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Amerika

Mangelware Kondom

Die Folgen der Planwirtschaft in Venezuela werden immer dramatischer. Es fehlen Nahrungsmittel, Hygieneartikel und Medikamente. Und auch ein anderes wichtiges Produkt ist kaum aufzutreiben.

Der Mangel an Kondomen in Venezuela scheint im ersten Moment Anlass zu Hohn und Spott zu bieten. Doch Heiterkeit ist hier fehl am Platz: Denn HIV-Infektionen und ungewollte Schwangerschaften sind in dem Karibikland ohnehin ernsthafte Probleme. Medienberichte, denen zufolge eine Packung Präservative in Venezuela mehr als ein iPhone koste, sind zwar mit großer Vorsicht zu genießen. Aber es stimmt, dass eine venezolanische Internetplattform, die auf knappe Konsumgüter spezialisiert ist, zwölf Markenkondome für 1600 Bolivares anbietet. Das entspricht etwa dem, was ein einfacher Angestellter im Staatsdienst als Wochenlohn erhält.

Seit einigen Wochen sucht man in Apotheken und Drogerien des Landes meist vergeblich nach Kondomen. Das Problem: In Venezuela werden keine Verhütungsmittel hergestellt, und die katastrophale Wirtschaftslage macht Importe, die nicht staatlich gestützt werden, nahezu unmöglich. Zumal die Regierung Devisenkäufe streng kontrolliert. Aktivisten befürchten nun, dass sich die ohnehin schon hohen Quoten bei Geschlechtskrankheiten und Jugendschwangerschaften weiter verschärfen könnten.

Hohe Zahl an Teenagerschwangerschaften

Nach Angaben des Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen wird jede fünfte Venezolanerin vor Erreichen des 18. Lebensjahres Mutter. Das venezolanische Gesundheitsministeriums kommt sogar schon auf eine Quote von 25 Prozent. Damit belegt das Land den unrühmlichen ersten Platz in Südamerika. In ganz Amerika werden - gemessen an der Bevölkerung - nur in Honduras und Nicaragua noch mehr Mädchen schwanger.

Personen stehen Schlange vor einer Apotheke in Venezuela. Im Schaufenster sind Toilettenpapierrollen gestapelt. (Foto: Federico Parra/AFP/Getty Images)

Lange Schlangen vor Apotheken und Drogerien: Klopapier gibt es derzeit, Kondome nicht

Der Hauptgrund dafür, sagt Magdymar León, sei die nach wie vor mangelhafte Sexualaufklärung in Venezuela. Die Psychologin leitet die Nichtregierungsorganisation AVESA - deren Name für "Vereinigung für eine alternative Sexualerziehung" steht. Ihre Arbeit zielt auf einen reflektierten und verantwortungsbewussten Umgang mit Sexualität ab, die auch den Gebrauch von Verhütungsmitteln einschließt. "Seit vergangenem Jahr herrscht ein Mangel an Anti-Baby-Pillen, nun wird es auch noch schwer an Kondome zu gelangen", sagt León.

Zahlen zu diesem Zeitraum liegen noch nicht vor, aber die braucht León auch nicht, um zu wissen: "Ein Anstieg der ungewolltem Schwangerschaften ist programmiert." Und mit ihnen wahrscheinlich auch ein Anstieg der Müttersterblichkeit, befürchtet León. Wie in den meisten lateinamerikanischen Ländern ist Abtreibung nämlich weitgehend verboten. Erlaubt ist sie nur, wenn das Leben der Mutter bedroht ist. "Mehr ungewollte Schwangerschaften bedeuten mehr illegale Abtreibungen", erklärt León, "und die stellen häufig eine Gefahr für die Schwangere dar."

Fehlende Aufklärungskampagnen

Der Mangel an Präservativen dürfte aber noch ein weiteres Problem verschärfen: Zwischen 2001 und 2012 ist die Zahl der HIV-infizierten Venezolaner laut der UNO-Organisation UNAIDS von 84.000 auf 110.000 angestiegen. Aktuellere Zahlen liegen noch nicht vor, doch Alberto Nieves von der Bürgeraktion gegen Aids (ACCSI) sagt: "Nicht nur Aids, aber auch andere Geschlechtskrankheiten wie Hepatitis B und Tripper sind in Venezuela weiter auf dem Vormarsch."

"Seit 2005 hat die Regierung keine Aufklärungskampagne gefahren", bemängelt der Aktivist Nieves." Dabei hätte sie in den diversen

staatsgeführten Medien

reichlich Möglichkeit dazu.

Screenshot venezolanische Internetseit Mercado Libre

800 Bolivar für sechs Kondome - 127 Dollar nach offiziellem Kurs. Nach Schwarzmarktkurs sind es immer noch 4,20 Dollar.

Tatenlose Regierung

Zwar rühmt sich die venezolanische Regierung unter Präsident Nicolás Maduro damit, kostenlos Aids-Medikamente zur Verfügung zu stellen. Doch seit 2009 hat Nieves' Bürgeraktion dokumentiert, dass es immer wieder zu starker Unterversorgung der Patienten kommt.

2005 fuhr die Regierung - noch unter Maduros Vorgänger Hugo Chávez eine groß angelegte Kampagne, in der sie eine Million Gratis-Kondome verteilte. Wie lange ein Land mit 30 Millionen Einwohnern damit auskommt, kann man sich ungefähr ausrechnen. Seit 2008 gab es gar keine Verhütungsmittel mehr von der Regierung.

Immerhin scheint man sich des Problems bewusst zu sein. Mitte 2013 kündigte Präsident Maduro an, mehrere Kondomfabriken zu errichten, um den Bedarf zu decken. Doch wie so oft, wenn Maduro etwas ankündigt, bleibt es dabei. Bisher werden in Venezuela jedenfalls keine Präservative produziert. Und importiert werden sie offenbar auch nicht mehr.

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