ja verantwortlich für dieses Szenario. Der Mann hat so viel zusammengelogen. Ich hatte eine Aversion gegen ihn. Mir gefiel dieses Geschwätz nicht, dieses Herumeiern, mal so mal so."

"Sollen sich doch die anderen entschuldigen"

Die TV-Dokumentation rekonstruiert noch einmal die Tage der Honeckers in der Nachwende-DDR. Nach Krankenhaus und Inhaftierung stand der einst mächtigste Mann der DDR, und mit ihm seine Frau, Ende Januar 1990 plötzlich ohne Bleibe auf der Straße: Nicht die Genossen halfen, sondern ein Pfarrer bot Unterkunft. Die Honeckers hätten noch Glück gehabt, sagt in der Dokumentation der einstige sowjetische Außenminister Eduard Schewardnadse: Ceauşescu sei in Rumänien kurzerhand hingerichtet worden und auch in der Sowjetunion habe man Kranke "erst gar nicht verhaftet, sondern sofort erschossen".

Was das endgültige Urteil über die DDR angeht, vertraut Margot Honecker auf die Geschichte. Sie sei immer mehr der Meinung, "dass wir da ein Korn in die Erde gelegt haben, da wird der Samen aufgehen". Es sei nicht umsonst gewesen, dass die DDR existiert habe, denn "man wird darauf zurückkommen, vor allem auch in Deutschland."

Die ganze Rederei über die marode DDR-Wirtschaft sei nicht wahr, man habe noch große Veränderungen vornehmen wollen, aber dazu habe die Zeit gefehlt. Das eigentliche Unrecht in der Welt sei, dass immer noch Menschen ausgebeutet würden und in Kriegen und Bomben umkämen: "Sollen sich doch die anderen entschuldigen", fordert die greise Honecker-Witwe.