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Kultur

Mao ist immer noch allgegenwärtig

Eben noch feierte China den 110. Geburtstag von Mao Tsetung, dem Revolutionsführer. Nun wird der Schutz des Privateigentums in der Verfassung festgeschrieben. Kommunismus und Kapitalismus - für China kein Widerspruch.

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Der Handel mit Mao-Devotionalien blüht

Das wahre Land der unbegrenzten Möglichkeiten wird auch im Jahr 2004 die Volksrepublik China sein. Während Europa Weihnachten feierte, feierte man im Reich der Mitte Mao Tsetungs 110. Geburtstag am 26. Dezember 2003 mit Festen, Filmen, Büchern, Nippes und Gala-Events - um dann zwei Tage später einen Volkskongress anzukündigen, auf dem der Schutz des Privateigentums in der Verfassung festgeschrieben werden soll.

Im März 2004 soll es soweit sein: Die "Theorie der drei Vertretungen" des auch nach seinem Rückzug vor einem Jahr immer noch starken Mannes, Jiang Zemin, wird Verfassungsrang erhalten. Zemin hatte die Privatwirtschaft ideologisch mit dem Prädikat "fortschrittliche Produktionskräfte" geadelt, der Weg zur offiziellen Anerkennung von Privateigentum war damit endgültig frei.

Was nicht passt, wird passend gemacht

Nationalfeiertag in China

Mao-Porträt auf der Tribüne für den Nationalfeiertag am 1.Oktober 2003

In derselben Verfassung steht auch das revolutionäre Gedankengut von Mao Tsetung. In China geht das offensichtlich zusammen. Hat zumindest die kommunistische Partei so beschlossen. Mao, einst ungeliebter Revolutionär, ist auf einmal wieder in - wobei seine politischen Kampagnen und Rachefeldzüge unter den Teppich gekehrt werden. "Die Größe des Genossen Mao Tse-tung, seine glorreichen Gedanken, großen Leistungen und sein herausragendes Charisma beeinflussen weiterhin Generation um Generation", schrieb die KP-Zeitung "Renmin Ribao" in einem Kommentar - der allerdings erst auf der vierten Seite gedruckt wurde.

Mao und Markt - viele Menschen in dem Milliardenreich kommen da mental nicht immer mit. Vor zwei Jahren berichtete die Heidelberger Sinologin Susanne Weigelin-Schwiedrzik der Deutschen Welle, "dass in einer kleinen Stadt in China sich eine große Gruppe von Menschen in den Selbstmord begeben hat". Mit der Begründung, "dass sie eben glauben, dass Mao Zedong im Jenseits ein wirklich perfektes sozialistisches Land aufgebaut habe. Und dass das Leben in diesem perfekten, allerdings im Jenseits befindlichen sozialistischen Land doch wesentlich schöner sei als das Leben in einem Land, das wie China jetzt nun gerade versucht, die Marktwirtschaft einzuführen."

Millionen Menschenleben auf dem Gewissen

Nun wird Mao wieder hervorgeholt. Dabei war Maos Reich zu Lebzeiten des "großen Vorsitzenden" für die meisten Menschen kein angenehmer Ort. Mit gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Experimenten im brachialen Hau-Ruck-Verfahren ruinierte der weise Mao Chinas Landwirtschaft 1958/59 innerhalb kürzester Zeit. Weit über 20 Millionen Menschen sind danach elendig verhungert. Als sein Einfluss zu sinken drohte, inszenierte er 1966 ebenso plötzlich die "Kulturrevolution", in deren Verlauf wieder Millionen ums Leben kamen. Das Land versank für Monate im Chaos, Menschen wurden gelyncht, gefoltert, in den Selbstmord getrieben und nebenbei ein Großteil des künstlerischen und kulturhistorischen Erbes einer jahrtausendealten Kultur vernichtet.

Während Mao seinem Volk Entsagung predigte, lebte er selbst in Saus und Braus und umgab sich nach Angaben seines ehemaligen Leibarztes Li Zhisui selbst noch im hohen Alter mit jungen Mädchen. Selbstverständlich ist Li Zhisuis Erinnerungsbuch in China verboten.

Die Kommunistische Partei hat sich Mao Tsetungs bereits kurz nach seinem Tod 1976 entledigt. Damals wurde die Witwe Maos festgesetzt. 1981 kam es dann zu einem großen Schauprozess gegen sie und drei andere Weggefährten Maos, die als "Viererbande" der Verschwörung bezichtigt und zum Tod verurteilt wurden. Maos Witwe wurde zwar nicht gehängt, nahm sich aber 1991 in Haft das Leben.

Gute Geschäfte mit dem Mythos

Alles vergeben und vergessen, zumindest vordergründig. An Maos 110. Geburtstag fand in Pekings großer Halle des Volkes eine Gala statt, deren Eintrittskarten ein durchschnittliches chinesisches Monatsgehalt kosteten. Die Partei lobt die "revolutionären Tugenden" ihres einstigen Vorsitzenden, privatwirtschaftliche Verlage versuchen mit Ratgebern wie "Mit Mao Strategie lernen" Kasse zu machen. Jede Art von Devotionalien - Poster, Kalender, Anstecker, Feuerzeuge, CDs mit revolutionären Liedern - werden im ganzen Land feilgeboten. Ausstellungen ehren Mao, zwei Enkel haben verklärende Erinnerungsbücher verfasst, eines heißt schlicht und harmlos "Unser Familienalbum".

Heute kann die immer noch keinen Widerspruch duldende Kommunistische Partei Chinas mit Mao als totem Übervater an nationale, einigende Gefühle appellieren. Die Wirtschaft explodiert förmlich, die Gesellschaft differenziert sich sozial immer stärker. Da hilft die gemeinsame, möglichst verklärende Erinnerung. Der "lange Marsch" des "großen Vorsitzenden" führte sogar ins All: Die gleichnamige chinesische Rakete brachte am 30.12.2003 erstmals auch einen europäischen Satelliten in seine Umlaufbahn.

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