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Deutschland

Manche Migranten sind stärker benachteiligt

Gastarbeiter oder Spätaussiedler? Diese auch politische Unterscheidung verschiedener Migrantengruppen in Deutschland hat längerfristige Benachteilungen zur Folge, wie der Politikerwissenschaftler Andreas Wüst betont.

Andreas Wüst (Foto: DW)

In der Integrationsdebatte geht es immer wieder darum, welche Migranten besser und welche schlechter in die Gesellschaft integriert sind. Bestandsaufnahmen über die Integration verschiedener Migrantengruppen sind zweifellos wichtig. Sie helfen unter anderem herauszufinden, welche Gruppen größere Integrationsprobleme haben und welche schon besser integriert sind. Vor allem das sogenannte Monitoring, das heißt wiederholte Bestandsaufnahmen mit den gleichen Indikatoren in festen Zeitabständen, ist nützlich, da man dann auch sieht, bei welchen Gruppen sich der Integrationsgrad im Zeitverlauf wie stark verbessert oder verschlechtert hat.

Differenzierung ist wichtig

Bei der Interpretation solcher Daten ist es allerdings wichtig, nicht an der Oberfläche zu bleiben. So zeigte zum Beispiel der Bericht "Ungenutzte Potenziale" des Berlin-Instituts aus dem Januar 2009, dass Aussiedler in einigen wichtigen Bereichen wie bei Bildungsgraden oder Eheschließungen außerhalb der eigenen Gruppe deutlich besser in die Gesellschaft integriert sind als Türkei-Stämmige. Dies wurde unter anderem an einem höheren Grad an Integrationsdynamik der zweiten Generation festgemacht.

Für sich genommen sind diese Befunde nicht falsch. Doch wissen wir beispielsweise, dass es große Unterschiede zwischen Türkeistämmigen mit und ohne deutsche Staatsbürgerschaft gibt. Und auch die Gruppe der Aussiedler ist keinesfalls homogen. Es gibt sehr gut integrierte Rumäniendeutsche und deutlich schlechter integrierte Russlanddeutsche. Doch selbst wenn wir Aussiedler und Spätaussiedler in eine Gruppe zusammenfassen und mit Türkeistämmigen vergleichen: Warum gibt es Unterschiede?

Umarmung oder Abschiedsgruß?

Eine Antwort liegt in der Gruppierung selbst: Aussiedler und Spätaussiedler waren privilegierte Einwanderer, die als deutsche Staatsbürger anerkannt wurden und über lange Zeit exklusive Integrationshilfen erhielten. Türkeistämmige hingegen gehörten zur Gruppe der sogenannten Gastarbeiter, deren Rückkehr - nicht die Integration - zeitweise finanziell unterstützt wurde. Während die einen, bildlich gesprochen, umarmt wurden, erhielten die anderen nur einen Abschiedsgruß.

Die Folgen dieser Politik sind vielfältig: ein hoher Grad an räumlicher Konzentration der Türkeistämmigen, niedrige Einbürgerungsraten und Integrationsdefizite eines beträchtlichen Teils dieser Gruppe. Seit 1998 gibt es zwar Bemühungen von den jeweiligen Bundesregierungen, Benachteiligungen für nicht-deutschstämmige Migranten abzubauen, doch es wird länger dauern, bis alle Gruppen auch von der Bevölkerung prinzipiell gleichbehandelt werden.

Im Integrationsbarometer 2010 des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen zu Integration und Migration hat man unter anderem untersucht, welche Erfahrungen von Benachteiligung verschiedene Bevölkerungsgruppen in unterschiedlichen Lebensbereichen gemacht haben und wie groß ihr Vertrauen in andere Bevölkerungsgruppen ist.

Infografik Deutschland-Zoom 2010 Benachteiligungserfahrungen

Wie man in der Grafik sieht, kommen Benachteiligungen seltener vor als man vielleicht erwartet hätte. Dennoch sind Erfahrungen von Benachteiligung bei Türkeistämmigen deutlich häufiger als bei Aussiedlern und Spätaussiedlern. Insofern kann man sagen, dass Türkeistämmige häufiger als andere Migrantengruppen zumindest den Eindruck haben, benachteiligt zu werden.

Das Umfeld prägt

Integration ist das Ergebnis eigenen Bemühens, das aber je nach Umgebung unterschiedlich erfolgreich sein kann. Damit ist weder gesagt, dass man sich in einem weniger guten Umfeld nicht integrieren kann oder dass ein gutes Umfeld alleine automatisch zu Integration führt. Aber ein Umfeld ohne Benachteiligungen ist sicher eine bessere Voraussetzung für den Integrationserfolg.

So entsteht im Übrigen auch Vertrauen zwischen Migranten und der Mehrheitsbevölkerung. Dieses Vertrauen ist, folgt man dem Integrationsbarometer des SVR, unter Aussiedlern und Spätaussiedlern deutlich höher als unter Türkeistämmigen. Und während die Kinder von Aussiedlern noch etwas mehr Vertrauen in die Mehrheitsbevölkerung setzen als ihre Eltern, gibt es diese Verbesserung von einer zur nächsten Generation bei Türkeistämmigen nicht. Es sind noch einige vertrauensbildende Maßnahmen nötig, um mehr Vertrauen zu schaffen, das die Integration erleichtern würde.

Autor: Andreas Wüst
Redaktion: Kay-Alexander Scholz

Andreas Wüst (Foto: privat)

Dr. Andreas Wüst, geboren 1969, ist Politikwissenschaftler am Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung. Sein Forschungsschwerpunkt ist u. a. das Thema Migranten und deren politische Integration. Er wohnt in der Nähe von Heidelberg.