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Bücher

Manfred Wieninger: Der Engel der letzten Stunde

Ein österreichischer Provinzkrimi im besten Sinne: Manfred Wieninger hat die Kriminalliteratur mit Marek Miert um einen eigenwilligen Ermittler mit einem Hang zum Räsonieren und Granteln bereichert.

Buchcover: Wieninger - Der Engel der letzten Stunde

Wer einen properen Ermittler schätzt, der in Anzug und Krawatte seiner Arbeit nachgeht, der muss den jüngsten Marek-Miert-Krimi von Manfred Wieninger nicht lesen. Wem es hingegen nichts ausmacht, wenn der Detektiv schmuddelig ist, in einem heruntergekommenen Mietshaus wohnt, der dafür aber die Berufsehre hochhält und sich in keinem Fall kaufen lässt, der liegt bei diesem Buch goldrichtig. Mögen sollte man allerdings auch die ziemlich umständliche Erzählweise des Autors.

Kommerzialrat und Vorstadtalkoholikerin

Miert wird von Kommerzialrat Rudolf Schieder beauftragt, nach Helene Kafka zu suchen. Das elfjährige Mädchen ist vor fünf Wochen auf dem Schulweg mitten in Harland, einer österreichischen Provinzhauptstadt, spurlos verschwunden. Kommerzialrat Schieder wohnt im Villenviertel der Stadt, wo die Garagen so groß sind wie anderswo Einfamilienhäuser und wo einer wie Miert nicht ohne weiteres vorgelassen wird. Schieder hatte nach dem Krieg aus Schrott Lkw gebaut für die Rote Armee und besaß die einzige Werkstätte in Harland. Jetzt ist der Mann 90 Jahre alt und 90 Millionen Euro schwer. Und er will nicht sterben, bevor die kleine Kafka gefunden ist.

Miert beginnt die Ermittlungen bei Helenes Mutter. Sie ist eine völlig verwahrloste Vorstadt-Alkoholikerin. Sie will eigentlich nur gegen Geld aussagen, aber Miert zieht ihr die Würmer aus der Nase: Es gibt einen Freund Willi. Helene hat keinen Hausschlüssel gehabt, sie ist oft auch nicht nach Hause gekommen. Mehr kann Miert nicht aus der Mutter herausholen, weil sie nach dem dritten Achtelliter Cognac zusammen klappt.

Sprachlich gemischte Eindrücke

Beim Würstelstand in der Nachbarschaft weiß man, wer Willi ist. Miert erfährt auch, dass die Kafka gewaltige Schulden hat und diese offenbar "mit dem Arsch ihrer Tochter zahlen will". Willi ist nicht leicht zu finden, und dann will er nichts sagen. Am Schluss findet Miert das Kind, der Kommerzialrat stirbt und Miert kann noch einmal heldenhaft eine gute Tat vollbringen.

Wieninger verlangt dem Leser einiges ab: Der Krimi ist mit viel Sozialgetue verbrämt, was auf Kosten der Spannung geht. Bis kurz vor Schluss ist nicht klar, warum Miert Helene Kafka suchen soll. Der Autor beschreibt dafür umständlich und ausufernd dessen Lebensumstände und betont auch immer wieder dessen Ehrenhaftigkeit und Lauterkeit. Auch sprachlich bleiben gemischte Eindrücke zurück: Da gibt es hanebüchene Metaphern wie ein Doppelbett, das so stabil ist wie ein "Walzer tanzendes Wildschwein". Aber auch wunderbare Wortschöpfungen wie "ekelkalter Nieselregen" oder ein "schmerzzerfaserter Mund". Nur wer nicht einen gängigen, geradlinigen Krimi erwartet, ist mit diesem Buch gut bedient.


Manfred Wieninger
Der Engel der letzten Stunde
Haymon, 2005
ISBN 3-85218-489-4
EUR 17,90