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Amerika

Maradona und die Angst vor dem Undenkbaren

Nach einer 1:3-Niederlage gegen den Erzrivalen Brasilien versinkt die argentinische Fußballseele in Trauer. Die Zukunft von Trainer Diego Maradona ist ungewiss.

Der Argentinier Sergio Aguero im Zweikampf mit dem Brasilianer Luisao (Foto: AP)

Es war ein Bild des Jammers: Diego Maradona stand am Spielfeldrand und wusste gar nicht mehr wohin mit der ganzen Enttäuschung. Verzweifelt verdrehte der Mann, der angetreten war, den argentinischen Fußball wieder an die Weltspitze zu führen, immer wieder die Augen. Fingernägelkauend und ängstlich verfolgte "El Diez" das traurige Geschehen auf dem grünen Rasen des Stadions "Gigante de Arroyito" in Rosario. Am Ende der aus argentinischer Sicht so bitteren 90 Minuten stand eine historische Niederlage: Erstmals in der Geschichte einer WM-Qualifikation hat Argentinien ein Heimspiel gegen den Erzrivalen Brasilien verloren. Mit 1:3 (0:2) zogen die "Albiceleste" den Kürzen und tauchten das ganze Land in eine Stimmung, die so grau ist wie der argentinische Winter.

Verheerende Bilanz

Diego Maradona (Foto: AP)

(Noch) Trainer: Maradona

Am Tag danach herrscht Weltuntergangsstimmung in der heimischen Presse: "Gigantische Enttäuschung" urteilt das Blatt "Cronica" und zeigt einen völlig zerknirschten Diego Maradona auf der Titelseite. Kaum eine Zeitung, die nicht mit einem Foto der entsetzten Fußball-Legende aufmacht. Dessen sportliche Bilanz ist verheerend: Dem 1:6-Debakel in Bolivien, der 0:2-Schlappe in Ecuador und der bitteren Heimniederlage gegen Brasilien stehen gerade einmal die beiden Pflichtsiege gegen Venezuela (4:0) und Kolumbien (1:0) gegenüber. Viel zu wenig für einen Weltstar. Über seine Zukunft spekulieren nicht nur die Medien bereits heftig, auch in den Cafes in Buenos Aires kennen die Menschen kein anderes Gesprächsthema.

Dabei hatten die Gastgeber so sehr auf eine Wende gehofft: Hunderte Fans campierten bereits in der Nacht vor dem "Gran Classico" auf dem Platz vor der Arena, um noch eines der letzten Tickets zu ergattern. Die Polizei musste sogar die Kartenhäuschen bewachen, um einen reibungslosen Verkauf der Tickets zu garantieren. Ausgerechnet Maradona hatte die Partie in die rund drei Autostunden von Buenos Aires entfernte Stadt verlegen lassen, in der Hoffnung, dass die Atmosphäre dem Gegner Respekt einflößt. Mit Spruchbändern bedankten sich die Fans in Rosario für diese Wahl: "Gott wählte diesen Platz", hieß es auf einem der vielen Plakate. Der Weltmeister von 1986 hatte zuvor seine Schützlinge gar in eine Kapelle gebeten - göttlicher Beistand sollte helfen.

Argentinien mit Rücken zur Wand

Schon am Mittwoch droht bei einer neuerlichen Niederlage in Paraguay der Sturz aus den Qualifikationsrängen zur WM 2010 in Südafrika. Ein schier undenkbares Horrorszenario wird langsam immer wahrscheinlicher: Eine Weltmeisterschaft ohne Argentinien. Eine Blitzumfrage der Tageszeitung "Clarin" machte deutlich, wie es um die Gemütslage der "Gauchos" steht: Immerhin 70 Prozent glauben nicht mehr an eine direkte Qualifikation. Maradona flüchtet sich in Durchhalteparolen: "Wir dürfen jetzt nur noch an Mittwoch und Paraguay denken."

Der Brasilianer Kaka im Zweikampf mit dem Argentinier Javier Mascherano (Foto: AP)

Der Brasilianer Kaka im harten Zweikampf mit dem Argentinier Javier Mascherano



All diese Sorgen teilt Maradonas Gegenüber Carlos Dunga nicht mehr: Der brasilianische Coach, der in der Bundesliga einst für den VfB Stuttgart spielte, hat seine Mannschaft auch ohne die alternden Stars Ronaldo und Ronaldinho auf Erfolgskurs getrimmt. Mit nun 30 Punkten hat die Selecao vorzeitig und als erstes südamerikanisches Team die Tickets für Südafrika gelöst.

Brasilien trat in Rosario auf wie ein abgeklärtes Spitzenteam: Gut organisiert, diszipliniert und im entscheidenden Moment eiskalt. Mit frühen Toren von Luisao (24.) und Luis Fabiano (30.) stellte der fünfmalige Weltmeister schon frühzeitig die Weichen auf Sieg. Als nach dem Anschlusstreffer von Jesus Datolo (65.) die Hoffnung auf eine Aufholjagd neu entflammte, war Brasilien nur zwei Minuten später erneut durch Luis Fabiano mit dem 3:1 zur Stelle.

Entsprechend gelöst präsentierte sich ein gut gelaunter Dunga anschließend der Presse: Die technische Qualität unseres Teams war entscheidend", lobte Dunga. Und das Urteil des überragenden Kaká kann man auch als schallende Ohrfeige für das fehlende argentinische Konzept deuten: "Wir haben mit Intelligenz gespielt."

Autor: Tobias Käufer, z. Zt. Rosario
Redaktion: Christian Walz