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Kultur

"Manifesta 10": Kunst in der Konfrontation

Bis zuletzt ein Politikum: die Manifesta. Begleitet von Boykottaufrufen wurde die aktuelle Biennale der modernen Kunst jetzt in St. Petersburg eröffnet wie geplant - mit künstlerischen Anstößen zum Nachdenken.

"Was finden Sie denn schön daran?", die Aufseherin der Halle Nummer 305 der Eremitage, eine ältere Dame mit Hornbrille, ist sichtbar genervt. Kontroverse Fragen hat die Kunst-Biennale im berühmtesten Museum von St. Petersburg bereits im Vorfeld ausgelöst.

Die deutsche Künstlerin Katharina Fritsch hat im ehemaligen Boudoir der Zarin Maria Alexandrovna ihre erotische Arbeit "Dame mit dem Hündchen" positioniert, als humorvolle Antwort auf die verschnörkelten historischen Interieurs des Zarenpalastes. Im benachbarten Saal wird eine historische Sammlung von Muschelsouvenirs russischer Zaren präsentiert. Als das DW-Team versucht, dort zu drehen, ruft die Aufseherin den Sicherheitsdienst. "Nicht erlaubt," ist die barsche Anweisung: "Bleibt bei Eurer Manifesta!".

Bildergalerie Manifesta 10 (Foto: DW A.Boutsko/R. Traube)

Rauminstallation der Künstlerin Katharina Fritsch für die Manifesta 10

Ein Beispiel, wie es dem deutschen Kurator Kasper König, seinem internationalen Team und auch den Künstlern ergangen sein muss: monatelang führten sie einen zermürbenden Kampf gegen die russische Bürokratie, Sturheit, Geldmangel und der Phobie vor Neuem und moderner Kunst. In der Metropole St. Petersburg gehört das zur offenbar allgemeinen Mentalität. Die "Manifesta 10" - das ist eine kollektive Heldentat und bereits ein Meilenstein der Kunst, nicht nur in der Geschichte der Eremitage. Eine hochaktuelle Kunst-Ausstellung aus einem Guss, die wichtige Fragen auch zu tabuisierten Themen stellt und subtil mit moderner Kunst provoziert.

Auf Augenhöhe mit Matisse

Das Hauptprojekt der Manifesta wird an zwei zentralen Orten ausgestellt: einmal im Hauptgebäude der Eremitage, dem prunkvollen Zarenpalast, der erst nach der russischen Oktoberrevolution zu einem Museum umfunktioniert wurde. Hier sind aktuelle Arbeiten zwischen Exponaten der Museums-Sammlung platziert - ein spannender Dialog.

Bildergalerie Manifesta 10

Kaspar König (links) mit dem Eremitage-Direktor Mikhail Piotrowski und Manifesta-Direktorin Hedwig Fiejen

Die Suche nach den Manifesta-Objekten im Labyrinth des Riesenpalastes gerät allerdings zur Suche nach der Nadel im Heuhaufen: jegliche Orientierungshinweise fehlen. Wird man endlich fündig, so wird man mit Kunstgenuss pur belohnt: etwa bei Arbeiten des Künstlers Tatsu Nishi. Der in Berlin lebende Japaner hat ein traditionelles russisches Holzhaus aus der Region samt Interieur ins zaristische Prunkgebäude verfrachtet. Ein üppiger Kronleuchter erhellt nun die simple Stube. "Friede den Hütten, Kampf den Palästen", könnte auch ein sinniger Titel sein.

Das eigentliche Hauptprojekt seiner Manifesta hat Kurator König auf der gegenüberliegenden Seite des Palastplatzes untergebracht: im westlichen Flügel des ehemaligen Generalstabsgebäudes. In dem früheren Hauptquartier des russischen Militärs ist nach mehrjähriger Umbauphase ein elegantes Museum für die Moderne Kunst entstanden. Zur Eröffnung der "Manifesta 10" (28.06.2014) haben hier großformatige Meisterwerke des französischen Malers Henri Matisse Einzug in die historischen Säle gehalten, darunter der legendäre "Tanz".

Bildergalerie Manifesta 10 (Foto: DW A.Boutsko/R. Traube)

Klassische Moderne: Der berühmte "Tanz" von Henri Matisse als Zugpferd für Besucher aus aller Welt

Auf vier Ebenen ist eine spektakuläre Kunstausstellung entstanden, die in ihrer ästhetischen Perfektion und Konsequenz ihresgleichen sucht. Sei es das sensible Porträt graziler, aber willensstarker junger russischer Tänzerinnen im Videoprojekt von Rijneke Dijkstra. Oder Erik van Lieshouts ironisch-zärtliches Hohelied auf die berühmte Katzenwelt, die die Eremitage vor Mäusen schützt.

Im Mittelpunkt der Schau steht die Installation von Thomas Hirschhorn. Der Künstler aus der Schweiz hat für seinen Manifesta-Beitrag eine ganze Fassade aufgerissen. In den entblößten Räumen entdeckt der Besucher erst auf den zweiten Blick einen echten Malewitsch, ein Gemälde des berühmten russischen Konstruktivisten - eingebettet zwischen Bauschutt und Möbeln.

Bildergalerie Manifesta 10 EINSCHRÄNKUNG (Foto: A.Boutsko/R.Traube DW )

Gewagte Konstruktion: Installation des Künstlers Thomas Hirschhorn

"Falsche Zeit für eine Luxusausstellung"

"Wir beteiligen uns nicht an dem Projekt von Kasper König. Für uns ist es der falsche Zeitpunkt für Luxusausstellungen dieser Art", sagt Dmitrij Vilenskij von der Aktionsgruppe Chto Delat? ("Was tun?"). Vilenskij sitzt an einem alten Tisch in der Kellerbar Old School, wo die "Schule für engagierte Kunst" - ein Projekt der russischen Aktionsgruppe - ihr Hauptquartier hat.

Bildergalerie Manifesta 10 (Foto: A.Boutsko/R.Traube/DW )

Dimitrij Vilenskij und Olga Zaplja von der russischen Aktionsgruppe "Chto Delat"

"Wir boykottieren sie nicht", stellt Vilenskij klar. "Aber wir sind auf keinen Fall dabei." Putins Russland führe einen widerlichen Krieg, fügt er hinzu. Deshalb fordere die Gruppe auch ein radikales Umdenken bei den Manifesta-Machern. Alles andere sei unehrlich und entspräche nicht "dem Geist der Kunst, die wir machen". Trotz zahlreicher Boykottaufrufe wurde die "Manifesta 10" plangemäß eröffnet. Erwartet werden rund 500.000 Besucher aus aller Welt.

Zur Information:

Die Manifesta ist eine Wander-Biennale, die in diesem Jahr von dem deutschen Kurator Kaspar König kuratiert wurde. Vom 28.6.bis zum 31. 10. 2014 sind in der Eremitage Arbeiten von 50 zeitgenössischen Künstlern zu sehen, u.a. auch von Joseph Beuys und Gerhard Richter.

Der berühmte russische Zarenpalast in St. Petersburg, der 2014 sein 250-jähriges Bestehen feiert, beherbergt neben dem Louvre und dem Prado eine der größten und bedeutensten Kunstsammlungen der Welt. Die Eremitage gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe.

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