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Deutschland

"Man vermittelt den Türken kein Zugehörigkeitsgefühl"

55 Jahre nach dem Anwerbeabkommen zwischen Deutschland und der Türkei sind viele Türken noch immer nicht voll integriert, sagt Gökay Sofuoglu, Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland (TGD).

Deutsche Welle: Vor 55 Jahren schloss die Bundesrepublik Deutschland mit der Türkei ein Anwerbeabkommen für Gastarbeiter. Wie erging es den Türken, die nach Deutschland kamen?

Gökay Sofuoğlu: Die waren natürlich erst mal glücklich, dass sie eine Arbeit gefunden haben, dass sie ins Ausland gekommen sind. Aber sie waren nicht richtig vorbereitet auf die Zeit. Sie hatten eigentlich nur im Kopf, dass sie Geld verdienen und wieder in die Türkei zurückkehren. Sie hatten nicht vor zu bleiben, was ja später ganz anders dargestellt wurde.

Aber viele sind ja geblieben. Nach Angaben des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) leben in Deutschland mittlerweile rund 2,9 Millionen Menschen mit türkischen Wurzeln. Was hat sich in den letzten 55 Jahren im Hinblick auf die Türken verändert?

Es hat sich vieles verändert. Sowohl für die Türken in Deutschland, aber natürlich auch für Türken in der Türkei. Da waren viele Familien, deren Angehörige im Ausland gelebt haben, die viel Geld verdient haben und in der Türkei investiert haben. Für die Türken hat die Zeit hier eher mit Arbeit und mit Zukunftsperspektiven angefangen. Nachdem die Menschen sich entschieden haben hier zu bleiben, haben sie auch angefangen sich Sorgen zu machen. Sorgen, dass man die Heimat für immer verlässt. Sorgen, dass man in Deutschland keine Wohnung findet. Sorgen, dass man hier die Sprache nicht lernt, was ja in der Anfangszeit des Anwerbeabkommens nicht unbedingt wichtig war, weder für die deutsche Regierung, noch für die Türken, die gekommen sind. 

Und sie mussten ganz oft von den deutschen Politikern hören, dass die Türken nicht integriert sind. Welche Gründe sehen Sie dafür, dass die Integration der Türken lange nicht gut funktioniert hat?

Ich denke die Gründe liegen darin, dass man von Anfang an die Menschen nicht als Menschen mit Bedürfnissen gesehen hat, sondern als Arbeitskräfte. Dementsprechend hat man keine Maßnahmen ergriffen, man hat kein großes Interesse gehabt, dass die Menschen, die hierher gekommen sind auch die deutsche Sprache lernen. Die sollten arbeiten, man brauchte ja jede helfende Hand. Und da waren die sogenannten Gastarbeiter aus der Türkei natürlich sehr willkommen, da hat man vernachlässigt, dass sie auch die Sprache lernen. Deswegen hatten sie keinen Kontakt zur Gesellschaft, keinen Kontakt zum Alltag der Menschen.

Deutschland Berlin Gökay Sofuoglu Türkische Gemeinde Deutschland (picture-alliance/dpa/G. Fischer)

Gökay Sofuoglu ist Bundesvorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland

Hat die deutsche Politik in den Jahren aus ihren Fehlern etwas gelernt?

Die deutsche Politik sagt immer, dass sie aus den Fehlern gelernt hat. Aber wenn ich mal die Gesetzgebung in den letzten Jahren oder Jahrzehnten anschaue, ich bin jetzt seit 36 Jahren hier, die Gesetzgebung ist nicht unbedingt motivierend für die Menschen in Deutschland. Das hat mehr mit Sanktionen zu tun. Dass man den Menschen nicht unbedingt das Zugehörigkeitsgefühl vermittelt. Aber trotzdem: Seit einigen Jahren gibt es Sprachschulen mit Deutschkursen. Ich denke wir sind auf dem richtigen Weg - aber leider 50 Jahre zeitverzögert.

Was sind die größten Versäumnisse der türkischen Migranten?

Die Versäumnisse der türkischen Migranten und der türkischen Organisationen sind natürlich auch groß. Man hat sich immer stark von der Türkei und von der türkischen Politik beeinflussen lassen. Man hat sich eher für die türkische Innenpolitik engagiert als für die Belange in Deutschland. Was leider jetzt wieder der Fall ist, ist, dass die türkische Politik an den Türken in Deutschland sehr stark interessiert ist, wenn ich mal sehe wie die Parteien händeringend Anhänger in Europa suchen. Wir haben jetzt die Situation, die wir vor 20 Jahren hatten, dass unter den Türken die türkische Innenpolitik präsenter ist als die deutsche Politik, was eigentlich für das Leben in Deutschland schade ist.

Wie ergeht es den in Deutschland lebenden Türken heute?

Sie leben natürlich im Zwiespalt. Auf der einen Seite wollen Sie sich zu Deutschland zugehörig fühlen. Aber auf der anderen Seite haben sie sehr viele Hürden in Deutschland zu nehmen. Es geht um Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt, es geht um gleiche Chancen auf dem Wohnungsmarkt, Aufstiegschancen erfolgreicher türkischstämmiger Akademiker in den Betrieben und im öffentlichen Dienst. Die Türkischstämmigen sind im öffentlichen Dienst nicht genug vertreten. Das hat auch damit zu tun, weil sehr viele sich zu wenig zutrauen. Aber auf der anderen Seite hat der deutsche Staat nicht unbedingt akzeptiert, dass Türkischstämmige, die jetzt in dritter Generation hier leben, auch zu diesem Land gehören und genauso im Interesse dieses Landes agieren können.   

Viele Türken in Deutschland haben nach Jahren hier immer noch nicht das Gefühl, von der deutschen Gesellschaft angenommen zu werden. Woran liegt das?

Das liegt daran, dass man den Menschen dieses Zugehörigkeitsgefühl nicht vermittelt hat. Wenn man bedenkt, dass wir seit 55 Jahren hier leben, aber immer noch kein kommunales Wahlrecht bekommen haben, dass in Deutschland ein latenter Alltagsrassismus herrscht, dass wenn die Menschen einen türkischen Namen haben, sie bei der Wohnungssuche, bei der Arbeitssuche Probleme haben. Auch in der Schule gibt es immer noch Probleme, wenn man aus der Türkei kommt. 

Aber es gibt auch sehr erfolgreiche Türken. Wie Grünen-Chef Cem Özdemir in der Politik, Mesut Özil im Fußball oder Regisseur Fatih Akın im Kino. Welche Erfolge haben die Türken in Deutschland erzielt?

Erstmal haben die Türken sehr große wirtschaftliche Erfolge erzielt. Inzwischen gibt es sehr viele türkischstämmige Unternehmen, die mehrere Tausend Menschen beschäftigen, die für die deutsche Wirtschaft unverzichtbar sind. Es gibt natürlich auch einzelne erfolgreiche Menschen, nicht nur im Fußball, sondern auch im Fernsehen. Wenn ich jetzt Nazan Eckes oder Pınar Atalay von den ARD Tageshemen anschaue oder einige Schauspieler oder Künstler, da sieht man, was aus den Arbeiterkindern geworden ist. Die sind natürlich sehr wichtige Vorbilder für die nächsten Generationen.

Bildung ist ja auch ein wichtiger Indikator für die Integration. Wie hat sich das Bildungsniveau in den vergangenen 55 Jahren verbessert? 

Ich denke, wenn man die jetzige Bildungssituation mit der von vor 20 Jahren vergleicht, hat sich einiges verbessert. Es gibt mehr Abiturienten, mehr türkischstämmige Studenten, und das, obwohl die Gruppe ja sozial benachteiligt ist. Vom Bildungsniveau her sind ja keine Akademiker aus der Türkei gekommen. Es waren Arbeiter, teilweise ungelernte Arbeiter. Die haben ihre Kinder nicht entsprechend unterstützen können. So war auch das Bildungsniveau der zweiten Generation nicht hoch. Aber jetzt, bei der dritten Generation, sehe ich, dass viele Jura, Medizin oder BWL studieren. Die sind jetzt erfolgreicher als die damalige Generation.

Was fordern Sie von der Bundesregierung, um die Situation der in Deutschland lebenden Türken zu verbessern?

Wir fordern eine klare Haltung zu Alltagsrassismus. Wir fordern, dass der NSU-Prozess auf jeden Fall Aufklärung gibt und dass ein Vertrauensverhältnis hergestellt wird. Wir fordern, dass der Vielfaltsgedanke im Grundgesetz verankert wird. Wir fordern, dass die Türkischstämmigen endlich als vollwertige Mitglieder dieser Gesellschaft anerkannt werden. Und wir fordern auch von der türkischen Gemeinde, dass sie sich zu diesem Land zugehörig fühlen und dass sie sich für die Zukunft des Landes einsetzen.

Gökay Sofuoğlu ist Bundesvorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland.

Das Gespräch führte Jülide Danışman.

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